OpenAI erhöht Finanzierungsrunde auf 122 Milliarden Dollar, um „Super-App“ zu bauen
OpenAI hat am Dienstag den Abschluss seiner jüngsten Finanzierungsrunde bekannt gegeben: 122 Milliarden Dollar an zugesagtem Kapital bei einer Post-Money-Bewertung von 852 Milliarden Dollar. Damit handelt es sich um die mit Abstand größte private Finanzierung, die je in der Technologiebranche zustande gekommen ist. Ursprünglich war die Runde mit 110 Milliarden Dollar angekündigt worden – durch zusätzliche institutionelle und erstmals auch private Investoren wurde sie nochmals aufgestockt.
Wer investiert hat
Die Runde wurde von drei strategischen Partnern angeführt: Amazon steuerte den größten Einzelbetrag bei, gefolgt von SoftBank und NVIDIA. Microsoft, seit 2019 Kernpartner von OpenAI, beteiligte sich ebenfalls, ohne dass die genaue Summe offengelegt wurde.
Als Co-Leads fungierten neben SoftBank auch Andreessen Horowitz (a16z), D. E. Shaw Ventures, der Abu-Dhabi-Fonds MGX, TPG sowie T. Rowe Price. Dazu kommt eine breite Riege institutioneller Investoren – von Sequoia Capital und Thrive Capital über BlackRock, Blackstone und Fidelity bis hin zu Temasek und dem Investmentbüro der University of California.
Erstmals Kleinanleger an Bord
Bemerkenswert ist, dass OpenAI erstmals auch Privatanlegern Zugang ermöglichte. Über Kanäle dreier großer Banken wurden rund drei Milliarden Dollar von Einzelinvestoren eingesammelt. Gleichzeitig gab das Unternehmen bekannt, dass seine Anteile künftig in mehreren börsengehandelten Fonds (ETFs) von ARK Invest enthalten sein werden – der Investmentfirma von Cathie Wood, die zuvor bereits über ihren Venture-Arm in OpenAI investiert hatte.
CFO Sarah Friar erklärte dazu, man wolle nicht nur den Zugang zur Technologie demokratisieren, sondern auch den Zugang zum wirtschaftlichen Aufwärtspotenzial, das KI schafft. Es ist ein deutliches Signal in Richtung breiterer Eigentümerschaft – und ein strategischer Schritt im Vorfeld eines möglichen Börsengangs.
IPO rückt näher
Die Finanzierungsrunde fällt in eine Phase, in der OpenAI aktiv einen Börsengang vorbereitet. Laut übereinstimmenden Medienberichten peilt das Unternehmen ein IPO im vierten Quartal 2026 an. OpenAI hat zuletzt seinen Finanzbereich personell aufgestockt – mit einem neuen Chief Accounting Officer und einer neuen Business Finance-Chefin, die auch Investor Relations verantworten soll.
Fidji Simo, OpenAIs CEO of Applications, erklärte kürzlich bei einem All-Hands-Meeting, man wolle ChatGPT von einem Chatbot zu einem Produktivitätswerkzeug transformieren und sich aggressiv auf Enterprise-Anwendungen ausrichten. Der Enterprise-Bereich macht laut OpenAI bereits über 40 Prozent des Umsatzes aus und soll bis Jahresende Parität mit dem Consumer-Geschäft erreichen.
Ein Treiber für das Timing ist auch der Wettbewerb: Anthropic, Googles KI-Beteiligung und OpenAIs stärkster Rivale im B2B-Markt, wird ebenfalls für 2026 an der Börse erwartet. OpenAI-intern wird befürchtet, dass ein früherer Anthropic-IPO die Nachfrage nach OpenAI-Aktien dämpfen könnte.
Wofür das Geld eingesetzt wird
OpenAI setzt das frische Kapital auf mehreren Fronten ein:
Infrastruktur und Compute: Das Unternehmen baut seine Rechenkapazitäten massiv aus – nicht mehr nur über einen einzelnen Cloud-Partner, sondern über ein Portfolio aus Microsoft Azure, Oracle, AWS, CoreWeave und Google Cloud. Auf der Chip-Seite setzt OpenAI neben NVIDIA-GPUs nun auch auf AMD, AWS Trainium, Cerebras und einen eigenen Chip in Partnerschaft mit Broadcom. Mit NVIDIA wurde eine Vereinbarung über drei Gigawatt Inferenz-Kapazität und zwei Gigawatt Training auf der neuen Vera-Rubin-Architektur geschlossen.
Modelle und Produkte: OpenAI hat zuletzt GPT-5.4 vorgestellt und Codex zu einem vollwertigen Coding-Agenten ausgebaut. Die APIs verarbeiten inzwischen über 15 Milliarden Tokens pro Minute. Gleichzeitig wurde in Bereiche wie Gesundheit, Wissenschaft und Handel expandiert.
Die Super-App-Strategie: Vielleicht das ambitionierteste Vorhaben: OpenAI will eine einheitliche KI-Super-App bauen. ChatGPT, Codex, Browsing und sämtliche agentische Fähigkeiten sollen in einer einzigen Oberfläche zusammengeführt werden. Die Logik dahinter: Nicht die Intelligenz der Modelle sei der limitierende Faktor, sondern die Nutzbarkeit. Statt fragmentierter Einzeltools soll ein einziges System Absichten verstehen, Aktionen ausführen und über verschiedene Anwendungen und Workflows hinweg agieren. Die Consumer-Reichweite mit über 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern soll dabei als Einstiegspunkt für Enterprise-Nutzung dienen.
Die Zahlen im Überblick
OpenAI generiert nach eigenen Angaben mittlerweile zwei Milliarden Dollar Umsatz – pro Monat. Im gesamten Jahr 2024 waren es 13,1 Milliarden Dollar, auf das Jahr hochgerechnet liegt man nun bei 24 Milliarden. ChatGPT hat über 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer und mehr als 50 Millionen zahlende Abonnenten. Die Suchfunktion verzeichnet dreimal so viel Nutzung wie vor einem Jahr, und ein Werbe-Pilotprojekt erreichte innerhalb von sechs Wochen über 100 Millionen Dollar annualisierten Umsatz.
Trotz dieser Zahlen ist OpenAI weiterhin nicht profitabel und verbrennt erheblich Cash. Auch die Videoplattform Sora wurde zuletzt wieder eingestellt – die Betriebskosten von geschätzt über fünf Milliarden Dollar jährlich waren offenbar zu hoch.
Einordnung
Die Runde ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie zeigt, dass globale Kapitalgeber bereit sind, historisch beispiellose Summen in ein einzelnes KI-Unternehmen zu stecken – trotz fehlender Profitabilität und eines zunehmend umkämpften Marktes. Analysten von PitchBook bewerteten OpenAI unter den drei großen KI-IPO-Kandidaten (neben Anthropic und Databricks) als am schwächsten bei den fundamentalen Geschäftskennzahlen – bei gleichzeitig höchster Bewertung.
Kritisch wird auch angemerkt, dass ein Teil der Investments keine reinen Eigenkapitalspritzen sind: Amazons Beteiligung ist an einen Achtjahresvertrag über 100 Milliarden Dollar AWS-Nutzung gekoppelt, NVIDIAs Beitrag besteht großteils aus Rechenkapazität statt Bargeld. An der Wall Street mehren sich Stimmen, die von zirkulärer Finanzierung sprechen – Unternehmen investieren ineinander und kaufen gleichzeitig gegenseitig Dienstleistungen ein.
Für OpenAI ist das frische Kapital dennoch ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Börsengang. Die Frage, ob die Bewertung von 852 Milliarden Dollar am öffentlichen Markt Bestand haben wird, dürfte 2026 zu einer der spannendsten im gesamten Technologiesektor werden.


