OpenAI plant Strategiewechsel mit Fokus auf B2B und Coding – Druck durch Anthropic
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Eine KI für die Massen, mit einem Browser, Werbefinanzierung und eigener Hardware? Was OpenAI 2025 so in Stellung brachte, um Google vom Thron zu stoßen, scheint nicht aufzugehen.
Denn OpenAI plant einem Bericht des Wall Street Journal zufolge einen grundlegenden Strategiewechsel. Das Unternehmen will sich künftig stärker auf Programmierlösungen und Geschäftskunden konzentrieren und dafür eine Reihe von Nebenprojekten zurückfahren. Hintergrund ist der zunehmende Wettbewerbsdruck durch Rivalen wie Anthropic und Google.
Der Strategiewechsel im Überblick
Laut Wall Street Journal hat Fidji Simo, bei OpenAI verantwortlich für das Anwendungsgeschäft, die geplanten Änderungen bereits in einem unternehmensweiten Mitarbeitertreffen skizziert. CEO Sam Altman und Forschungschef Mark Chen prüfen demnach derzeit, welche Projekte zurückgestellt werden sollen. In den kommenden Wochen sollen die Mitarbeiter konkret informiert werden.
„Wir dürfen diesen Moment nicht verpassen, weil wir durch Nebenprojekte abgelenkt sind. Wir müssen Produktivität insgesamt und insbesondere im Geschäftskundenbereich wirklich hinbekommen“, soll Fidji Simo, CEO Applications bei OpenAI, der Belegschaft ausgerichtet haben.
Der Kurswechsel markiert eine Abkehr von der bisherigen Strategie, möglichst viele Produktfelder gleichzeitig zu besetzen. Altman hatte diesen Ansatz selbst einmal damit beschrieben, auf „eine Reihe von Startups“ innerhalb des Unternehmens zu wetten. Zu den Projekten, die nun auf dem Prüfstand stehen, zählen der Videogenerator Sora, das Browser-Projekt Atlas sowie neue E-Commerce-Funktionen für ChatGPT.
Wachsender Druck durch Anthropic und Google
Der wichtigste Auslöser für den Strategieschwenk ist der Aufstieg von Anthropic im lukrativen Unternehmenskundenmarkt. Das Startup hat sich mit seinen Produkten Claude Code und Cowork als dominanter KI-Anbieter für Geschäftskunden etabliert. Viele Softwareentwickler in der Tech-Branche nutzen Claude Code inzwischen als bevorzugtes Werkzeug, was im vergangenen Monat sogar einen kurzzeitigen Kursrückgang an den globalen Aktienmärkten auslöste.
Anthropic verfolgt dabei eine bewusst fokussierte Strategie: Das Unternehmen konzentriert sich auf den Unternehmens- und Coding-Markt und hat bislang auf Produkte wie Bild- oder Videogenerierung verzichtet. Simo soll den Erfolg des Konkurrenten intern als „Weckruf“ bezeichnet haben. Auch Google setzt mit seiner Gemini-Plattform verstärkt auf den B2B-Bereich und baut seinen Einfluss bei Unternehmenskunden kontinuierlich aus, was den Druck auf OpenAI weiter erhöht.
Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter bestätigten dem Wall Street Journal, dass die „alles auf einmal“-Strategie des vergangenen Jahres intern zu Orientierungslosigkeit geführt habe. Rechenkapazitäten wurden kurzfristig zwischen Teams verschoben, und die Organisationsstruktur wurde zunehmend unübersichtlich.
Pentagon-Deal belastet OpenAIs Ruf bei Endverbrauchern
Einen unerwarteten Vorteil im Wettbewerb erhält OpenAI durch eine politische Entscheidung: Das US-Verteidigungsministerium hat Anthropic offiziell als Sicherheitsrisiko in der Lieferkette eingestuft. Dies hat dazu geführt, dass einige Unternehmen zögern, Anthropics Technologie einzusetzen. Anthropic hat gegen diese Entscheidung Klage eingereicht.
Allerdings hat die enge Zusammenarbeit von OpenAI mit dem Pentagon bei einem Teil der Endverbraucher für Unbehagen gesorgt. Kritiker sehen in der militärischen Kooperation einen Widerspruch zu den ursprünglich proklamierten ethischen Grundsätzen des Unternehmens. Dies könnte langfristig das Vertrauen in der breiten Öffentlichkeit belasten, auch wenn OpenAI im Konsumentenmarkt nach wie vor eine starke Position hält.
OpenAI holt im Coding-Bereich auf
Im direkten Wettbewerb mit Anthropic hat OpenAI zuletzt Boden gutgemacht. Mit einer neuen Version seiner Codex-App sowie dem aktualisierten Modell GPT 5.4, das auf professionelle Anwendungen zugeschnitten ist, konnte das Unternehmen seine Nutzerzahlen im Coding-Bereich deutlich steigern. Simo gab bekannt, dass Codex inzwischen mehr als zwei Millionen wöchentlich aktive Nutzer zählt, was einem Anstieg um das Vierfache seit Jahresbeginn entspricht.
Parallel dazu arbeitet OpenAI daran, seine Ingenieure gemeinsam mit Beratungsunternehmen und Geschäftspartnern einzusetzen, um die KI-Adoption in verschiedenen Branchen zu beschleunigen. Längerfristige Projekte wie das geplante Hardwaregerät in Zusammenarbeit mit Designer Jony Ive sollen laut Simo künftig stärker auf das Thema Produktivität ausgerichtet werden.
Börsengang als zusätzlicher Druckfaktor
Der Wettbewerb zwischen OpenAI und Anthropic wird zusätzlich durch die Pläne beider Unternehmen befeuert, noch in diesem Jahr an die Börse zu gehen. Dem Wall Street Journal zufolge hat OpenAI intern den vierten Quartal 2026 als möglichen Zeitpunkt für ein IPO ins Gespräch gebracht. Der bevorstehende Börsengang erhöht den Druck auf beide Unternehmen, klare Wachstumsperspektiven und eine überzeugende strategische Ausrichtung vorzuweisen.
Ob der Strategiewechsel OpenAI die erhoffte Trendwende im Wettbewerb mit Anthropic und Google bringt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Der Kampf um die Vorherrschaft im KI-Markt, insbesondere im lukrativen B2B- und Coding-Segment, hat eine neue Intensität erreicht.

