White Hat?

320 Mio. Dollar in Bitcoin abgeflossen: Was beim Hack des Liquid Network passiert ist

Bitcoin. © Art Rachen on Unsplash
Bitcoin. © Art Rachen on Unsplash

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Aus der Federation-Wallet des Liquid Network sind rund 4.000 Bitcoin im Gegenwert von etwa 320 Millionen Dollar abgeflossen. Das bestätigte der Betreiber der Bitcoin-Sidechain am Wochenende in einem Statement auf X. Die Personen hinter dem Abfluss bezeichnen sich selbst als White-Hat-Hacker, also als Sicherheitsforscher:innen, die eine Lücke offenlegen wollen. Bestätigt ist diese Selbstbeschreibung nicht.

Das Netzwerk ist seit dem Vorfall faktisch angehalten. Die sogenannten Bridge Nodes wurden deaktiviert, neue Transaktionen können nicht mehr eingereicht werden. Krypto-Börsen haben Ein- und Auszahlungen von L-BTC pausiert. Andere auf Liquid ausgegebene Assets wie USDT, DePix oder tokenisierte Real World Assets sind laut Betreiber nicht betroffen.

Was das Liquid Network ist

Liquid ist eine 2018 von Blockstream gestartete Sidechain zu Bitcoin, also ein eigenständiges Blockchain-Netzwerk, das an das Bitcoin-Netzwerk angedockt ist. Es adressiert ein praktisches Problem von Krypto-Börsen: Die Bitcoin-Blockchain ist für den Handelsalltag zu langsam. Nutzer:innen können deshalb Bitcoin in das Netzwerk einbringen (Peg-in) und erhalten dafür im Verhältnis 1:1 sogenannte L-BTC. Diese lassen sich schneller und mit vertraulichen Beträgen übertragen, was Liquid vor allem für Handelsfirmen, Börsen und die Ausgabe von Token interessant macht. Beim Peg-out läuft der Vorgang umgekehrt: L-BTC werden vernichtet, die hinterlegten echten Bitcoin fließen wieder ab.

Verwahrt werden die hinterlegten Bitcoin nicht von einem einzelnen Unternehmen, sondern von der Liquid Federation, einem Verbund aus mehr als 80 Börsen, Infrastrukturanbietern und Asset Managern. Für eine Auszahlung müssen 11 von 15 dafür bestimmten Stellen signieren. Zusätzlich sichert ein Mechanismus namens Peg-out Authorization Key (PAK) ab, dass Bitcoin nur an vorab registrierte Adressen fließen können.

Weil fast die gesamte Reserve abgeflossen ist, steht genau dieses Modell nun infrage: L-BTC ist nur so viel wert wie die hinterlegten Bitcoin, die es decken.

Was Blockstream damit zu tun hat

Blockstream ist das Unternehmen hinter der Technologie. Die Firma um Bitcoin-Urgestein Adam Back hat Liquid entwickelt und stellt mit Elements die Software bereit, auf der die Sidechain läuft. Back ist einer der wenigen Menschen, die im Bitcoin-Whitepaper namentlich zitiert werden, sein 1997 entwickeltes Hashcash gilt als Vorläufer des Proof-of-Work. Deshalb halten ihn manche in der Szene für Satoshi Nakamoto, also die bis heute unbekannte Person oder Gruppe hinter Bitcoin. Back selbst hat das stets bestritten. Blockstream ist damit zentraler Technologielieferant und Koordinator, betreibt das Netzwerk aber nicht allein: Die Kontrolle über die Reserven liegt bei der Federation. Das Unternehmen ist auch abseits von Liquid im Bitcoin-Umfeld aktiv, etwa mit Mining-Hardware und der Lightning-Implementierung Core Lightning, und hat in der Vergangenheit unter anderem 125 Mio. Dollar aufgenommen.

Kein gestohlener Schlüssel, sondern ein Software-Fehler

Auffällig ist, wie der Abfluss zustande kam. Laut Liquid wurden die Bitcoin über den PAK des Federation-Mitglieds SideSwap ausgezahlt, dieser Schlüssel sei aber nicht kompromittiert worden, ebenso wenig andere Schlüssel. SideSwap selbst erklärt, die Transaktion wie einen regulären Kundenauftrag verarbeitet zu haben und die betreffenden L-BTC nicht von echten unterscheiden haben zu können.

Der Grund dafür liegt nach bisherigem Stand in einem Fehler in der Elements-Software. Liquid verschleiert Beträge und Asset-Typen standardmäßig über Confidential Transactions. Deren Gültigkeit wird über kryptografische Rangeproofs geprüft, und um Rechenzeit zu sparen, merken sich Nodes bereits geprüfte Beweise in einem Cache. Dieser Cache war offenbar zu grob adressiert: Er berücksichtigte weder das Asset-Commitment noch das Ausgabeskript. Dadurch konnten Beweise wiederverwendet und L-BTC erzeugt werden, die keine Deckung hatten. Weil die Beträge verschlüsselt sind, fiel das nicht auf. Sichtbar wurde der Vorgang erst, als die ungedeckten L-BTC in echte Bitcoin getauscht wurden, wie Cryptobriefing und Crypto Times berichten.

Alle Sicherheitsmechanismen der Federation griffen dabei formal korrekt. Die Multisig-Signaturen wurden geleistet, der PAK war gültig, buchhalterisch wurde die passende Menge L-BTC vernichtet. Die Prüfung stellte nur nie die Frage, ob diese L-BTC überhaupt hätten existieren dürfen. Ein entsprechender Fix im Elements-Code war laut Analysen bereits im Sommer geschrieben und Anfang September in den Entwicklungszweig übernommen worden, in der zuletzt veröffentlichten Version war er aber noch nicht enthalten.

Von den zuvor rund 4.200 Bitcoin in der Federation-Wallet blieben nach dem Abfluss nur etwa 197 übrig. Sollten die Peg-outs wieder geöffnet werden, bevor die Mittel zurückfließen, droht L-BTC unter seinen nominellen Gegenwert zu rutschen.

Verhandlung über die Blockchain

Kommunikation zwischen beiden Seiten läuft derzeit über Nachrichten, die direkt in Bitcoin-Transaktionen geschrieben werden. Die Gegenseite meldete sich mit der Zeile „we are whitehats. contact us on chain“, Blockstream verwies auf eine Kontaktadresse für Sicherheitsmeldungen. Inzwischen haben die Akteur:innen laut crypto.news angeboten, „den Großteil“ der Bitcoin zurückzugeben, allerdings unter einer Bedingung: Zuerst müsse der Fehler behoben und der Patch auf allen Nodes ausgerollt sein.

„Please fix the bug first. The chain is under risk at least commit right now. Make sure every node is patched. Then we will transfer the money back safely after confirming the fix“, heißt es in einer der Nachrichten, die CoinDesk dokumentiert hat. Wie viel „den Großteil“ konkret bedeutet, ist offen, ein Zeitplan wurde nicht genannt. Zurückgeflossen ist bislang nichts, und Liquid hat auch nicht mitgeteilt, wann das Netzwerk wieder öffnet.

Als White Hat gilt üblicherweise, wer eine Lücke findet, bevor kriminelle Akteur:innen sie ausnützen. In der Praxis bewegen solche Hacker:innen die Mittel oft trotzdem und verlangen für die Rückgabe eine Prämie. Ob die Bezeichnung hier zutrifft, ist umstritten: Ledger-CTO Charles Guillemet verwies darauf, dass Sicherheitsforscher:innen eine Lücke normalerweise melden, bevor sie Reserven in dieser Größenordnung bewegen.

Offene Fragen

Für die Liquid Federation stellt sich nun die Frage, wie schnell das Netzwerk wieder anlaufen kann und unter welchen Bedingungen. Über den Einzelfall hinaus rückt der Vorfall erneut die Vertrauensannahmen von Bitcoin-Sidechains und Bridges in den Fokus: Nicht die Kryptografie der Federation ist hier gebrochen worden, sondern die Software, die entscheidet, welche Token als echt gelten. Der Vorfall zeigt, dass ein Multisig-Verbund nur so belastbar ist wie die Validierungslogik darunter.

Er reiht sich zudem in eine längere Serie von Sicherheitsvorfällen im Krypto-Sektor ein. Erst vergangene Woche flossen bei einer mit Crypto.com verbundenen Lending-Plattform rund 6 Mio. Dollar ab, im August war die Hardware-Wallet Coldcard betroffen.

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