Podcast-Interview

Wiener Solo-Gründer mit 3 Mio. Dollar ARR: „Keine Mitarbeiter, kein Büro, kein VC“

Michael Schöpfer, serial entrepreneur. © M. Schöpfer
Michael Schöpfer, serial entrepreneur. © M. Schöpfer

“From zero to $3M ARR. One founder. One laptop. No office. No fluff.” Diese Linkedin-Selbstbeschreibung hat mich hellhörig gemacht. Denn dahinter steckt der Seriengründer Michael Schöpfer, der gleich drei Startups nebeneinander aufbaut, nämlich mytello, simsolo und crewsim. Wie Michael mit diesen drei Services auf drei Millionen ARR kommt und was hinter seinen Businesses steckt, das erzählt er uns heute im Podcast.

Trending Topics: Michael, dich kennen wahrscheinlich die wenigsten – dabei bist du ein Ausnahmegründer. Stell dich kurz vor.

Michael Schöpfer: Ich wollte eigentlich Linienpilot werden, aber auch immer Unternehmer. Zum Glück hat sich das Unternehmertum durchgesetzt. Durch viele Zufälle bin ich in den Telekombereich gekommen, in dem ich jetzt seit fast 20 Jahren bin. Vor zehn Jahren habe ich dann meine erste Firma völlig alleine gegründet – nur mit meinem Laptop. Ich habe mir gedacht: Das muss auch ohne Büro, ohne Mitarbeiter und ohne viel Drumherum gehen.

Fangen wir bei mytello an, deinem Kernprodukt. Worum geht es da?

mytello ist ein Service für internationale Telefonie – günstig ins Ausland telefonieren. Wenn ich das jemandem erzähle, kommt sofort: „Wer braucht das noch?“ Am Anfang hat mich das irritiert, mittlerweile muss ich lächeln. Es gibt nach wie vor Millionen, ja Milliarden Menschen, die täglich über normale Telefonverbindungen telefonieren – und ganz viele Gründe, warum man nicht gratis telefonieren kann oder möchte. Ich bin wahrscheinlich die kleinste größte Telekom-Firma der Welt: Wenn man die ganze Welt als Markt hat, kann dieser Markt schrumpfen und ist für einen alleine trotzdem riesig.

Was unterscheidet mytello von WhatsApp, Skype und Co.?

mytello ist die Antithese zur Gratistelefonie. Es ist die Lösung, wenn ich irgendeine Telefonnummer weltweit anrufen möchte – ein ganz normales Festnetz- oder Handytelefon. Bis vor Kurzem gab es noch Skype mit Skype Out. Das wurde – für mich glücklicherweise – zugesperrt. Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber Microsoft hat mir damit eine Million Euro pro Jahr geschenkt, jedes Jahr, seit sie zu sind. Kolportiert hatte Skype Out zuletzt noch 40 bis 50 Millionen Umsatz.

Diese Kunden hatten einen guten Grund, dafür zu bezahlen, und haben neue Lösungen gesucht – ein kleiner Teil ist zu mir gewandert. Es gibt noch ein paar größere Player wie Rebtel, aber eigentlich niemanden mehr, der Zeit, Geld und Hirn in diesen Markt investiert. Genau da sehe ich eine Riesenchance, in einem insgesamt schrumpfenden, aber immer noch riesigen Markt weiter zu wachsen.

Das heißt: Irgendjemand in Redmond entscheidet, dass Skype kein Ding mehr ist – und am anderen Ende der Welt, in Wien, freut sich einer wie du über die frei werdenden Kunden.

Absolut. Das hat übrigens noch jemand erkannt: Als Skype geschlossen wurde, hat Pieter Levels – ein sehr großer Account auf X – gepostet: Da ist eine Chance, wer will, soll ein Unternehmen gründen. Tatsächlich hat sich einer gemeldet und es gemacht. Der hat mich danach kontaktiert, wir haben uns getroffen, und ich habe ihm einiges erklärt und gezeigt. Für findige Leute gibt es einfach immer wieder Nischen, die für Große wie Microsoft zu klein sind.

Neben mytello gibt es Simsolo und Crewsim. Warum zwei eSIM-Produkte?

mytello läuft nach zehn Jahren sehr stark automatisiert und wächst jedes Jahr Stück für Stück – aber mein Trieb und meine Zeit waren da, etwas Neues zu suchen. Ich habe mir verschiedene Produkte angeschaut, ein bisschen in die Fashion-Industrie hineingeschnuppert, aber schnell gemerkt: Ich möchte kein physisches Produkt – und auch kein rein virtuelles. Die Telefonie liegt so schön dazwischen, weil sie einen tatsächlichen Wert in der echten Welt schafft, der etwas kostet und den niemand kostenlos hergeben kann.

Dann kamen die eSIMs: die Möglichkeit, jemand anderem eine Internetverbindung zu geben. Das war bis dahin großen Telekom-Anbietern mit ein paar hundert Mitarbeitern vorbehalten – jetzt kann ich als Solo-Founder weltweit jedem Menschen Internet geben. Und Internet ist mittlerweile manchmal wichtiger als fließend Wasser. Simsolo ist das Produkt für Urlauber: Wer 14 Tage nach Amerika fährt, kauft sich dafür eine eSIM. Wenn man in den Markt schaut, sieht man sofort hunderte oder tausende Anbieter – für mich ist das der Beweis, dass der Markt groß ist. Und die Kaufentscheidung wird fast jedes Mal aufs Neue getroffen. Das heißt: Ein kleiner Anbieter ohne Venture Capital kann genauso gut dastehen wie einer, der 100 Millionen eingesammelt hat. Der Kunde entscheidet, was ihm besser gefällt.

Und Crewsim?

In meinem Herzen schlägt das Piloten-Gen. Urlauber sind 14 Tage im Jahr unterwegs – Piloten und Flugbegleiter ständig, immer woanders. Die eSIMs am Markt decken das nicht ab: Die meisten haben 30 Tage Laufzeit und ein Datenpaket, danach verfällt alles. Mein Produkt ist als Dauerlösung gebaut. Kunden laden Guthaben auf und zahlen nur pro genutztem Byte. Der Pilot kommt heute in Abu Dhabi an, schaltet es ein, verwendet fünf Megabyte – und kann es morgen in Australien genauso nutzen. Das Guthaben verfällt nicht, und in fast allen Ländern kann er zwischen mehreren Netzen wechseln, wenn eines nicht gut genug ist.

Es gibt weltweit ungefähr zwei Millionen Piloten und Flugbegleiter – eine sehr kleine Zielgruppe, aber mit extrem hohem Bedarf, klar definiert und sehr gut vernetzt. Da fliegen zehn Leute als Crew in ein anderes Land, sind zwei Tage gemeinsam im Hotel und tauschen sich aus. Zum ersten Mal erlebe ich, dass ein Produkt praktisch über Word of Mouth wächst. Ich investiere fast nichts ins Marketing und sehe trotzdem ein beachtliches Wachstum.

Der eSIM-Markt wird immer voller – Neobanken und Airlines steigen ein. Wie dringst du zu deinen Kunden durch?

Crewsim ist eine Community-Geschichte: Empfehlungsmarketing – wer jemanden wirbt, bekommt 500 Megabyte. Es gibt kaum ein vergleichbares Produkt für diese Zielgruppe. Das Urlauberprodukt läuft über Google Performance Marketing. Jeden Tag geben Millionen Menschen weltweit „Internet“ in Kombination mit einem Ländernamen ein – und da zeige ich mit Werbung auf. Wenn du so klein bist wie ich, musst du am Produkt viel weniger verdienen als eine Firma mit hunderten Mitarbeitern.

Also Google Ads ganz klassisch, keine Hexerei?

Der „Zauber“ ist, die Gleichung zu verstehen: Vorne gebe ich 100 Euro hinein, hinten müssen 110 Euro herauskommen, damit ich zehn Euro Deckungsbeitrag erwirtschafte. Das verstehen viele nicht – und es funktioniert auch nicht für jedes Produkt. Bei Crewsim geht es gar nicht, weil diese Menschen nicht danach suchen, beziehungsweise ich anhand der Suchanfrage nicht erkennen kann, dass es ein Pilot ist. Aber beim Urlauberprodukt ist jede der Millionen Suchanfragen eine neue Chance, mein Produkt zu verkaufen.

Mit diesen drei Services kommst du auf drei Millionen Dollar Annual Recurring Revenue – als Einzelperson.

Ganz genau. Ohne Mitarbeiter, ohne Büro, ohne irgendwas.

Zum Vergleich kommunizieren andere Firmen stolz, wie viel Kapital sie aufnehmen, um auf drei Millionen ARR zu kommen. Macht dich das stolz?

Man kann immer in beide Richtungen schauen. Mir kommt vor, es gibt viel mehr, die viel mehr schaffen – in diese Richtung schaue ich eigentlich. Aber die Kombination aus keinem Venture-Kapital, es alleine zu machen, 100 Prozent Entscheidungskraft zu behalten und zu diesen Umsatzzahlen zu kommen, wird nicht so oft vorkommen. Wobei ich glaube, es ist häufiger, als man denkt. Ich habe auf X vielleicht fünf Follower – meine Kunden kommen nicht über meine Geschichte. Gerade im B2C muss das Produkt für sich sprechen, der Founder überzeugt den Käufer wahrscheinlich null. Wenn ich meinen Kunden erzählen würde, dass ich das alles von einem Laptop aus mache, wäre das wahrscheinlich sogar hinderlich.

Drei Millionen Dollar Umsatz, keine Mitarbeiter – da bleibt einiges über, oder?

Ja, ich rechne damit, dass heuer deutlich über eine Million überbleibt – vor Steuern.

Was sind deine weiteren Ziele?

Als ich begonnen habe, war mein Ziel eine Million Jahresumsatz ohne Mitarbeiter. Als ich dort war, dachte ich: Wenn ich eine Million schaffe, könnte ich auch fünf schaffen. Es ist ein ständiges Gehen nach oben. Die eSIMs sind ein starker Wachstumsmarkt mit viel größerem Potenzial. Ein Endziel beim Umsatz gibt es nicht – mein aktuelles Ziel wäre eine Million Euro Umsatz im Monat. Keine Ahnung, ob ich es schaffe. Aber ich sage immer: Es hängt von mir ab, nicht von den anderen. Wer von null bis hierher gekommen ist – warum soll er es nicht weiter schaffen?

Dabei soll dir KI helfen?

Da bin ich zwiegespalten. Ich glaube: Wenn du gut bist in dem, was du machst, dann macht dich AI deutlich besser, schneller und effizienter. Hast du keine Ahnung, gibt dir AI auch nur Keine-Ahnung-Ergebnisse, und du verlierst dich in Dingen, die nicht funktionieren. Beim Programmieren bin ich skeptisch: Ich habe es noch nicht geschafft, Code zu bekommen, der so schlank und klar ist, wie wenn ich ihn selbst schreibe oder ein guter Programmierer. Wenn du sagst „mach das und das und das“, kommt ein Wollknäuel heraus, das du kaum mehr auflösen kannst und dich hoffentlich nicht in eine Sackgasse promptet.

Ich verwende AI eher strategisch: Ich will in diese Richtung weitermachen – welche Marketing-Ideen kannst du mir liefern? Dort, wo ich selbst kritisch hinterfragen kann, ob etwas für mich funktioniert, hilft es mir enorm und bringt viele Ideen, die ich vorher nicht umsetzen konnte. Ein neues Thema ist Facebook-Werbung: die Generierung von Bildern und Texten für bestimmte Themen. Die Strategie muss ich selbst erarbeiten, aber im Handwerk ist AI unheimlich stark.

Und beim Kundensupport? Da setzen ja viele auf KI-Bots.

Ich habe die ersten sechs Jahre jedes einzelne Kunden-E-Mail selbst beantwortet, Montag bis Sonntag, 365 Tage im Jahr – auch im Urlaub. Das begann mit zehn E-Mails am Tag und ging bis zu hundert, wofür ich zwei, drei Stunden täglich gebraucht habe. Viele würden sagen, das ist keine gut investierte Zeit. Aber du spürst dabei sehr genau, was die Probleme und Needs deiner Kunden sind, was sie erwarten, was sie suchen. Mittlerweile habe ich das zu 100 Prozent abgegeben, da habe ich Leute, die das machen. Wenn man sich die Reviews all meiner Produkte anschaut, kommt ein Punkt immer wieder: dass die Kunden mit dem Kundendienst total glücklich sind. Wir antworten Montag bis Sonntag innerhalb weniger Stunden – dieser menschliche Touch ist ein großer Mehrwert und ein Unterscheidungsmerkmal zu 90 Prozent aller Telekom-Anbieter der Welt: schnell, persönlich, und wir versuchen, jedes Problem sofort zu lösen – nicht mit sieben Gegenfragen.

Trade Republic hat den KI-Support probiert und ist wieder zu Menschen zurück. Du bist also auf Seite zwei?

Man fühlt sich als Mensch mehr wahrgenommen. Wahrscheinlich gibt es Bereiche, wo Automatisierung heute schon Sinn macht, und welche, wo sie morgen Sinn macht – und übermorgen wieder nicht. Wenn ich mein Geld irgendwo hinterlegt habe, etwas funktioniert nicht und der Chatbot gibt mir sieben unbefriedigende Antworten, dann steigt der Grant-Level sehr schnell.

Warum hast du dich grundsätzlich gegen Geschäftspartner und Investoren entschieden?

Meine allererste Telekom-Firma habe ich mit Partnern gegründet, die auch als Investoren drinnen waren. Damals dachte ich: super, Mitarbeiter, Investorengeld, das fühlt sich gut an. Im Nachhinein muss ich sagen: Wenn du ein Produkt hast, das Investorengeld braucht, führt kein Weg daran vorbei. Aber wenn du keines brauchst – wofür dann eines nehmen? Der Investor möchte ja auch etwas haben. Du als Founder bist dann ein Stück weit ein Produkt des Investors: Er investiert und will Return – und ob du dort sitzt oder jemand anderer, ist ihm letztlich egal, solange der Beste dort sitzt, der am meisten Return bringt. Man gibt viel her. Ein Investor kann auch nicht die Kunden bringen. Das Produkt muss es schaffen – aus sich selbst heraus zu wachsen und möglichst schnell Umsätze zu generieren, ohne dass ich Millionen vorab investiere. Sonst sehe ich keinen Vorteil.

Spielen ChatGPT und Gemini vertriebsseitig eine Rolle? Wenn Leute die KI fragen, wo sie eine günstige eSIM herbekommen, willst du ja genannt werden.

Jeder will dort genannt werden. Einige Anbieter am Markt sagen: Wir beobachten das, wir machen dich dort besser. Ich glaube: Du wirst dort genannt, wenn dich viele Kunden nutzen. Wenn dich keiner nutzt, gibt es kaum einen Trick – und wenn es einen gibt, ist er morgen wieder vorbei, weil diese Lücke geschlossen wird. Je abgegrenzter deine Zielgruppe ist, desto besser wirst du genannt: Wenn ein Pilot nach einer eSIM sucht, ist die Chance sehr hoch, dass meine kommt, weil es nicht viele andere gibt und schon sehr viele Piloten und Flugbegleiter sie nutzen.

Ich laufe dem nicht hinterher. Mach dein Produkt besser, hol dir mehr Kunden, dann wirst du auch dort mehr genannt. Bewertungsportale sind sicher einer der wichtigen Orte, wo du sein musst. Aber früher sagte man SEO, heute GEO-Optimierung – wenn dein Produkt keine Kunden hat, wird das alleine nicht reichen.

Wenn du Produkt vier, fünf und sechs angehen würdest: Würden dir Vibe-Coding-Tools wie Lovable helfen?

Vibe-Coding-Tools finde ich super – wenn du selbst programmieren kannst und weißt, wie du die Struktur aufbauen willst. Dann sparst du irrsinnig viel Arbeit und Zeit und kommst zu einem Ergebnis, das du längerfristig weiterverwenden kannst. Wenn Leute ohne Programmier-Ahnung etwas hineingeben, kommt etwas heraus, das funktionieren mag oder auch nicht – und nach mehreren Iterationen landest du bei einem Produkt, bei dem ein Fehler den nächsten jagt. Auch hier: Bist du selbst ein guter Entwickler, macht dich das zehnmal besser und schneller.

Jedenfalls geht die Anzahl der Solo-Founder in allen Bereichen deutlich in die Höhe. Aber Programmieren alleine ist es nicht – du brauchst mehrere Stärken in einer Person. Du bist noch immer der Chef über alle AI-Tools und musst die Richtung vorgeben.

Was ist das Skillset eines erfolgreichen Solo-Entrepreneur?

Coding-Wissen ist auf jeden Fall die Basis. Dann Marketing-Verständnis: Jedes Produkt braucht eine andere Art von Marketing, und Marketing ist der stärkste Hebel für Wachstum – vor allem im B2C, wo du sagst: Ich werfe Geld hinein und Y kommt heraus. Ich muss verstehen, wo meine Zielgruppe ist und wie ich dem Menschen, der heute das Bedürfnis für mein Produkt hat, mein Produkt zeige. Bei Facebook-Werbung gibst du heute fast keine Kriterien mehr vor – der Algorithmus zeigt sie denen, die wirklich in deiner Zielgruppe sind, je besser deine Werbung und deine Account-History sind. Und dann musst du dein Pricing so gestalten, dass sich das Ganze rechnet.

Pricing-Entscheidungen triffst im Selbstgespräch?

Absolut. Und es ist total interessant: Günstiger zu werden fühlt sich total gut an, teurer zu werden total schlecht. Ich habe bei mytello seit Anbeginn kaum je die Preise erhöht – immer mit der Angst, dass Kunden abspringen. Da und dort habe ich es dann doch gemacht, weil sich der Markt oder die Einkaufspreise verändert haben. Und es ist nichts passiert. Es ist, glaube ich, keiner abgesprungen, zumindest nicht messbar. Zwei schreiben, warum das so ist, du erklärst es, das war’s. Teurer zu werden ist eine Hürde für Unternehmer. Ich bin sehr stark mit meinem Produkt und meinen Kunden verbunden – ich möchte ihnen nicht wehtun. Sie haben mich ja groß gemacht. Wichtig ist, dass du genug Marge hast, um Neues auszuprobieren und Geld für Marketing auszugeben – und nicht der Billigste bist, der wartet, bis irgendwer kommt.

Wie viel Prozent des Umsatzes reinvestierst du in Marketing?

Beim mytello-Produkt ungefähr 20 Prozent. Manchmal sage ich im Spaß, ich bin eigentlich eine Subfirma von Google, weil die jedes Monat gutes Geld bekommen. Aber es funktioniert für alle Seiten. Es wird allerdings immer mehr zur Blackbox: Ganz früher konntest du sehr gut messen – vom Klick zur Registrierung zum Umsatz. Das ist durch die Datenschutz-Verordnung verschwommen, und Google schätzt die Zahlen mittlerweile mit AI-Tools auf Basis von Statistik. Es gibt immer weniger Hebel, wo du selbst etwas machen kannst – „das machen wir alles für dich“. Dem bist du ausgeliefert. Meta funktioniert für mytello übrigens nicht: Es gibt kein Merkmal, an dem man Auslandstelefonie-Bedarf erkennt. Meine Kunden sitzen von Australien bis Südamerika und telefonieren in alle Länder der Welt, in jeder Kombination. Das einzige Signal ist, wenn jemand bei Google eintippt: Ich möchte günstig ins Ausland telefonieren.

Gibt es Ereignisse, die du direkt im Geschäft spürst?

Ja, in den letzten Jahren immer wieder Internet-Abschaltungen – etwa im Iran, davor auch in Myanmar. Das merke ich sofort, da explodieren meine Server. Alle steigen aufs normale Telefon um, und du hast von heute auf morgen 30.000 Euro mehr Umsatz am Tag. Da denkst du: Wow, du bist fast ein essentielles Tool, damit Menschen ihre Verwandten anrufen und fragen können: Geht’s dir gut, ist dir etwas passiert? Das fühlt sich ganz anders an – da bist du froh, helfen zu können.

Im Silicon Valley läuft die Wette, wer als erster Solo-Gründer ein Unicorn aufbaut. Siehst du dich in dem Rennen?

In dem Rennen sehe ich mich nicht, dafür sind meine Produkte zu wenig AI-lastig. Aber ich glaube, das wird nicht lange dauern – und es wird die Finanzwelt auf den Kopf stellen. Das meiste Investment geht ja in Manpower und Office. Wenn du sagst: Ich kann das selber machen, habe die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt und kann mein Produkt der Welt präsentieren – das wird passieren. Es wird sicher ein AI-digitales Produkt sein. Jeder, der heute ein AI-Tool bringt, ist eigentlich ein Wrapper auf einem der Großen.

Wird das funktionieren? Ich glaube ja: Du suchst deine Hyper-Nische, baust dein Produkt mit den Basis-Bausteinen, die es am Markt gibt, und machst Zielgruppen-Marketing. Diese Angst, dass SaaS tot ist, glaube ich gar nicht. Es braucht immer einen Menschen, der hinter einem Produkt steht – AI ist wie ein Mitarbeiter zu sehen. Dass eine AI selbstständig ein Produkt erfindet und in den Markt setzt, glaube ich nicht. Und ein ernsthaftes SaaS-Tool, das ein wirkliches Problem löst, lässt sich nicht in drei Tagen vom Praktikanten nachprogrammieren.

Wie sieht der Arbeitstag eines Solopreneurs aus? Du bist offenbar kein 80-Stunden-Hackler.

Überhaupt nicht. Ich bin finanziell unabhängig und schaue, dass ich täglich von 9 bis 14 Uhr arbeite. Davor bringe ich die Kinder in Schule und Kindergarten, danach hole ich sie ab. Das ist mir extrem wichtig – auch, ihnen meine Werte und Ziele zu vermitteln. Ich bin für sie da und zeige ihnen, was ich mache.

Bei Leuten, die sagen, sie arbeiten 80 Stunden, bin ich vorsichtig. Es gibt Bereiche, wo das notwendig ist, aber ganz viele Menschen nutzen die Zeit nicht effizient – vor allem, wenn sie jemand anderem beweisen müssen, dass sie arbeiten. Für mich ist das Ergebnis der Maßstab: Umsatz, Kundenanzahl, Wachstum. Ich überlege mir bei allem: Verändert das, was ich heute mache, etwas an meinem Produkt und Wachstum – und wenn ja, wie sehr? Wenn die Antwort nein ist, lasse ich es und warte, bis mir die bessere Idee einfällt. Zeit ist das Wertvollste, was du in deinem Leben hast. Mit 40 habe ich mir gesagt: Ich habe noch viermal fünf Jahre, um etwas zu machen. Jetzt bin ich 44, das erste Fünftel ist fast vorbei – also versuche ich, die Zeit möglichst effektiv einzusetzen. AI-Tools helfen da absolut.

Also eine 25-Stunden-Woche?

Ich würde sagen ja – 25 Stunden, in denen ich am Schreibtisch vor dem Computer sitze. Wenn Sie meine Frau fragen, wird die sicher sagen, ich arbeite deutlich mehr, auch am Wochenende. Aber die Zeit ist nicht das Maß der Dinge, wenn du für dich alleine arbeitest, sondern das Ergebnis. Und ich habe den Vorteil: Ich muss eigentlich mit niemandem reden. Als Chef mit Mitarbeitern musst du dich deinen Leuten zuwenden, eine Community schaffen, Wertschätzung geben – das fällt bei mir alles weg. Ich trinke mit niemandem Kaffee und fahre so gut wie auf keine Messen. Wobei – ganz stimmt das nicht: Manchmal überzeugen mich Freunde, und dann nimmt man doch das eine oder andere Erlebnis mit, das einen anspornt, etwas anders zu machen.

Fassen wir zusammen: Das nächste Ziel sind zehn Millionen ARR – weiter alleine?

Ja, auf jeden Fall. Es kommen sicher noch weitere eSIM- und SIM-Karten-Produkte, da ist schon etwas in der Pipeline. Was mir daran gefällt: Sobald es gebaut ist, läuft es von selbst. Wenn ich zwei Wochen nicht da bin, läuft alles weiter. Ich habe ein paar Freelancer, die mir zuarbeiten – solange das auf diesem Niveau gut geht, bin ich happy. Ich glaube, das geht noch bis zehn Millionen. Ein Unicorn sehe ich nicht: Dann werden die Aufgaben so, dass ich mit meinen 25 Stunden nicht mehr durchkomme – und man müsste stärker in die Finanzwelt eintauchen, deren Dynamiken und Spiele mich ehrlich gesagt auch nicht so interessieren.

Was gibst du jungen Foundern mit, die jetzt in der KI-Welt Produkte bauen?

Wichtig ist, einen eigenen Weg zu finden und die unterschiedlichen Bereiche abzudecken. Es ist heute sicherlich zehnmal einfacher, etwas zu machen, als noch vor zehn Jahren. Jeder, der ein bisschen Entrepreneur-Spirit hat, sollte etwas tun. Manche sagen: das Risiko, das Risiko. Ich sage immer: Es ist viel weniger Risiko, Entrepreneur zu sein und etwas selbst in der Hand zu haben, als in einem Anstellungsverhältnis, wo jemand anderer über deine Anstellung entscheidet.

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