Südkorea will mit Gratis-KI für Bürger:innen unabhängiger von den USA werden
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Südkorea will künstliche Intelligenz zu einer Art öffentlicher Infrastruktur machen. Das Ministerium für Wissenschaft und IKT (MSIT) hat soeben drei Konsortien ausgewählt, die im Rahmen des Programms „AI for All“ der gesamten Bevölkerung kostenlose KI-Dienste zur Verfügung stellen sollen. Angeführt werden sie von SK Telecom, KT und Kakao. Sechs Bewerbungen waren eingegangen, drei haben es durch die Bewertung geschafft, in der Modellqualität, Servicekonzept, Nutzer:innengewinnung, Sicherheit und der geplante GPU-Einsatz beurteilt wurden.
Das erklärte Ziel der Regierung ist eine „AI-basic society“, in der KI unabhängig von Einkommen, Alter oder digitaler Kompetenz genutzt werden kann. Praktisch bedeutet das: Chatbots für den Alltag und KI-Agenten für Behördenwege, kostenlos und ohne Token-Limits. Die Verträge sollen im kommenden Monat unterzeichnet werden, der reguläre Start ist noch für heuer geplant.
Was der Staat beisteuert
Der Aufbau des Programms unterscheidet sich von klassischen staatlichen IT-Projekten. Die Unternehmen bauen kein System, das sie an den Staat übergeben und abrechnen, sondern betreiben die Dienste selbst und direkt für die Bevölkerung.
Der Staat steuert die Rechenleistung bei: insgesamt 512 Nvidia-B200-GPUs für die drei Betreiber. Ab dem kommenden Jahr sollen zusätzlich die laufenden Betriebskosten des landesweiten Angebots aus dem Budget gedeckt werden. Die Auflage lautet, dass die wesentlichen Funktionen auch dann gratis bleiben, wenn die Nutzung über die vom Staat finanzierte Kapazität hinauswächst. Eigene Erlösmodelle dürfen die Betreiber parallel entwickeln, ausdrücklich auch auf Basis der Daten, die durch die Nutzung entstehen, etwa der Prompts.
Zentral ist eine weitere Bedingung: Mindestens die Hälfte des Systems muss auf heimischen Modellen laufen, die den Standards des Ministeriums für unabhängige Foundation Models entsprechen. Damit koppelt Seoul das Gratisangebot an das eigene Sovereign-AI-Programm, in dem zuletzt LG AI Research, SK Telecom und Upstage die nächste Runde erreicht haben.
Im Feld der drei Betreiber schlägt sich das direkt nieder: SK Telecom setzt auf A.X K2, Solar Open 2, Motif 3 und K-EXAONE 2.0, KT auf Mi:dm K Pro 2.5, Solar Pro 4 und Motif 3, Kakao auf Kanana, EXAONE und K-EXAONE 2.0.
Drei Wege zu denselben Nutzer:innen
Die Strategien der drei Konsortien zeigen, worum es den Unternehmen geht: um den Zugang zur Bevölkerung.
SK Telecom plant eine handlungsfähige KI, die von der Planung über die Ausführung bis zur Kontrolle des Ergebnisses aus einer einzigen Anfrage arbeitet. Verfügbar sein soll sie nicht nur über App und Web, sondern auch per Telefonanruf und SMS, inklusive der Möglichkeit, Kontaktdaten von Geschäften oder Ämtern zu finden und stellvertretend anzurufen. Der Konzern bringt rund 22,5 Millionen Mobilfunkverträge als Basis mit, dazu Partner wie Shinhan Card, Hana Card, Tmap Mobility, Elice und Nota.
Kakaos Trumpf ist KakaoTalk, der De-facto-Standard für Messaging im Land. Chatbots und Agenten sollen dort laufen, wo ohnehin kommuniziert wird, samt Reservierungen, Anträgen und Zahlungen. Dazu kommen ein telefonbasierter Dienst gemeinsam mit LG Uplus und ein Marktplatz, über den Agenten externer KI-Firmen verteilt werden können. Im Konsortium sitzen unter anderem LG AI Research, LG CNS, LG Electronics, Shinhan Bank, das Seoul National University Hospital, Lunit und der Chip-Entwickler FuriosaAI.
KT verknüpft Portal, Telekom, Medien und Commerce. Nutzer:innen von Daum-Suche, News und Content sollen in den KI-Dienst geführt und mit Partnerangeboten wie Danawa, Musinsa und Zigbang verbunden werden, verfügbar auch über Mobilfunk und IPTV. Mit an Bord sind zudem der Chip-Entwickler Rebellions, Upstage, Motif Technologies, BC Card und der öffentliche Bildungssender EBS.
Bemerkenswert ist, wer fehlt: Naver hat auf eine Bewerbung verzichtet und die knappen Fristen sowie die Auflage, mehrere Modelle einzubinden, als wirtschaftlich unattraktiv im Vergleich zum eigenen Angebot bezeichnet.
Was das für OpenAI, Anthropic und Google bedeutet
Für die großen US-Anbieter ist Südkorea bisher ein starker Markt, ChatGPT zählt dort zu den meistgenutzten Apps überhaupt. Genau an diesem Punkt setzt das Programm an. Wenn Chatbots und Agenten auf heimischen Modellen im Telefonnetz, im Messenger und auf der IPTV-Box vorinstalliert und dauerhaft gratis sind, verschiebt sich die entscheidende Größe im Markt: nicht mehr allein die Modellqualität, sondern der Ort, an dem KI im Alltag zuerst auftaucht. Wer ein Abo für 20 US-Dollar im Monat verkaufen will, konkurriert dann mit einem staatlich finanzierten Basisangebot ohne Token-Limit.
Dazu kommt der Datenaspekt. Die Regierung erlaubt es den Betreibern ausdrücklich, aus Prompts und Nutzungsdaten Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das ist genau jener Rückkopplungseffekt, der die Position der US-Anbieter bisher gestützt hat, und er würde in diesem Fall im Land bleiben.
Der Unterschied zu den Gratis-Programmen von OpenAI
Kostenlose KI für eine ganze Bevölkerung gibt es nicht zum ersten Mal. In den Vereinigten Arabischen Emiraten bekommen alle Einwohner:innen ChatGPT Plus gratis, in Indien läuft ChatGPT Go ein Jahr lang kostenlos. Der Mechanismus dahinter ist allerdings ein anderer.
Der wesentliche Unterschied liegt in der Frage, wer subventioniert und wem die Wertschöpfung am Ende zufällt. In Südkorea zahlt der Staat, und zwar für heimische Technologie: GPUs, Betriebskosten und die Auflage, mindestens die Hälfte des Systems auf koreanischen Modellen zu betreiben. Das Gratisangebot ist damit Industriepolitik auf der Nachfrageseite, weil es jene Nutzungsvolumina erzeugt, die die eigenen Foundation Models für ihre Weiterentwicklung brauchen. Bei OpenAI zahlt das Unternehmen selbst, und es tut das für Marktanteile. Verzicht auf Umsatz heute, um Gewohnheiten zu etablieren und später über Abos oder Werbung zu monetarisieren.
Unterschiedlich ist auch der Zeithorizont. Seoul schreibt vor, dass die Basisfunktionen dauerhaft gratis bleiben, selbst wenn die Nutzung über die finanzierte Kapazität hinauswächst. Die OpenAI-Angebote sind befristete Aktionen oder an einen bilateralen Deal gekoppelt, in dem der Zugang Teil eines größeren Infrastrukturpakets ist.
Dazu kommt die Frage der Oberfläche. Korea verteilt KI dorthin, wo die Menschen ohnehin sind, also in KakaoTalk, in normale Telefonanrufe und SMS, in IPTV und in Behördenwege. OpenAI verteilt Zugang zur eigenen App. Wer die Oberfläche kontrolliert, kontrolliert langfristig auch die Beziehung zu den Nutzer:innen.

