OpenAI

GPT-6: Wie AGI ein Fall für die Marketing-Abteilung wurde

GPT-6. © OpenAI / Collage: Trending Topics
GPT-6. © OpenAI / Collage: Trending Topics

Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.

OpenAI-Präsident Greg Brockman begrüßt die Welt in der AGI-Ära, Nvidia-Chef Jensen Huang erklärt die allgemeine künstliche Intelligenz für angekommen, immer mehr Menschen fürchten sich vor wildgewordenen KI-Agenten, die Online-Plattformen und Wikis angreifen.

Seit dem Launch von GPT-6 Astra am vergangenen Donnerstag streitet die Branche über eine Frage, die sie seit Jahren begleitet: Ist damit Artificial General Intelligence erreicht? Die Antworten fallen auch innerhalb der beteiligten Unternehmen unterschiedlich aus.

Die Aussagen der Beteiligten

Bei der Vorstellung des Modells sagte Brockman den Satz, der die Debatte auslöste: „Welcome to the AGI era.“ Auf die Frage, ob Astra dieser Punkt sei, antwortete er laut Axios: „I think it might be about this model.“ Zugleich beschrieb er AGI als eher missionarisches oder spirituelles Konzept, also weniger als messbare Schwelle.

Kurz darauf erklärte Jensen Huang auf X: „AGI has arrived“. Er verwies dabei auf die rund 100.000 Grace-Blackwell-Systeme, auf denen Astra trainiert wurde, und kündigte weitere 400.000 GPUs an. Nvidia ist zugleich Lieferant und Investor: Der Konzern hält nach mehreren Finanzierungsrunden eine Beteiligung an OpenAI im Umfang von rund 30 Milliarden Dollar.

Sam Altman formulierte vorsichtiger. In einem Gespräch mit Journalist Alex Heath stellte er zunächst den Begriff selbst infrage, AGI sei schlecht definiert. Auf die OpenAI-Charta angesprochen, die AGI als hochautonome Systeme beschreibt, die Menschen bei den meisten wirtschaftlich wertvollen Tätigkeiten übertreffen, antwortete er: „Sort of. Close at least.“ Viele würden die neuesten internen Modelle als sehr AGI-ähnlich betrachten, andere könnten auf Aufgaben verweisen, an denen sie weiterhin scheitern. Ein internes System, das er selbst als AGI bezeichnen würde, erwartet er bis Jahresende.

Was das Modell messbar leistet

Die stärksten Belege für einen Sprung liefert der Benchmark ARC-AGI-3, bei dem Modelle unbekannte Spielumgebungen erkunden, Regeln erschließen und Handlungen planen müssen. Die ARC Prize Foundation berichtet zwei Werte: 62,7 Prozent im standardisierten Testaufbau und 99,9 Prozent in einer Konfiguration, die den Denkzustand des Modells über Anfragen hinweg erhält. Der Vorgänger kam auf 7,78 Prozent. ARC-Mitgründer François Chollet beschreibt das Verhalten als effizientes symbolisches Weltmodellieren und zieht seine bisherige AGI-Prognose von 2030 nach vorne, weil der Fortschritt schneller eintrete als erwartet.

Dieselbe Organisation grenzt ihr Ergebnis allerdings ein: Ein ausgeschöpfter ARC-AGI-3-Benchmark wäre kein Beweis für AGI, weil dessen abgeschlossene Spielwelten die Offenheit realer Aufgaben nicht abbilden.

Andere Ranglisten kommen zu anderen Reihenfolgen. Artificial Analysis bewertete Astra zunächst mit 61 Punkten im Intelligence Index, gleichauf mit GPT-5.6 Sol und hinter Claude Fable 5.1 mit 66 Punkten, wie auch Trending Topics berichtete. Nach der Überarbeitung des Index am vergangenen Freitag, die anspruchsvollere Aufgaben aufnahm und den Anteil nicht öffentlicher Testdaten auf 40 Prozent verdoppelte, liegt Astra vier Punkte vor Sol und weiterhin hinter Fable 5.1. Epoch AI führt das Modell dagegen mit 169 Punkten auf Platz eins von 267 bewerteten Systemen.

Daraus folgt eine naheliegende Rückfrage: Warum sollte GPT-6 Astra AGI sein, wenn Anthropic für das Modell, das im Intelligence Index davor liegt, diesen Anspruch gar nicht erhebt?

Aus dem Launch selbst stammen weitere Kennzahlen: Astra wurde auf über 100.000 GPUs im Stargate-Rechenzentrum in Texas trainiert, kostet in der API 10 Dollar pro Million Input- und 50 Dollar pro Million Output-Token und erreichte laut OpenAI die interne Risikostufe „kritisch“ im Bereich Cybersicherheit, weshalb der Zugang zunächst gestaffelt erfolgt.

Die Fachdebatte

Der Streit dreht sich stark um die Definition. Die Kognitionswissenschaft meldet Vorbehalte an: Gary Marcus nennt Astra einen echten Fortschritt und sieht seine Forderung nach symbolischen Weltmodellen bestätigt. Offen bleibe für ihn, wie robust diese Fähigkeit außerhalb überschaubarer Tests funktioniere, zumal das System nach Angaben von OpenAI schwerer zu überwachen sei als frühere Modelle. Huangs Aussage kritisiert er wegen fehlender Definition und Beweisführung.

Eine Gegenposition kam bereits Anfang des Jahres aus der Forschung. Die UC-San-Diego-Wissenschaftler:innen Eddy Keming Chen, Mikhail Belkin, Leon Bergen und David Danks argumentierten in einem Nature-Kommentar, dass heutige Sprachmodelle vernünftige Kriterien allgemeiner Intelligenz bereits erfüllen. Sie messen Allgemeinheit an Breite und Tiefe der Fähigkeiten, ausdrücklich ohne Perfektion vorauszusetzen. Der Kommentar entstand vor Astra und bewertet das Modell selbst nicht.

Damit stehen zwei Maßstäbe nebeneinander: einer, der von AGI verlangt, in offenen realen Aufgaben zuverlässig zu bestehen, und einer, der menschliche Fehlbarkeit als Vergleichsgröße akzeptiert. Je nach Maßstab fällt die Antwort auf dieselben Messwerte unterschiedlich aus.

Welche Rolle der Microsoft-Vertrag spielt

Lange hatte der Begriff AGI zwischen OpenAI und Microsoft eine vertragliche Funktion. Eine frühere Vereinbarung koppelte Microsofts Rechte an den Zeitpunkt, an dem OpenAI AGI erklärt und ein unabhängiges Expertengremium dies bestätigt. Mit der Neufassung vom Frühjahr ist diese Klausel entfallen. Die zentralen Bedingungen hängen nun an festen Laufzeiten:

  • Umsatzbeteiligung: OpenAI zahlt bis 2030 an Microsoft, mit einer Gesamtkappung und unabhängig vom technologischen Fortschritt. Microsoft zahlt keine Umsatzbeteiligung mehr an OpenAI.
  • Lizenz: Microsofts Zugriff auf Modelle und Produkte läuft bis 2032 und ist nicht mehr exklusiv.
  • Cloud: OpenAI darf seine Produkte über beliebige Anbieter vertreiben, Azure bleibt bevorzugte Startplattform.
  • Beteiligung: Microsoft bleibt Großaktionär.

Eine AGI-Erklärung löst nach den öffentlich beschriebenen Bedingungen also weder das Ende der Lizenz noch das Ende der Zahlungen aus. Die vollständigen Vertragsdokumente sind nicht öffentlich, weshalb sich einzelne Detailregeln von außen nicht abschließend beurteilen lassen.

Insofern hat die Frage AGI oder nicht für OpenAI an vertraglicher Bedeutung verloren, die Bindung an Microsoft bleibt so oder so bestehen.

Offene Punkte

Für Anwender:innen und Unternehmen bleibt vorerst eine praktische Frage im Vordergrund: welche Aufgaben Astra zuverlässig erledigt, wie viel Kontrolle dabei nötig ist und wo die Grenzen liegen. Unabhängige Prüfungen über längere Zeiträume und außerhalb von Benchmarks stehen noch aus, ebenso wie eine gemeinsame Definition, an der sich eine AGI-Erklärung überhaupt überprüfen ließe.

Was bleibt, ist ein Begriff ohne gemeinsame Definition und ohne überprüfbaren Nachweis. Die Schwelle aus OpenAIs eigener Charta ist unbeantwortet, der wichtigste Benchmark taugt nach Aussage seiner Betreiber ausdrücklich nicht als Beleg, die Ranglisten kommen zu gegensätzlichen Ergebnissen, und seit der Vertragsneufassung hängt an dem Wort auch wirtschaftlich nichts mehr. AGI bleibt damit ein unerfülltes Hülsenwort, das derzeit vor allem einem Zweck dient: dem Marketing.

Rank My Startup: Erobere die Liga der Top Founder!
Werbung
Werbung

Specials unserer Partner

Die besten Artikel in unserem Netzwerk

Deep Dives

Wasner + Steinschaden | Der KI Podcast

News, Modelle, Strategien
#glaubandich CHALLENGE: SVAN triumphiert in Klagenfurt

#glaubandich CHALLENGE 2027

Österreichs größter Startup-Wettbewerb - Top-Investoren mit an Bord
© Wiener Börse

IPO Spotlight

powered by Wiener Börse

RankMyStartup.com

Steig' in die Liga der Top Founder auf!

2 Minuten 2 Millionen | Staffel 13

Alle Startups | Alle Deals | Alle Hintergründe

Future{hacks}

Zwischen Hype und Realität

Trending Topics Tech Talk

Der Podcast mit smarten Köpfen für smarte Köpfe

Weiterlesen

Newsletter

Founders Dispatch

Zwei Mal pro Woche kostenlos in die Inbox: die wichtigsten Startups, Deals und Tech-Entwicklungen aus Europa, handgeschrieben von der Redaktion.

Jederzeit abbestellbar. Mehr über den Newsletter