Isar Aerospace: Historischer Raketenstart bringt österreichischen Kleinsatelliten in den Orbit
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Dem Münchner Space-Scale-up Isar Aerospace ist am Samstagabend gelungen, woran Europas restliche kommerzielle Raumfahrt bisher gescheitert ist: Die Trägerrakete Spectrum hob um 22:12 Uhr MESZ vom Startkomplex des Unternehmens am Andøya Space in Norwegen ab, erreichte den Orbit und setzte dort ihre Nutzlasten aus. Es war der zweite Flug der Rakete und der erste Orbitalstart eines kommerziellen europäischen Anbieters vom europäischen Festland aus.
Mit an Bord war ein Satellit aus Wien. Das TU Wien Space Team, ein Verein von Studierenden und ehemaligen Studierenden der Technischen Universität Wien, hat mit SpaceTeamSat1 (STS1) seinen ersten vollständig selbst entwickelten Satelliten in den Orbit gebracht. Das Team arbeitet seit 2020 an dem Projekt, mehr als 40 aktive und ehemalige Mitglieder waren daran beteiligt.
Ein CubeSat für den Unterricht
STS1 ist ein 1U-CubeSat mit den Maßen 10 mal 10 mal 12 Zentimeter und rund einem Kilogramm Masse, ausgelegt für eine niedrige Erdumlaufbahn in etwa 350 bis 500 Kilometern Höhe. Kern der Mission ist ein Bildungsmodul: Auf einem Raspberry Pi an Bord laufen Programme, die Schüler:innen selbst in Python schreiben. Angebunden sind Temperatur-, Beschleunigungs- und Gyrosensoren, ein Magnetfeld- und ein UV-Sensor, ein Dosimeter sowie zwei Kameras.
Die Jugendlichen testen ihren Code vorab auf baugleicher Elektronik am Boden, danach wird er zum Satelliten gefunkt. Messdaten, Bilder und Videos kommen über eine SatNOGS-Bodenstation zurück, die das Team betreibt. Schulen können eigene Empfangsstationen aufbauen. Acht österreichische Schulen sind aktuell beteiligt, darunter die HTL Rankweil, die HTL Leonding und das Gymnasium Wasagasse. Unterstützt wurde das Projekt unter anderem von BMK und FFG sowie von TTTech, Beyond Gravity und Ansys.
Sechs Nutzlasten aus dem Wettbewerb der DLR
Die Nutzlasten des Fluges stammen aus dem Microlauncher-Wettbewerb der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, der Hochschulen und Startups günstigen Zugang zum All verschaffen soll und über das ESA-Programm Boost! finanziert wird. Neben STS1 flogen CyBEEsat der TU Berlin, TriSat-S der Universität Maribor, Platform 6 des bulgarischen Herstellers EnduroSat, FramSat-1 der norwegischen NTNU sowie das nicht abtrennbare Technologieexperiment „Let It Go“ des Münchner Unternehmens Dcubed mit. Isar Aerospace prüft nach eigenen Angaben gemeinsam mit den Kund:innen noch den Status der ausgesetzten Satelliten.
Der Flugverlauf
Nach Angaben des Unternehmens durchlief die Rakete den Bereich des maximalen Staudrucks, schaltete die erste Stufe planmäßig ab, trennte die Stufen und zündete die zweite Stufe. In 100 Kilometern Höhe überquerte sie die Kármán-Linie, warf die Nutzlastverkleidung ab und erreichte Orbitalgeschwindigkeit. Nach dem Zirkularisierungsmanöver folgte die Trennung der Satelliten.
„Isar Aerospace hat heute den Weltraum von Kontinentaleuropa aus geöffnet“, sagte CEO und Mitgründer Daniel Metzler. Der Zugang zum All bleibe der größte Engpass der globalen Raumfahrtindustrie, ab sofort gebe es dafür eine Alternative für kommerzielle und institutionelle Kund:innen.
ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher sprach von einem historischen Start und verwies darauf, dass Isar Aerospace 2018 gegründet wurde. Géraldine Naja, ESA-Direktorin für Raumtransport, hielt fest, dass mit dem Flug zugleich der erste Meilenstein des European Launcher Challenge erfüllt ist. Dieser verlangt von den ausgewählten Anbietern einen Orbitalstart bis spätestens 2027. Isar Aerospace hat den Vertrag dazu erst kürzlich unterzeichnet.
Serienfertigung als nächster Schritt
Der erste Testflug der Spectrum endete im Vorjahr nach rund 30 Sekunden im Nordmeer. Damals wie heute liefert mit Peak Technology aus Holzhausen auch ein oberösterreichischer Zulieferer zu, von dort kamen über 30 Heliumtanks für das Drucksystem der Raketenstufen.
Das 2018 gegründete Unternehmen mit Sitz nahe München beschäftigt heute über 400 Mitarbeiter:innen an fünf Standorten und entwickelt, fertigt und testet seine Raketen weitgehend im eigenen Haus. Im Juni sicherte sich Isar Aerospace in einer Series D 270 Millionen Euro von Island Green Capital, Molten Ventures, HV Capital, Lakestar, UVC Partners und KfW Capital. Zuvor war unter anderem der NATO Innovation Fund eingestiegen.
Die Spectrum-Exemplare 3 bis 7 befinden sich bereits in Produktion. Mit der neuen, 40.000 Quadratmeter großen Fabrik in Parsdorf bei München will das Unternehmen langfristig bis zu 40 Raketen pro Jahr bauen. Parallel entsteht in Nova Scotia in Kanada ein zweiter Startplatz für mittlere bis hohe Bahnneigungen, wie sie für Erdbeobachtung und Kommunikation gebraucht werden.


