Interview

Wie werden 6G und das Metaverse die Welt verändern, Kaniz Mahdi?

Kaniz Mahdi ist Expertin für 6G bei VMWare. © VMWare
Kaniz Mahdi is a 6G expert at VMWare. © VMWare

„Bei 6G geht es darum, den Schwerpunkt wieder auf Menschlichkeit und Nachhaltigkeit zu legen“, erklärt Kaniz Mahdi, Vice President of Distributed Edge bei VMware, im Gespräch mit Trending Topics im Rahmen des MWC. Mit 5G ist sie nicht zufrieden, die nächste Generation soll alles besser machen. Das bringt ihrer Ansicht nach aber auch Herausforderungen mit sich, von einer möglichst gerechten (Breitband-)Verteilung bis hin zur Kommunikation der nächsten Generation über das Metaverse.

„Immer, wenn mich jemand nach 6G fragt, erinnere ich mich an die Anfänge von 5G. Das, was mit 5G passiert ist, hat viel mit dem zu tun, was wir mit 6G machen. 5G war im Grunde eine Generation von vielen, es gab aber eine Menge sehr guter, positiver Ambitionen“, erinnert sich Mahdi zurück. „Vor zehn Jahren sollte 5G eine Generation sein, die Konnektivität so allgegenwärtig wie möglich macht. Und natürlich wollte jeder diese zuverlässige Kommunikationsrate mit geringer Latenz erreichen. Was letztlich daraus geworden ist, ist, dass ich ein 5G-Telefon in der Hand habe, das sich nicht von LTE und 4G unterscheidet. Wir haben das Ziel verfehlt und ergänzen das nun“, meint sie.

Weltweites 4G in zehn Jahren

Problematisch sei dabei auch die geopolitische Dynamik, die sich in den drei Regionen Asien, Europa und Nordamerika abzeichnet, und die damit verbundenen Sicherheits- und Belastbarkeitsbedenken. „Normalerweise dauert es zehn Jahre, bis der Generationenwechsel abgeschlossen ist. Während also eine Generation anläuft, geht die nächste ins Labor. Aber normalerweise sind die Regierung und die Industrie nicht so stark in die nächste Generation involviert“, erklärt Mahdi. Warum ist das so? „5G ist so allgegenwärtig. Es handelt sich zunehmend nicht mehr nur um eine Technologie, die es zwei Menschen ermöglicht, über große Entfernungen miteinander in Verbindung zu treten. 5G ermöglicht kritische Infrastrukturen. Und aus diesem Grund sind mehrere Regierungen sehr daran interessiert, wie 6G die Zukunft definieren wird.“

Dennoch ist die Verteilung noch sehr unterschiedlich. Während weite Teile Nordamerikas, Europas und einzelne Teile Asiens bereits mit 5G versorgt sind, fehlt die entsprechende Infrastruktur in Russland, Südamerika und Afrika noch fast gänzlich.

Trending Topics: Wann kommt die einhundertprozentige weltweite 5G-Abdeckung?

Kaniz Mahdi: Ich kann dazu nichts sagen. Gleichberechtigung in Bezug auf jede Art von Breitband – nicht nur mobiles Breitband, sondern jede Art von Breitband -, ist eine große Herausforderung. Wenn man sich die Länder der Dritten Welt anschaut, sind die Schwellenländer immer noch auf 2G oder 3G – und zu erwarten, dass sie einen kompletten Sprung auf 5G bis 6G machen, wäre ein bisschen zu ehrgeizig. Aber das Ziel ist, dass wir im Laufe der nächsten zehn Jahre mindestens eine 4G-Abdeckung auf der ganzen Welt haben werden.

Währenddessen wird bereits an 6G geforscht – das dann alles besser machen soll. Aber was genau eigentlich?

Bei jeder neuen Generation ging es um bessere Leistung. So führt jede neue Generation eine neue Größenordnung in Sachen Performance ein, bis eben zu 5G. Bei 6G geht es darum, den Schwerpunkt wieder auf Menschlichkeit und Nachhaltigkeit zu legen. Bei 6G geht es um Resilienz und um Gerechtigkeit. Sie werden sehen, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Triebkräfte sowie die menschliche Entwicklung bei den Gesprächen, die wir über das 6G-Netz führen, in den Vordergrund rücken. Es wird darum gehen, ein gleichberechtigtes Umfeld für alle Menschen zu schaffen, damit sie in gleichem Maße Konsumgüter und digitale Dienste nutzen können. Das ist der Schlüssel für 6G. 6G braucht darüber hinaus weniger Strom, hat weniger Energieverbrauch und eine bessere Ressourceneffizienz. All das trägt zur Nachhaltigkeit bei. Notwendig ist es aber,  ein nachhaltiges und gerechtes 6G zu schaffen.“

„Der Grund dafür [gerechtes 6G, Anm.] ist, dass es bis zur Bekämpfung von Covid-19 jahrzehntelang, also in den Zeiten der älteren Netzwerk-Generationen, keine Pandemie gegeben hat. Und als die Pandemie ausbrach, waren die Menschen im Grunde genommen in ihren Häusern isoliert und hatten keine andere Wahl, als Breitbanddienste oder Fernverbindungen zu nutzen und alltägliche Dienstleistungen wie Gesundheitsfürsorge, Bildung und Einkäufe über große Entfernungen zu erledigen. Erst dann hat man erkannt, dass man die tatsächlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnisse des heutigen Breitband-Netzes stärker in den Vordergrund stellen muss, indem man es größer macht – anstatt dass man auf mehr Performance achtet und sehr schön aussehende Geräte für die Reichen in den städtischen Gebieten baut.

Ist generell in die falsche Richtung gedacht worden?

Ich war dabei, als die Anforderungen für LTE für Haiti geschrieben wurden. In allen Fällen ging es um die Frage: Okay, wie mache ich es besser? Die Breitbandverbindung könnte besser sein, und wie kann ich das Gerät für den technisch versierten Benutzer attraktiver machen? Jetzt schreibt man die Anforderungen für 6G, das ist ein ganz anderes Gespräch. Es geht um die Frage: Wie kann ich Ressourcen schonen? Wie nutze ich die Ressourcen am besten, um diese Dienste gleichmäßig über alle möglichen geografischen Gebiete zu verteilen, nicht nur über die städtischen Gebiete, nicht nur über die wohlhabenden Stadtteile? Das Problem war immer da, aber jetzt wird es offensichtlicher.

„6G wird auch die Kommunikation von Sinneseindrücken“

Dennoch wird sich mit 6G auch in der alltäglichen Kommunikation einiges ändern. Wie könnte das aussehen?

6G soll es ermöglichen, dass Sie und ich miteinander sprechen, über das Telefon, aber es aussieht, als würden wir uns normal unterhalten. Menschen interagieren heute über die Kommunikation von Sensoren. Wenn wir ein Medium zwischen uns stellen, entsteht eine Barriere für diese Interaktion. Daher forschen viele Unternehmen und akademische Einrichtungen am Medium selbst, um herauszufinden, was das künftige Medium sein wird – damit es nicht zum Hindernis für die Kommunikation zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Maschine wird. 6G wird also auch die Kommunikation von Sinneseindrücken, sie wird sich nicht von der Kommunikation dieser Sinne ohne Medien unterscheiden.

Hologramme also?

Ja. Ich spreche von der Evolution der Hologramme in einer Art und Weise, dass ich in der Lage bin, mit meinem Gegenüber über eine große Entfernung zu kommunizieren, ohne dass er oder sie weiß, dass diese große Entfernung existiert und wie weit ich entfernt bin. Das ist der Bereich, in dem die meiste Forschung im Hinblick auf die Verbrauchererfahrung erforderlich ist. Ich weiß aber nicht, wie weit das gehen wird.

Und das Metaverse?

Das ist ein guter Ausgangspunkt. Das ist ein sehr guter Ausgangspunkt in dem Sinne, dass es Möglichkeiten für weitere Forschungen eröffnet, wie man das Medium so weiterentwickeln kann, dass es den heutigen menschlichen Kommunikationsmetaphern förderlicher wird. Wir wollen den Menschen in der Schleife halten, ihn in den Vordergrund stellen, aber auch mehreren Menschen die Möglichkeit geben, miteinander zu kommunizieren, als ob sie mit dem Metaverse kommunizieren würden. Es geht also im Grunde darum, eine virtuelle und physische Erfahrung auf eine Art und Weise zu schaffen, die alle Barrieren aus dem Weg räumt.

Viele Menschen wollen nicht in einer virtuellen Welt leben.

Exakt. Es gibt hier viele soziale Bedenken. Die Vision, die wir teilen, ist im Grunde, das beste aus den fortgeschrittenen Technologien zu machen. Das aber in einer Art und Weise, die es mir erlaubt, das Leben so zu erfahren, wie es ist. Es geht nicht darum, ein Leben in einer virtuellen Umgebung zu führen, sondern das Leben mit allen Sinnen zu erfassen. Im Grunde werden also die räumlichen und zeitlichen Barrieren beseitigt. Das ist das ultimative Ziel für all diese Dinge.

Kaniz Mahdi ist Vice President of Distributed Edge bei VMware. Sie leitet ein globales Team von Forscher:innen, Architekt:innen und Entwickler:innen, die sich auf fortschrittliche Technologien an der Schnittstelle von Wireless, Cloud und AI bei VMware spezialisiert haben. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf nutzerorientierter Forschung und Co-Innovation mit Industrie und Wissenschaft, um die Komplexität von verteilten Cloud-Systemen zu entschlüsseln. Bevor sie zu VMware kam, hatte Kaniz verschiedene Führungspositionen im Technologiebereich bei Ericsson, Huawei, Ciena und Nortel inne.

Disclaimer: Die Reisekosten des Redakteurs zum MWC wurden von VMWare übernommen.

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