Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland prüfen gemeinsame große Börse
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Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland könnten ihre nationalen Börsen zu einem einzigen regionalen Marktplatz zusammenlegen. Geprüft wird das von Nordic Compass, einer Industrieallianz, in der mehr als 25 Unternehmen, Stiftungen und Organisationen versammelt sind, darunter Wallenberg Investments, EQT, Nordea, SEB, Nasdaq Nordic, Ericsson, Nokia, Saab, Ørsted und die Novo Nordisk Foundation. Wie Euronews und Bloomberg kürzlich unter Berufung auf mit den Gesprächen vertraute Personen berichteten, geht es um die Konsolidierung der vier nationalen Handelsplätze ebenso wie um eine Harmonisierung der Regelwerke.
Auch auf der TechBBQ in Kopenhagen, einer der größten Startup-Konferenzen Skandinaviens, war die Zukunft der Börsen eines der bestimmenden Themen.
Die Allianz selbst bestätigt die Prüfung, betont aber, dass alles noch offen ist. „Nordic Compass‘ Capital Markets Track arbeitet daran, die Möglichkeiten zur Kapitalaufnahme über alle Phasen hinweg zu verbessern, von Start-up, Venture, Growth und Scale-up bis zum IPO, ebenso wie das Ökosystem für nordische Listings“, sagte Christian Clausen, Vorsitzender des Capital Markets Track und Nordics-Chairman bei BlackRock, gegenüber Euronews. „Die Arbeit befindet sich noch in einem explorativen Stadium, und es wurde noch keine Einigung über konkrete Initiativen oder Schlussfolgerungen erzielt.“
Nordic Compass wurde im Frühjahr als panskandinavische Allianz gegründet und arbeitet unter dem Vorsitz des früheren finnischen Premierministers Jyrki Katainen in vier Arbeitssträngen zu Kapitalmärkten, Deep Tech, Verteidigung und Energie. Die ersten Initiativen sollen bei einem Gipfel in Göteborg Anfang November vorgestellt werden, dort wird auch der Kapitalmarkt-Vorschlag erwartet.
Vier Billionen Dollar, verteilt auf vier Märkte
Der wirtschaftliche Hebel ist beträchtlich. Nordische Pensionsfonds und staatliche Investor:innen verwalten knapp vier Billionen Dollar und nehmen jährlich mehr als 175 Milliarden Dollar neu auf. Dieses Kapital verteilt sich derzeit auf vier getrennte Märkte, statt in einem Pool gebündelt zu sein. Genau daraus soll die erhoffte Tiefe entstehen: mehr Liquidität, engere Spreads, attraktivere Bedingungen für Börsengänge.
Eine Fusion hängt allerdings an drei Parteien, die der Allianz nicht unterstehen. Nasdaq betreibt die meisten nationalen Börsen der Region, Euronext besitzt die Osloer Börse, und Euroclear spielt eine zentrale Rolle bei der Abwicklung nordischer Wertpapiergeschäfte. Nasdaq äußerte sich gegenüber Euronews nicht. Euronext zeigte sich offen und verwies auf die eigene Präsenz mit Oslo Børs, den Zentralverwahrern in Norwegen und Dänemark, Nord Pool und Admincontrol. Man stehe „im Dialog mit Nordic Compass über mögliche Beiträge zu praktischen Maßnahmen“, hieß es. Zugleich verwies der Betreiber auf sein eigenes Mehrländermodell als Vorlage: Tiefere Liquidität, gemeinsame Technologie und harmonisierte Regeln nützten Emittent:innen und Investor:innen, während das föderale Modell die lokalen Börsen nahe an ihren Märkten halte.
Die Kandidat:innen von morgen
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Schweden produziert Unicorns im Serientakt, und einige davon nähern sich der Größenordnung, in der ein Börsengang zum Thema wird. Lovable, der Shootingstar im Bereich AI-Coding, wurde bei einer jüngsten Finanzierungsrunde über 400 Millionen Dollar mit 13,3 Milliarden Dollar bewertet. Der Legal-AI-Anbieter Legora kam bei seiner Series D über 550 Millionen Dollar auf 5,55 Milliarden Dollar und verhandelt Berichten zufolge bereits über eine Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich.
Wohin solche Unternehmen gehen, wenn es so weit ist, hat Klarna vorgezeigt. Das schwedische Fintech ging an die New York Stock Exchange und holte dort 1,37 Milliarden Dollar. Auch andere europäische Konzerne haben den Atlantik überquert: Wise verlegte sein Primärlisting von London an die Nasdaq, Flutter Entertainment wechselte an die NYSE und prüft seither den Rückzug aus London. Die Argumente sind stets ähnlich: höhere Bewertungen, ein tieferer Pool an institutionellem Kapital, eine breitere Analyst:innen-Abdeckung.
35 Börsen, ein Kontinent
Europas Handelslandschaft ist historisch gewachsen und entsprechend zersplittert. Der Thinktank New Financial zählt in seiner Analyse „The problem with European stock markets“ 35 Börsen für Listings, 41 Handelsplätze und knapp 40 verschiedene Clearinghäuser und Zentralverwahrer. Der europäische Aktienmarkt ist demnach weniger als halb so groß wie der US-amerikanische, weist aber dreimal so viele Börsengruppen und mehr als zehnmal so viele Listing-Plätze auf. 18 von 33 Aktienmärkten in Europa kommen zusammen auf weniger als 100 Milliarden Euro, und die Zahl der gelisteten Unternehmen ist über das vergangene Jahrzehnt um 17 Prozent gesunken.
Für Oliver Holle, CEO des Wiener Wagniskapitalgebers Speedinvest, ist der Befund eindeutig. „Die vielen Börsen in Europa kann man abschaffen, die braucht wirklich keiner, notwendig ist eine große Börse für europäische IPOs“, sagte er auf der TechBBQ in Kopenhagen.
Politisch treibt die EU seit geraumer Zeit die Savings and Investments Union voran, die Nachfolgerin der Kapitalmarktunion. Sie zielt auf einheitlichere Aufsicht, harmonisierte Insolvenz- und Wertpapierrechte und darauf, das Ersparte europäischer Haushalte stärker in Beteiligungskapital zu lenken. Eine einzige große EU-Börse gehört jedoch nicht zu den Vorhaben, und die Aussichten dafür gelten als schlecht. Börsen sind privatwirtschaftliche Unternehmen mit eigenen Aktionär:innen, die nationalen Aufsichtsbehörden und Steuerregime unterscheiden sich, und für viele Mitgliedstaaten ist der heimische Handelsplatz auch eine Frage des Prestiges.
Auf der Bühne der TechBBQ dämpfte der dänische Steuer- und Wachstumsminister Jakob Engel-Schmidt entsprechende Erwartungen. Der Politiker der Partei Moderaterne, seit dem Frühsommer im Amt und in einem erweiterten Ressort auch für den Finanzsektor und die Koordinierung der Gründer:innenpolitik zuständig, formulierte es so: „Eine große europäische Börse ist nicht realistisch.“ Insofern macht es wohl aus dieser Hinsicht Sinn, dass die skandinavischen Länder nun eine gemeinsame Initiative unternehmen.

