Character.AI: Milliarden-Startup der ChatGPT-Ära ist pleite
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Vom KI-Überflieger zum Insolvenzfall in nur fünf Jahren: Character.AI, eines der ersten großen KI-Startups des ChatGPT-Zeitalters, hat in den USA Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Gleichzeitig hat sich das Unternehmen mit Disney darauf geeinigt, Teile seines Vermögens für 20 Millionen Dollar (rund 18 Millionen Euro) zu verkaufen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Disney als Startgebot
Character.AI hat laut eigenen Angaben einen formellen Verkaufsprozess unter Aufsicht des Insolvenzgerichts gestartet. Disney soll dabei als sogenannter Stalking-Horse-Bieter auftreten: Sein Angebot legt die Untergrenze fest, andere Interessent:innen können noch höhere Gebote abgeben. Laut dem Fachportal Unite.AI erhält Disney im Gegenzug eine nicht exklusive, unbefristete Lizenz an bestimmten Rechten an geistigem Eigentum. Abgeschlossen sein soll der Verkauf bis Ende November oder Anfang Dezember.
Die Muttergesellschaft Character Technologies beziffert Vermögen und Verbindlichkeiten in den Gerichtsunterlagen auf jeweils 50 bis 100 Millionen Dollar. Die Plattform soll während des Verfahrens weiterlaufen. Findet sich aber kein Käufer, der sie weiterbetreiben will, wird Character.AI abgewickelt. „Nach einer umfassenden Prüfung der Alternativen ist der Vorstand zu dem Schluss gekommen, dass dieser gerichtlich überwachte Verkaufsprozess die beste Möglichkeit bietet, den Wert für alle Beteiligten zu maximieren“, sagt CEO Colin Adams.
In einem Blogeintrag wendet sich Character.AI auch an seine Nutzer:innen: Die Plattform bleibt vorerst verfügbar, Abos laufen weiter und die Abrechnung bleibt unverändert. Ändern sich kostenpflichtige Funktionen, will das Unternehmen Abonnent:innen vorab informieren. Für die Nutzerdaten gelten weiterhin die bisherigen Datenschutzregeln, wer möchte, kann sein Konto löschen oder seine Daten exportieren.
Disney und Character.AI verbindet schon länger eine besondere Geschichte. Ende September 2025 hatte der Konzern das Startup noch per Unterlassungsaufforderung gezwungen, Chatbots mit Disney-Figuren von der Plattform zu nehmen. Im September 2026 kündigte Character.AI dann selbst an, dass CEO Karandeep Anand in einer neu geschaffenen Rolle als Senior Executive Vice President und Chief Technology Officer zu Disney wechselt. Mitglieder des technischen Teams sollten ihm folgen, um Fans weltweit „auf neue und innovative Weise“ mit Disneys Geschichten und Figuren zu verbinden, hieß es damals. Zuletzt hatte sich Character.AI als Plattform für Unterhaltung und Fankultur positioniert, mit interaktiven Büchern, von Studios produzierten Mikrodramen in der Rubrik „Series“ und Comics, die Geschichten in Bildstrecken verwandeln.
Google schnappte sich die Gründer
Dabei galt Character.AI einst als einer der großen Hoffnungsträger der KI-Branche. Gegründet 2021 von den ehemaligen Google-Forschern Noam Shazeer und Daniel De Freitas, konnten Nutzer:innen dort mit KI-Persönlichkeiten chatten, von Romanfiguren bis zu selbst erstellten Begleiter:innen. Die Plattform wurde vor allem bei jungen Menschen enorm populär, 2023 erreichte das Startup eine Bewertung von einer Milliarde Dollar.
Im Sommer 2024 kam dann die Wende: Google holte Shazeer und De Freitas samt rund 30 Forscher:innen zurück zu DeepMind und zahlte rund 2,7 Milliarden Dollar für eine Lizenz an der Technologie. Character.AI gab daraufhin die Entwicklung eigener KI-Modelle auf und setzte auf Modelle von Drittanbietern. Der Deal gilt als frühes Beispiel für sogenannte „Reverse Acqui-hires“, bei denen Tech-Konzerne die Köpfe eines Startups übernehmen, ohne das Unternehmen selbst zu kaufen.
Klagen nach dem Tod eines Teenagers
Schwer belastet haben Character.AI auch mehrere Klagen von Familien. Die bekannteste stammt von der Mutter eines 14-Jährigen aus Florida, der sich 2024 nach monatelangen Gesprächen mit einem Chatbot der Plattform das Leben genommen hatte. Sie verklagte Character.AI sowie Google und dessen Mutterkonzern Alphabet. Weitere Familien aus Texas warfen den Chatbots vor, Jugendliche zu Gewalt und Selbstverletzung ermutigt zu haben. Anfang 2026 haben sich Character.AI und Google laut Standard mit der Mutter verglichen, die Bedingungen wurden nicht veröffentlicht. Der Fall zählt zu den ersten Klagen in den USA, in denen KI-Firmen für psychische Schäden verantwortlich gemacht wurden.
Character.AI reagierte mit Altersprüfungen und verbot Ende 2025 offene Chats für Nutzer:innen unter 18 Jahren. CEO Adams spricht nun allgemein von „erheblichen rechtlichen, regulatorischen und operativen Gegenwinden“.

