HyperLiquid: Rasanter Aufstieg der dezentralen Krypto-Börse zwischen USA und Nordkorea
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Eine dezentrale Krypto-Börse mit elf Mitarbeitenden in Singapur ist zum wichtigsten Handelsplatz für Krypto-Derivate außerhalb der großen zentralisierten Anbieter geworden. Hyperliquid hat seit dem Start ein kumuliertes Handelsvolumen von mehr als fünf Billionen Dollar bei Perpetual Futures abgewickelt, alleine in den vergangenen 30 Tagen waren es laut DefiLlama rund 205 Milliarden Dollar. Das offene Interesse liegt aktuell bei etwa 13,3 Milliarden Dollar. Gleichzeitig gerät die Plattform gleich von zwei Seiten in den Fokus: Nordkoreanische Hacker:innen schleusen Gelder darüber, und die US-Regierung arbeitet daran, sie ins regulierte amerikanische Finanzsystem zu holen.
Auch der hauseigene Token spiegelt diesen Lauf wider: HYPE hat kürzlich mit rund 86,70 Dollar ein neues Allzeithoch markiert und kommt damit auf eine Marktkapitalisierung von etwa 20 Milliarden Dollar, was Platz 9 unter allen Krypto-Projekten bedeutet. Ein wesentlicher Treiber dahinter sind Rückkäufe und Verbrennungen: Über den sogenannten Assistance Fund wurden bereits Token im Wert von mehr als 1,3 Milliarden Dollar am offenen Markt gekauft, im Vorjahr entfielen laut Branchendaten rund 46 Prozent aller Token-Rückkäufe im gesamten Kryptosektor auf Hyperliquid. Die Validatoren haben zudem per Abstimmung beschlossen, rund 37 Millionen HYPE aus diesem Fonds dauerhaft als verbrannt zu behandeln, damals ein Gegenwert von etwa 920 Millionen Dollar. Im Umlauf sind derzeit rund 222 Millionen der maximal einer Milliarde Token.

Was Hyperliquid technisch anders macht
Hyperliquid ist eine dezentrale Börse (DEX) für Perpetual Futures, also Derivate, mit denen auf Preisentwicklungen spekuliert werden kann, ohne den Basiswert je zu besitzen und ohne dass der Kontrakt jemals ausläuft. Dieser Markt ist in der Krypto-Branche sechs- bis achtmal größer als der Handel mit den Coins selbst und lief bislang fast vollständig über zentrale Börsen wie Binance.
Der technische Unterbau ist eine eigens entwickelte Layer-1-Blockchain mit dem Konsensmechanismus HyperBFT, der auf dem HotStuff-Algorithmus aufbaut. Nach Angaben des Projekts sind bis zu 200.000 Transaktionen pro Sekunde bei einer Latenz unter einer Sekunde möglich. Das Herzstück ist ein vollständig on-chain betriebenes zentrales Limit-Orderbuch (HyperCore), während viele andere DEX auf Automated Market Maker setzen. Mit HyperEVM kam später eine Ethereum-kompatible Umgebung dazu, in der Entwickler:innen bestehende Smart Contracts ohne Anpassungen deployen können. Details dazu haben wir in unserer Analyse zum HYPE-Token beschrieben.
Für Nutzer:innen bedeutet das: Sie verbinden ihre Wallet direkt mit der Plattform, statt ein Konto zu eröffnen. Eine klassische Know-your-Customer-Prüfung gibt es dabei nicht. Hebel von bis zu 40x sind möglich.
Die Gründe für das Wachstum
Mehrere Faktoren erklären den Aufstieg. Erstens die Performance: Das Orderbuch-Design kommt zentralen Börsen nahe, ohne dass Nutzer:innen die Kontrolle über ihr Geld abgeben müssen. Zweitens der Verzicht auf Venture Capital. Ein Fonds bot dem Team kolportierte 100 Millionen Dollar, Gründer Jeffrey Yan lehnte ab. Stattdessen wurden 31 Prozent des HYPE-Angebots per Airdrop an rund 94.000 frühe Nutzer:innen verteilt, ohne Vesting und ohne Bedingungen. Beim Eröffnungskurs war das über eine Milliarde Dollar wert, auf dem Allzeithoch rund 16 Milliarden.
Drittens die Öffnung der Plattform. Mit dem Upgrade HIP-3 kann jede Partei, die 500.000 HYPE staked, eigene Perp-Märkte auflegen, die Parameter selbst festlegen und die Hälfte der Handelsgebühren behalten. Der aktivste dieser unabhängigen Anbieter, Trade[XYZ], hat Märkte für Silber, Rohöl und den S&P 500 gestartet, letzteren offiziell lizenziert von S&P Dow Jones Indices. Diese Märkte laufen rund um die Uhr, auch am Wochenende, wenn die klassischen Terminbörsen geschlossen sind. Als die USA und Israel an einem Samstag im Frühjahr begannen, den Iran zu bombardieren, sprang das Tagesvolumen beim Rohöl-Perp von 21 Millionen auf 3,7 Milliarden Dollar. Inzwischen entfällt rund die Hälfte des gesamten Hyperliquid-Volumens auf Märkte externer Anbieter. Ein weiteres Upgrade soll künftig auch Optionen und Prognosemärkte ermöglichen.
Viertens die Ökonomie des Tokens: Rund 99 Prozent der Protokollerlöse werden automatisch in HYPE getauscht und verbrannt. Das Team selbst nimmt keine Gebühren.
Wer hinter der Plattform steckt
Kernentwicklerin ist die in Singapur ansässige Hyperliquid Labs. Die zentrale Figur ist Jeffrey Yan, 31, aufgewachsen als Sohn chinesischer Einwander:innen in Redwood Shores bei San Francisco. Er gewann als Teenager Gold bei der Internationalen Physikolympiade, studierte in Harvard Mathematik und Informatik und arbeitete danach beim Hochfrequenzhändler Hudson River Trading. Nach einem gescheiterten Prognosemarkt-Startup baute er von Puerto Rico aus die anonyme Handelsfirma Chameleon Trading auf, die er nach dem Kollaps von FTX schloss, um Hyperliquid zu starten.
Das Team ist bis heute klein: elf Personen, rekrutiert vorwiegend aus dem Umfeld internationaler Mathematik- und Informatikolympiaden, die meisten davon unter Pseudonym. Im Vorjahr erwirtschaftete das Unternehmen laut einem ausführlichen Porträt des Magazins Colossus mehr als 900 Millionen Dollar Gewinn, was es zu einem der profitabelsten Unternehmen pro Kopf weltweit macht. Yan lebt seit einem Vorfall in seinem Wohnhaus mit Personenschutz, nachdem die Zahl gewaltsamer Überfälle auf Krypto-Vermögende deutlich gestiegen ist. Das Büro liegt bewusst außerhalb des Finanzdistrikts.
Reibungslos war der Aufstieg nicht. Im Frühjahr des Vorjahres manipulierte ein Trader den Kurs des Tokens JELLY und verursachte damit einen Verlust von rund zwölf Millionen Dollar im gemeinschaftlichen Liquiditäts-Vault HLP. Die Validatoren stimmten für eine Delistung und die Abrechnung zum Vor-Manipulations-Preis, was eine Debatte darüber auslöste, wie dezentral ein System ist, in dem zwei Dutzend Validatoren einen Marktpreis überschreiben können. Bitget-CEO Gracy Chen nannte das Vorgehen damals „unreif und unprofessionell“.
Nordkoreas Hacker:innen nutzen die Plattform
Wie CoinDesk unter Berufung auf Daten des Analyseunternehmens Arkham berichtet, haben nordkoreanische Hacker:innen in den vergangenen drei Wochen Bitcoin im Wert von mehr als 30 Millionen Dollar über Hyperliquid verkauft. Die betroffenen Wallets werden der staatlich unterstützten Lazarus Group zugerechnet und wurden ursprünglich vom Blockchain-Ermittler ZachXBT identifiziert. Mit den Erlösen wurden Ether und Solana gekauft, die anschließend an zentrale Börsen wie Kraken, LBank und KuCoin transferiert wurden.
Wem die empfangenden Konten dort gehören und ob die Börsen die Herkunft der Mittel kannten, ist offen. Kraken verweist auf ein Compliance-Programm mit Blockchain-Analyseanbietern, das Vermögenswerte sanktionierter Wallets blockieren soll. LBank betont, dass Risiken in einer plattform-, chain- und länderübergreifenden Branche kaum von einem einzelnen Anbieter allein erkannt werden könnten. KuCoin merkt an, dass öffentliche On-Chain-Daten Bewegungen zeigen, aber keine Compliance-Maßnahmen abbilden, die intern gesetzt werden. Hyperliquid selbst äußerte sich auf Anfrage nicht.
Neu ist das Phänomen nicht. Bereits Ende 2024 identifizierte die MetaMask-Sicherheitsforscherin Taylor Monahan Wallets, die mutmaßlich von nordkoreanischen Hacker:innen kontrolliert wurden und seit Monaten auf der Plattform handelten. Damals flossen an einem einzigen Tag netto rund 250 Millionen Dollar ab, die Börse betonte, es habe keinen Exploit und keine Verluste für Nutzer:innen gegeben.
Der Vermögensverwalter Bitwise weist in einer Einreichung zu seinem HYPE-ETF ausdrücklich auf das Sanktionsrisiko hin: Entwickler:innen und Betreiber:innen könnten Nutzer:innen, die direkt mit der Blockchain interagieren, nicht zu KYC-, Geldwäsche- oder Sanktionsprüfungen zwingen. Die USA werfen der Lazarus Group vor, Kryptowerte in Milliardenhöhe zu stehlen und zu waschen, um Devisen für Pjöngjang und dessen Waffenprogramme zu beschaffen. Das OFAC hat die Gruppe bereits vor Jahren sanktioniert. Laut Chainalysis stieg der Wert der Mittel, die von sanktionierten Akteuren empfangen wurden, im Vorjahr um 694 Prozent.
Warum Trump die Börse in die USA holen will
Parallel dazu arbeitet die US-Regierung daran, Hyperliquid ins regulierte Finanzsystem zu holen. Bei einem Termin im Weißen Haus sagte Donald Trump kürzlich, CFTC-Chef Mike Selig arbeite an einem Weg, die Plattform „in vollständig konformer und legaler Weise“ in die USA zu bringen. Das passt zur breiteren Linie der Administration, die USA zum Zentrum der globalen Krypto-Branche zu machen und bislang offshore operierende Anbieter unter US-Aufsicht zu stellen. Der HYPE-Kurs legte nach den Aussagen zweistellig zu.
Der Hintergrund: US-Amerikaner:innen sind derzeit ausgesperrt, weil das nach der Finanzkrise beschlossene Dodd-Frank-Gesetz für Derivategeschäfte einen regulierten Intermediär vorschreibt. Für ein dezentrales Protokoll existiert bisher kein rechtlicher Pfad. Ein Onshoring würde bedeuten, Regeln zu Derivatebörsen, Kund:innenschutz und Marktüberwachung zu erfüllen und zugleich Sanktions- und Geldwäscherisiken zu adressieren, die entstehen, wenn direkt aus der Wallet gehandelt wird. Kraken-Mutter Payward soll laut Bloomberg in fortgeschrittenen Gesprächen mit Hyperliquid Labs stehen, um die Perpetual Futures US-Händler:innen zugänglich zu machen.
Widerstand kommt von der etablierten Konkurrenz. CME Group und ICE drängten US-Behörden dazu, Hyperliquid genauer zu prüfen, und warnten vor Marktmanipulation und Sanktionsumgehung. Die CME klagt derzeit gegen die CFTC, um deren Vorstoß zur Zulassung von Krypto-Perps auf US-Handelsplätzen zu stoppen. ICE-CEO Jeffrey Sprecher wiederum nannte Hyperliquid gemessen an der Handelsaktivität „größer als die Nasdaq“. Die politische Arbeit in Washington hat Hyperliquid ausgelagert, und zwar an das unabhängige Hyperliquid Policy Center (HPC) unter Leitung des Krypto-Anwalts Jake Chervinsky, finanziert mit einer Million HYPE aus der Hyper Foundation. Das HPC arbeitet sich seither systematisch durch die Behörden: Es reicht laufend Stellungnahmen bei der CFTC ein, argumentiert zuletzt etwa, Perpetual Contracts gehörten ins Zentrum der Innovationsagenda der Behörde, und beantragt gemeinsam mit Trade[XYZ] die Zulassung von Energie-Perps für US-Märkte. Dazu kommen Eingaben zu Prognosemärkten, zur Anerkennung von On-Chain-Marktinfrastruktur und die Forderung an CFTC und SEC, einen gemeinsam abgestimmten Rahmen für Perpetuals zu schaffen.

