Interview

MiCA-Wipeout am Krypto-Markt: Die Gewinner und Verlierer der neuen Regulierung

Georg Harer, Co CEO of Bybit. © Bybit
Georg Harer, Co CEO of Bybit. © Bybit

Binance muss seine Services abdrehen, Tether wird (sichtbar) vom Markt verschwinden, dafür führen regulierte Unternehmen jetzt ihre Lizenzen ins Feld: Ab heute, dem 1. Juli 2026, gilt die Markets in Crypto Assets-Regulierung in der EU, mit deutlichen Folgen für den Markt. Georg Harer ist Co-CEO von Bybit EU, also einem jener Unternehmen, die sich eine MiCA-Lizenz besorgt haben. Im Interview gibt er Einblicke über die Folgen von MiCA.

Der heutige 1. Juli hing wie ein Damoklesschwert über der Krypto-Industrie. Was bedeutet dieses Datum genau für Krypto-Unternehmen in der EU?

Georg Harer: Es ist ein sehr spannender Tag, weil heute die letzten Übergangsfristen für die sogenannte MiCA-Verordnung auslaufen. Für diejenigen, die es noch nicht kennen: Man konnte seit Anfang 2025 hier eine Lizenz bekommen; es ist das erste Mal, dass Krypto in Europa einheitlich geregelt ist. Und zwar so, dass man in einem einzigen Land die Lizenz bekommt und dann in ganz Europa tätig werden kann. Aber genau das bringt uns zum heutigen Tag: Es wird jetzt ganz klar gesagt, wer nicht diese Konzession in einem der Länder hat, der darf in Europa diese Dienstleistungen nicht mehr anbieten. Obwohl es seit 2025 möglich war, diese Lizenz zu bekommen, gab es verschiedene lange Übergangsfristen, und die letzten enden jetzt. Von den Behörden wurde auch klar gesagt, dass das ab heute viel schärfer verfolgt wird.

Drohen Unternehmen ohne Lizenz nun harte Sanktionen?

Georg Harer: Ich bin ja Jurist und wir streiten uns ein bisschen über die Auslegung dieses Tages, aber eigentlich war es auch bis jetzt schon nicht erlaubt. Man wollte lediglich den seriösen Playern noch eine Chance geben, so eine Lizenz zu holen. Man will ja auch nicht, dass diese Plattformen von heute auf morgen abgeschaltet werden, vor allem die seriösen nicht. Aber was sich jetzt stark ändern wird, ist, dass es wirklich gezielt verfolgt wird. Jedem, der keine Lizenz hat, drohen Dinge wie ein Bann aus dem App Store, die Sperrung sämtlicher Kontentransfers bis hin zu sogar Strafmaßnahmen gegen das Management.

Man spricht von einem „Wipeout“ am Markt. Schätzungen sagen, dass von tausenden Anbietern nur noch ein Bruchteil übrig bleibt. Bisher gab es in der EU je nach Schätzung 2.000, vielleicht sogar 3.000 unterschiedliche Krypto-Unternehmen aus der ganzen Welt, die hier angeboten haben. Und jetzt gibt es ungefähr so rund um die 250, die sich in unterschiedlichen Ländern – darunter auch in Österreich, wie bei Bybit – diese Lizenz geholt haben. Das heißt, irgendwie 80 bis 90 Prozent dieser Anbieter fallen jetzt eigentlich weg.

Georg Harer: Ich glaube, im Großen und Ganzen, vor allem für den Konsumenten, ist das ein positives Signal. Die Regulierung wird viel, viel strikter, vor allem was die IT-Sicherheit angeht und vor allem, was das Safeguarding betrifft, also die Verwahrung der Kundenassets. Das ist sehr viel zugunsten des Kunden. Allerdings ist es auch wesentlich technisch schwieriger geworden, weil es quasi ein ganz neues Zeitalter und eine ganz neue Lizenz darstellt.

Was muss ein Unternehmen konkret tun, um so eine MiCA-Lizenz zu bekommen, so wie eben Bybit?

Georg Harer: Das ist ein riesiges Projekt, aber man kann es so zusammenfassen: Ich brauche irgendwo in der EU eine Gesellschaft und ich brauche dort ein lokales Team. Es muss genug Leute da sein, um alle wesentlichen Prozesse von der EU aus zu steuern, und das müssen Leute sein, die wirklich für dieses Unternehmen arbeiten. Dann brauche ich alle Prozesse, um die rechtlichen Vorschriften einhalten zu können. Das ist insbesondere Geldwäsche – also die Identifizierung von Kunden und die Überwachung von Transaktionen. Ich muss nachweisen, dass meine Plattform sicher ist. Ich muss meine Kundengelder getrennt verwahren, sowohl das Fiat-Geld, also Euro, als auch die Crypto-Assets. Und dann kommen noch viele weitere kleinere und größere Dinge dazu. Auch Anfangskapital muss bereitgestellt werden. Insgesamt ist es eine Kombination aus einer neuen Firma mit einem Team und Prozessen – ein Aufwand, der viele, viele Monate und vor allem auch viele Millionen kostet.

Das heißt, so wie bei FTX bisher geht das nicht mehr, dass man alle Kundengelder in einen Topf wirft?

Georg Harer: Das wird ganz strikt kontrolliert. Das ist eines der wesentlichen Prinzipien, das auch bei allen sehr genau kontrolliert wird, bevor es diese Lizenz gibt: Dass die Crypto-Assets wirklich getrennt und technisch sicher von den Assets der Firma verwahrt werden.

Was bedeutet es für den Markt, wenn auch sehr große Player wie Binance offenbar nicht geschafft haben, sich bis heute eine MiCA-Lizenz zu holen?

Georg Harer: Wir sehen natürlich gerade diese Tage sehr viel Unsicherheit, sehr viele Fragen und leider auch sehr viele Falschinformationen im Netz. Ich glaube aber, mittelfristig wird das gerade für Player wie uns, die schon seit über einem Jahr voll reguliert sind, ein Vorteil werden. Das war letztendlich auch der Grund, warum wir eine so große Investition rechtfertigen konnten. Wir haben immer gesagt: Ja, das kostet in den ersten Jahren sehr viel Geld, aber unterm Strich wird uns das langfristig Kunden bringen und uns dabei helfen, in der EU verankert zu bleiben. Jetzt beginnt die Zeit, in der wir von dieser Investition profitieren können – aber eben nicht nur die Unternehmen, sondern sehr wohl auch die Kunden, die sicher sein können, dass die wesentlichen Sicherheitsvorkehrungen bei diesen Anbietern gegeben sind.

Ganz banale Frage: Wie erkenne ich als User, ob so eine Plattform MiCA-lizenziert ist? Steht das groß auf der Webseite?

Georg Harer: Einen „MiCA-Stempel“ gibt es noch nicht. Und natürlich sollte man nicht einfach dem trauen, was jemand auf die eigene Webseite schreibt. Aber es kann jeder nachvollziehen: Bei uns ist es die Behörde, die FMA, die führt ein Unternehmensregister – nicht nur für Kryptoanbieter, auch für Banken und Zahlungsdienstleister. Das ist gratis, das ist öffentlich einziehbar und das ist aktuell. Ich würde jedem empfehlen, in dieses Register reinzuschauen, wenn man irgendwo ein Konto eröffnet: Schauen, wer dieser Anbieter ist. Auf diese Art kann jeder, der Zugang zum Internet hat, einfach nachvollziehen, ob der Anbieter lizenziert ist oder nicht. Den Link dazu packen wir in die Show Notes.

Gibt es diese Liste auch europaweit, etwa bei der ESMA?

Georg Harer: Genau, da gibt es eine Liste der etwa 250 Anbieter. Das ist zwar technisch nicht so schön gelöst, aber rechtlich genauso aussagekräftig.

Ich habe die Liste ausgewertet: Deutschland scheint mit etwa 60 Lizenzen der Marktführer zu sein. Ist Deutschland jetzt das „Crypto Valley“ Europas?

Georg Harer: Bisher sieht man davon noch nichts. Ich habe nicht alle Anbieter im Blick, aber soweit ich weiß, sind es auch sehr viele traditionelle Finanzinstitute, vor allem auch Banken, die diese Konzession geholt haben. Man darf nicht vergessen: Es geht ja nicht mehr nur um Bitcoin und Co., sondern um Stablecoins – also Kryptoassets, die an Echtgeld gebunden sind. Darüber ist man sich mittlerweile einig, dass sie die Zukunft des Finanzsystems darstellen werden. Dafür wird man als internationales Institut auf eine Art und Weise eine Kryptolizenz brauchen. Das ist meine Interpretation, warum so viele traditionelle Banken diese Konzession geholt haben: Mit Stablecoins kann man typische Bankprozesse, die bisher sehr langwierig und teuer waren – wie internationale Payments oder Zahlungen über das Wochenende – sehr günstig, sicher und schnell durchführen. Bei MiCA geht es also nicht nur darum, wer wem Bitcoin verkauft, sondern um die gesamte Finanzinfrastruktur.

Zum Thema Stablecoins: Der größte Stablecoin Tether (USDT) hat keine MiCA-Lizenz. Heißt das, er ist in der EU ab heute verboten?

Georg Harer: Das ist eine der Falschinformationen, die ich angesprochen habe. Was heißt „verboten“? Es ist nach wie vor möglich, Krypto außerhalb von Plattformen zu halten. Das Besitzen von zum Beispiel USDT ist nach wie vor vollkommen legal. Was nicht legal ist, betrifft USDT aber auch andere nicht regulierte Stablecoins: das öffentliche Anbieten. Das heißt, Tether dürfte jetzt keine Marketingkampagnen oder Werbung auf Google schalten, weil das öffentliches Anbieten ist und das nicht erlaubt ist. Was aber nach wie vor legal ist, ist der Besitz, auch Kauf und Verkauf. Um Panik vorzubeugen: Gerade aus Nutzersicht muss man sich keine Sorgen machen. Der Einzige, den das trifft, im Sinne einer Strafdrohung, ist derjenige, der diese Coins oder Services weiterhin oder zum ersten Mal öffentlich anbietet. Wenn ich meinem Freund also etwas über die Blockchain schicke, ist das vollkommen okay. Das Risiko trifft die Anbieter, nicht den privaten Nutzer.

Was raten Sie Nutzern, die derzeit noch bei unregulierten Plattformen sind?

Georg Harer: Es gibt natürlich auch seriöse, unregulierte Player, die vielleicht gar kein Interesse an Europa haben. Aber als europäischer Konsument spricht sehr viel dafür, seine Kryptovermögenswerte auf eine regulierte Plattform zu schieben. Bei einem unregulierten Player, der vielleicht gar keine Firma in Europa hat, weiß man nicht, ob man jemandem sein Geld anvertrauen kann, weil es rechtlich keinen Schutz gibt und es extrem schwierig wäre, eine Klage oder einen Herausgabeanspruch durchzusetzen.

Hat die EU mit dieser Regulierung die Schweiz als Krypto-Standort überholt?

Georg Harer: Die Schweiz ist nach wie vor relevant, vor allem was die internationale Vermögensverwaltung betrifft. Die Schweiz hat nicht verloren. Aber die EU hat durch die MiCA-Regulierung in einem Power-Move überholt, weil man durch die einheitliche Regulierung plötzlich über 400 Millionen Kunden freischaltet. Wenn man Retail-Kunden ansprechen möchte, kann die Schweiz damit nicht mithalten.

Was ist mit dem klassischen Web3? Die Ethereum Foundation ist ja auch nicht reguliert.

Georg Harer: Das ist ein wichtiger Punkt. Ähnlich wie diese Regulierungen fast nie auf Privatpersonen abzielen, ist auch das klassische Web3, wo es keinen zentralen Anbieter gibt, von der Intention her unreguliert. Wenn jemand wie eine Foundation ist, die ein Protokoll weiterentwickelt, wird die im Regelfall nicht MiCA-reguliert sein. Es ging nie darum, die Technologie an sich zu regulieren, sondern ein Level-Playing-Field mit zentralisierten Finanzanbietern zu schaffen. Der Vorteil von MiCA nützt einer Foundation also weniger, weil sie sowieso prinzipiell in ganz Europa tätig werden kann.

Welche Pläne hat Bybit nun, wenn man auf sicherem Boden steht?

Georg Harer: Unser Ziel ist es, nicht nur eine reine Kryptoplattform zu sein, sondern eine universelle Finanzplattform. Wir haben bereits zwei weitere Konzessionen hier in Wien angesucht: die Investmentfirmenkonzession und die E-Geldkonzession. Damit wollen wir Investments sowie ganz normale Zahlungsdienstleistungen anbieten. Bei Investments denken wir vor allem an Kryptoderivate, wie die Perpetual Futures, die bei Tradern extrem beliebt sind. Aber auch Finanzprodukte aus der traditionellen Welt, wie ETFs oder Aktien, werden wir in naher Zukunft anbieten. Und mit der E-Geldkonzession können wir dann auch Dienste wie „Bybit Pay“ direkt selbst ausgeben. Das heißt: Jeder kann zahlen und erhalten in der Währung, die er möchte – sowohl in Krypto als auch in Fiat. Ich kann sagen: Ich möchte in Bitcoin zahlen, und mein Gegenüber erhält US-Dollar. Das wird über eine einzige Plattform funktionieren. Damit sparen wir uns Drittanbieter und können dadurch die Kosten und Gebühren extrem niedrig halten.

Zum Abschluss: Wie groß ist Bybit in Europa, speziell am Standort Wien, mittlerweile?

Georg Harer: In Wien haben wir aktuell etwa 50 Mitarbeiter und wir wollen bis zum Jahresende auf 100 wachsen, sofern das Recruiting es zulässt. Wir suchen Top-Talente in fast allen Bereichen: Recht, Finance, IT. Auch Praktikumsplätze haben wir zum ersten Mal ausgeschrieben. Was man sagen kann: Wir haben mittlerweile über 150 Token gelistet, haben mehrere Milliarden Umsatz gemacht und erleben ein organisches Wachstum, das sehr gut über die Länder verteilt ist.

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