Kernfusion

Proxima Fusion holt 411 Millionen Euro und Google als strategischen Investor

Proxima Fusion Team. © Proxima Fusion
Proxima Fusion Team. © Proxima Fusion

Das Münchner Fusion-Startup Proxima Fusion hat die bislang größte private Finanzierungsrunde für Kernfusion in Europa abgeschlossen. Mit an Bord: Google und RWE als strategische Investoren. Die Bewertung klettert auf 2,4 Milliarden Euro.

Die europäische Fusionsforschung bekommt frisches Kapital in Rekordhöhe: Proxima Fusion hat am Montag eine Finanzierungsrunde über 411 Millionen Euro bekannt gegeben. Das Max-Planck-Spin-off aus München wird damit mit 2,4 Milliarden Euro bewertet und steigt endgültig in die Riege der europäischen Deep-Tech-Schwergewichte auf. Es handelt sich um eine der größten privaten Investitionen in die europäische Technologiebranche in diesem Jahr – und um die bislang größte private Fusion-Finanzierung des Kontinents.

Angeführt wurde die Runde von XTX Ventures und East X Ventures. Bemerkenswert ist vor allem die Liste der strategischen Investoren: Neben Google steigt auch der deutsche Energiekonzern RWE ein – ein Signal, dass sowohl Tech-Konzerne mit enormem Strombedarf als auch etablierte Energieversorger die Kernfusion zunehmend als ernstzunehmende Option betrachten. Zu den weiteren Geldgebern zählen KfW Capital, die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND sowie zahlreiche Bestandsinvestoren, die erneut investieren.

Stellarator statt Tokamak

Proxima Fusion ist 2023 als Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik entstanden und baut auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Wendelstein-7-X-Programms in Greifswald auf. Anders als viele Wettbewerber, die auf das Tokamak-Design setzen, verfolgt das Unternehmen das Stellarator-Konzept – konkret ein sogenanntes QI-HTS-Modell.

Ein Stellarator ist ein magnetischer Einschlussreaktor, der das über 100 Millionen Grad heiße Plasma in einer komplexen, spiralförmigen Magnetfeldgeometrie stabil hält. Der Ansatz gilt als technisch anspruchsvoller in der Konstruktion, verspricht aber einen stabileren Dauerbetrieb. Ein zentraler Baustein sind Hochtemperatur-Supraleiter (HTS), an deren Entwicklung und Fertigung Proxima intensiv arbeitet – sie sollen die für den Plasmaeinschluss nötigen extrem starken Magnetfelder erzeugen.

„Alpha“ als Brücke zum Kraftwerk

Das frische Kapital fließt in erster Linie in das Projekt „Alpha“: einen Stellarator-Demonstrator, der die Netto-Energieerzeugung nachweisen soll und in der Nähe von München entsteht. Partner sind der Freistaat Bayern, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und RWE. „Alpha“ soll als Bindeglied zwischen Grundlagenforschung und kommerzieller Anwendung dienen.

Das langfristige Ziel trägt den Namen „Stellaris“: das erste kommerzielle Fusionskraftwerk, das noch in diesem Jahrzehnt in Betrieb gehen soll. Dafür gibt es bereits einen konkreten Standort – das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen in Bayern, wo Proxima gemeinsam mit RWE ein Fusionskraftwerk errichten will. Die Symbolik ist kaum zu übersehen: Wo einst Kernspaltung Strom lieferte, soll künftig Kernfusion ans Netz gehen.

Mit den neuen Mitteln will Proxima Fusion außerdem seine Teams in den Bereichen Engineering, Fertigung und Betrieb an den Standorten in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien deutlich ausbauen.

Zwischen Euphorie und Skepsis

So groß die Investitionssummen, so kontrovers bleibt die Debatte um die Technologie. Fürsprecher sehen in der Kernfusion die ultimative Energiequelle: nahezu unbegrenzter Brennstoff, keine CO2-Emissionen im Betrieb, kein langlebiger hochradioaktiver Abfall und – anders als bei der Kernspaltung – kein Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion. Gerade der explodierende Strombedarf von KI-Rechenzentren hat das Interesse von Tech-Konzernen wie Google, Microsoft oder OpenAI-Chef Sam Altman (Investor beim US-Konkurrenten Helion) an Fusionsenergie massiv befeuert. Auch Regierungen in den USA, Großbritannien, Deutschland und China pumpen Milliarden in die Forschung.

Skeptiker verweisen dagegen auf die lange Geschichte gebrochener Versprechen: Die Kernfusion galt jahrzehntelang als Technologie, die „immer 30 Jahre entfernt“ ist. Zwar gelang dem US-Labor NIF Ende 2022 erstmals ein wissenschaftlicher Netto-Energiegewinn, doch von einem wirtschaftlich arbeitenden Kraftwerk ist die Branche noch weit entfernt. Ungelöst sind unter anderem Fragen der Materialbeständigkeit unter extremem Neutronenbeschuss, die Beschaffung des Brennstoffs Tritium und die schlichte Frage, ob Fusionsstrom jemals mit immer billigeren Erneuerbaren plus Speichern konkurrieren kann. Kritiker warnen zudem, dass die Aussicht auf Fusion in ferner Zukunft nicht als Ausrede dienen dürfe, den Ausbau verfügbarer klimafreundlicher Energien heute zu verzögern. Ob Proxima Fusion seinen ambitionierten Zeitplan – kommerzieller Strom noch in diesem Jahrzehnt – halten kann, wird sich erst mit dem Demonstrator „Alpha“ zeigen.

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