OpenAI will mit Desktop-„Superapp“ Anthropic’s Claude Code und Cowork angreifen
Anthropic tanzt es OpenAI derzeit vor, und so ist der Strategiewechsel bei OpenAI in Richtung B2B-Kundschaft und Coding in vollem Gange. Denn OpenAI plant die Zusammenführung seiner ChatGPT-Anwendung, der Codex-Programmierplattform und des Atlas-Browsers zu einer einzigen Desktop-Superapp. Das Unternehmen hat diese strategische Neuausrichtung laut Wall Street Journal intern angekündigt, um die Nutzererfahrung zu vereinfachen und seine Ressourcen auf Kernbereiche zu konzentrieren.
Fidji Simo, die als Chief of Applications fungiert, übernimmt die Leitung dieser Produktkonsolidierung und arbeitet dabei mit Präsident Greg Brockman zusammen, der bislang für die Computing-Infrastruktur verantwortlich zeichnete. Die mobile Version von ChatGPT bleibt von diesen Änderungen unberührt und wird weiterhin als eigenständige Anwendung verfügbar sein – also die Ausrichtung auf Endkonsumenten am Smartphone.
Die neue Super-App am Desktop dürfte einer anderen Software nicht unähnlich werden: Anthropic’s Desktop-App kombiniert bereits den Chat, die Produktivitäts-Anwendunh Cowork sowie Claude Code in einer App.
Strategische Neuausrichtung unter Wettbewerbsdruck
Die Entscheidung markiert einen deutlichen Kurswechsel gegenüber der Strategie des vergangenen Jahres, als OpenAI eine Reihe eigenständiger Produkte auf den Markt brachte bzw. in Arbeit gab, darunter den Video-Generator Sora und ein Hardware-Gerät. In einer internen Mitteilung an die Mitarbeiter erläuterte Simo, dass die Fragmentierung der Bemühungen über zu viele Anwendungen und technische Stacks hinweg das Unternehmen verlangsamt und es erschwert habe, die angestrebten Qualitätsstandards zu erreichen. Die Führungsebene beschreibt die aktuelle Phase als Übergang von einer Explorationsphase zu einer Phase der Refokussierung, bei der erfolgreiche neue Ansätze wie Codex verstärkt werden sollen, während Ablenkungen vermieden werden müssen.
Der Strategiewechsel erfolgt vor dem Hintergrund intensiven Wettbewerbs mit Anthropic, das mit seinen Produkten Claude Code und Cowork erhebliche Erfolge bei Unternehmenskunden verzeichnet hat. OpenAI agiert nach eigenen Angaben in einem Zustand erhöhter Dringlichkeit, den das Unternehmen intern als Alarmstufe beschreibt. Führungskräfte wie CEO Sam Altman, Chief Research Officer Mark Chen und Simo haben in den vergangenen Wochen das Produktportfolio überprüft und Bereiche identifiziert, die weniger Priorität erhalten sollen. In einer Mitarbeiterversammlung warnte Simo davor, sich von Nebenprojekten ablenken zu lassen, während Anthropic rasch Marktanteile im Enterprise- und Entwicklerbereich gewinnt. Beide Unternehmen erwägen Börsengänge noch im laufenden Jahr und stehen unter Druck, ehrgeizige Umsatzziele zu erreichen.
Schrittweise Integration der Plattformen
Die Umsetzung der Superapp erfolgt in mehreren Schritten. OpenAI plant zunächst, die Codex-Anwendung mit zusätzlichen agentenbasierten Funktionen auszustatten, die über reine Programmieraufgaben hinausgehen und verschiedene produktivitätsbezogene Tätigkeiten unterstützen. Diese agentenbasierten KI-Systeme sollen autonom auf dem Computer des Nutzers arbeiten und eine Vielzahl von Aufgaben ausführen können, darunter das Schreiben von Software und die Analyse von Daten. Erst in einem späteren Schritt werden ChatGPT und der Atlas-Browser in die konsolidierte Anwendung integriert.
Die neue Produktarchitektur soll es den internen Teams ermöglichen, enger zusammenzuarbeiten, während sich die Forschungsabteilung auf die Verbesserung eines zentralen Produkts konzentrieren kann. Simo betonte, dass die Zusammenführung der stärksten KI-Konsumentenanwendung mit der leistungsfähigsten Agentenanwendung eine Gelegenheit darstellt, die Reichweite bei Verbrauchern zu nutzen, um agentenbasierte Funktionen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die organisatorische Struktur von OpenAI war durch die Vielzahl der im vergangenen Jahr angekündigten Produkte zunehmend komplex geworden, was nun durch die Konsolidierung adressiert werden soll.
Der Fokus auf Unternehmenskunden war ursprünglich nicht im Zentrum der OpenAI-Strategie, hat jedoch nach dem Durchbruch von Anthropics Produkten an Bedeutung gewonnen. Das Unternehmen verstärkt seine Bemühungen, KI-Tools zu verkaufen, die die Produktivität von Mitarbeitern in Unternehmen steigern. Die Superapp soll es dem Vertriebsteam erleichtern, das neue konsolidierte Produkt zu vermarkten und dabei sowohl technische Entwickler als auch Geschäftskunden anzusprechen. News Corp, der Eigentümer des Wall Street Journal, unterhält eine Partnerschaft zur Lizenzierung von Inhalten mit OpenAI.


