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„Wir leben Startup“: bloomnow wächst bei tech2b vom Herzensprojekt zum MedTech

Nina Gruber (tech2b) und Anna-Christine Enzinger (bloomnow). © tech2b / A. Enzinger / Collage: Trending Topics
Nina Gruber (tech2b) und Anna-Christine Enzinger (bloomnow). © tech2b / A. Enzinger / Collage: Trending Topics

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Zwischen dem ersten Bauchgefühl, dass ein Kind anders tickt, und einer Diagnose liegen oft Jahre. Auf einen Therapieplatz wartet man danach noch einmal sehr lange. Genau in diese Lücke baut bloomnow eine Plattform, kürzlich ausgezeichnet mit dem Edison Award in der Kategorie „Pionier:innen“. Dahinter steht ein internationales Gründerinnen-Trio: Anna-Christine Enzinger als CEO, die Brasilianerin Josiele Garcia Próbio für Qualitätsmanagement und Regulatory Affairs und die Französin Roxane Hunot als COO.

Unterstützung bekommt das Startup vom oberösterreichischen Tech-Inkubator tech2b. Ein Gespräch mit Enzinger und tech2b-Startup-Coach Nina Gruber über Wartelisten, Regulatorik und die Frage, wann aus einem Herzensprojekt ein Unternehmen wird.

„Diese Menschen sind komplett allein gelassen“

Was ist bloomnow, und warum braucht es eure Lösung?

Anna-Christine Enzinger: bloomnow ist der Verbündete für außergewöhnliche Kinder und für das ganze Umfeld rundherum, also Eltern, Nachbar:innen, Pädagog:innen und Expert:innen. Und zwar vom ersten Bauchgefühl, dass da etwas anders ist, bis ins Erwachsenenalter. Es braucht uns, weil diese Menschen ab genau diesem Bauchgefühl komplett allein gelassen sind. Bis zu einer Diagnostik vergehen je nach Land ein bis sechs Jahre, in Großbritannien sind es sechs. Und selbst mit Befund dauert es oft über ein Jahr bis zum Therapieplatz. Dazwischen steht man wieder alleine da.

Wie kann man sich diese Unterstützung vorstellen?

Enzinger: bloomnow ist ein Gamechanger für den Alltag betroffener Familien. Für das Geld, das sonst eine einzige Therapiestunde kostet, bekommen die Familien ein Jahr lang Zugang. Das Angebot ist sehr umfangreich: Es gibt Soforthilfe mit praktischen Tools, zum Beispiel gezielte Atemübungen, Checklisten und Leitfäden für Gespräche mit Pädagog:innen. Darüber hinaus bieten wir eine Community für den täglichen Austausch mit Gleichgesinnten und Expert:innen. Wir begleiten Familien mit Verständnis, Fachwissen und hilfreichen Tipps zu Neurodivergenz.

Wann habt ihr das erste Mal gespürt: Daraus könnte tatsächlich ein Unternehmen entstehen?

Enzinger: Als sich wildfremde Leute bei mir gemeldet haben und mitmachen wollten. Inzwischen sind 185 Expert:innen bei uns gelistet. Im Fachbeirat sitzen Ärzt:innen, Therapeut:innen und Pädagog:innen, die das alle unbezahlt machen, weil sie das Problem selbst sehen. Und so ist das Ganze immer weiter gewachsen.

Viele sehen heute die Erfolge von Startups, die Unsicherheiten davor selten. Wie waren eure ersten Monate wirklich?

Enzinger: Vor allem der Weg Richtung MedTech hat alles komplizierter gemacht. Wir sind noch kein Medizinprodukt, aber wir gehen in diese Richtung. Dass es diesen Weg braucht, haben wir in Gesprächen mit einem Angel und Berater verstanden. Daraufhin haben wir mit Josiele Garcia Próbio eine Co-Founderin geholt, die genau das kann. Und wir haben lange gebraucht, um den richtigen Techniker zu finden, der das auch codet. Jetzt haben wir ihn.

Es gab also einen ersten CTO, mit dem es nicht geklappt hat?

Enzinger: Ja, unser erster CTO war richtig gut, aber er wollte die Sache unbedingt kommerziell aufziehen, so schnell wie möglich rausgehen und auf keinen Fall ein Medizinprodukt werden. Deshalb haben wir uns am Ende getrennt. Wir wollen wirklich helfen, und dafür muss es ein MedTech werden. Es dauert dadurch länger, aber es wird besser.

Ist das gleichzeitig die wichtigste Erkenntnis aus der Frühphase?

Enzinger: Ja, weil alles andere bei uns ziemlich simpel zusammengekommen ist. Die Leute haben sich gemeldet, daraus ist eine qualitative Systemanalyse entstanden, und wir haben das Problem von ganz vielen Seiten verstanden. Am Anfang haben mir viele gesagt, wenn ich eine App mache, brauche ich ein Key-Feature. Dabei wollte ich weder eine App bauen noch ein Startup gründen. Der regulatorische Teil kam später dazu, ist aber entscheidend: Erst als Medizinprodukt dürfen wir einordnen, was jemandem hilft, welche Übung, welche Reflexion, welche Expertin. Derzeit dürfen wir das noch nicht, aber die Tools, die helfen, sind schon da. Später können wir dann wirklich auf die Funktionsweise des einzelnen Kindes und die jeweilige Situation eingehen.

„Allein ist das nicht machbar, die Sache ist einfach zu groß geworden“

Du sagst konsequent „wir“, nicht „ich“. Wie hat sich das Team formiert?

Enzinger: Allein ist das nicht machbar, die Sache ist einfach zu groß geworden. Roxane Hunot macht bei uns Operations, davor war sie rechte Hand in einem Unternehmen in Deutschland und hat dort die Investments überwacht. Kennengelernt haben wir uns über ihren ehemaligen Vorgesetzten, den Business Angel Carsten Kraus, den ich bei der TED AI in der Warteschlange beim Kaffee überholt hatte. Später hat sie meinen Pitch gesehen und sich in die Sache verliebt. Aus 20 Minuten Austausch sind zwei Stunden geworden. Seit dem Frühjahr ist sie Vollzeit dabei und arbeitet von ihrem Ersparten, auch ich zahle mir nichts aus.

Und die regulatorische Seite?

Enzinger: Josiele hat sich damals auf eine ausgeschriebene Stelle beworben. Uns war klar: Wir brauchen jemanden, der sich da wirklich auskennt. Sie hat 15 Jahre Regulatory Affairs gemacht, allerdings für Hardware, und die ist im Medizinbereich besonders schwierig. Sie hat selbst eine Tochter und ist tief im Thema. Für das Development haben wir einen Hackathon-Gewinner an Bord, 22 Jahre alt, ukrainischer Flüchtling, ein absolutes Ausnahmetalent.

Und die 185 Expert:innen auf der Plattform?

Enzinger: Entweder werden sie uns von Eltern empfohlen oder von Expert:innen, die wir schon kennen. Oder ich lerne sie alle persönlich kennen. Bis jetzt wollte jede und jeder mitmachen.

Wie bist du selbst zu dem Thema gekommen?

Enzinger: Das ist eine persönliche Geschichte. Ich bin selbst neurodivergent, habe es aber lange nicht gewusst. Ich bin ein Jahr vor der Matura aus der Schule geflogen, habe sie später nachgeholt und dann mit Auszeichnung mehrere Studien abgeschlossen und in Berkeley und Harvard Ausbildungen gemacht. Schule war für mich immer mühsam. Ein Kollege hat kürzlich gesagt, sein Kind erlebe Schule wie ein Gefängnis, und mir ging es genauso.

Dann habe ich in meinem Umfeld zwei Kinder gesehen: eines in der Begabtenförderung, das voll gefördert wird, und eines, das nach einem kleinen Vorfall in der Sonderschule gelandet ist. Zu sehen, wie schwierig das Leben für dieses zweite Kind von Anfang an wird, hat mich so mitgenommen, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich habe geschaut, was es an Hilfe gibt, und nichts gefunden. So ist es entstanden.

Was Coaches am häufigsten sehen

Nina, du begleitest viele Gründungsprojekte. Welche Herausforderungen begegnen euch bei Gründer:innen am häufigsten?

Gruber: Oft wird die eigene Begeisterung über das tatsächliche Problem am Markt gestellt, dann wird es schwierig. Bei bloomnow ist das ausgewogen, Marktproblem und Begeisterung halten sich die Waage. Das zweite große Thema ist das Team: Wer sind die Menschen, mit denen ich das hochziehe? Auch da seid ihr beeindruckend, unterschiedlichste Fachbereiche und Herkünfte, ein Musterbeispiel für Diversität. Deswegen glaube ich, dass das sehr stabil ist. Wir haben oft erlebt, dass in einem Team einfach vier Techniker:innen sitzen und es irgendwann auf menschlicher Ebene nicht mehr funktioniert.

Oberösterreich gilt als Industrie- und Innovationsstandort. Welche Chancen bietet das für Startups?

Gruber: Der Vorteil in Oberösterreich sind die vielen großen Industriepartner, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten. Dadurch haben wir gelernt, zwischen Startups und Industriebetrieben zu übersetzen und beide Seiten zusammenzubringen. Dazu kommt das Vertrauen: Industriekund:innen verlassen sich darauf, dass wir die passenden Startups für sie finden. Sie wissen also, was sie bekommen.

Was tech2b konkret bringt

Anna, ihr habt euch bewusst für tech2b entschieden. Warum?

Enzinger: Wir hätten bei zwei Inkubatoren starten können. Ich wohne seit einer Weile nicht mehr in Oberösterreich, bin aber Oberösterreicherin. Für uns war schnell klar, dass es tech2b wird, weil dort so viel geholfen wird. Die melden sich von sich aus und fragen, ob sie etwas beitragen können. Ich glaube, auch deswegen kommen so viele erfolgreiche österreichische Startups von dort.

Gruber: Im kommenden Jahr feiern wir 25-Jahr-Jubiläum, wir sind also keine Newbies. Unser Schatz ist das über viele Jahre gewachsene Netzwerk. Viele, die früher bei uns gegründet haben, kommen heute zurück und investieren wieder ins Ökosystem, manche nach einem guten Exit. Dazu kommt unsere eigene Begeisterung, und ich glaube, das spürt man als Startup.

Welche Unterstützung bringt euch konkret weiter?

Enzinger: Richtig los geht es für uns Mitte Oktober. Wir bekommen Mentor:innen, und zwar so, dass vorab recherchiert wird, wer zu uns passen könnte. Wir dürfen sagen, wo der Bedarf gerade am größten ist, bei uns ist das Marketing. Dazu kommen mehrere Tage mit anderen Startups und Fachexpert:innen. Für den Edison Award hatten wir einen Tag Pitch-Training, das beste, das ich je hatte. Das ist ein super Netzwerk mit lauter Leuten, die wollen, dass man erfolgreich wird.

„Die MDR unterschätzen die meisten komplett“

Die Wandlung vom Lifestyle-Produkt zum Medizinprodukt steht euch noch bevor. Wo ist da der Hebel von tech2b?

Enzinger: Ich hoffe auf Erfahrung, denn bei Regulatorik geht es genau darum: Wie weit darf man gehen, wo ist die Grenze? Also einerseits Rat, andererseits Kontakte zu Investor:innen im MedTech-Bereich oder zu Leuten, die den Weg schon gegangen sind. Produktmäßig könnten wir jetzt schon viel mehr, halten es aber bewusst zurück.

Gruber: Wir bewahren unsere Gründer:innen davor, gerade im medizinischen Bereich mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen. Die MDR (Medical Device Regulation, die EU-Verordnung für Medizinprodukte, Anm.) unterschätzen die meisten komplett. Viele kommen mit großartigen Ideen, und dann muss man sagen: Damit müssen wir uns erst einmal befassen. Da werden die Gesichter meistens etwas länger.

Wir sagen dann: Ja, das klingt schrecklich, und in ein paar Bereichen wird es auch schrecklich. Aber wir wissen, wie das geht, wir haben das schon gemacht, und wir bleiben dabei. Ich kann ja niemandem erzählen, dass wir in zwei Monaten am Markt sind. Ehrlich bleiben und trotzdem sagen: „We can do hard things“. Das ist unser Job.

Anna, leicht wird es nicht. Was motiviert dich persönlich, jeden Tag weiterzumachen?

Enzinger: Mich stresst das überhaupt nicht, weil wir die Person im Team haben, die das kann und gerne macht. Wir rechnen mit ein bis zwei Jahren, und währenddessen dürfen wir in unseren Grenzen ja schon ein Produkt sein und helfen. Ein Startup ist immer hart, aber mich interessiert das Thema wirklich. Ich kippe abends oft in den Superfokus, denke mir, ich mache noch fünf Minuten, und dann sind drei Stunden vorbei und ganz viele coole Sachen entstanden.

„Man sieht immer nur die coolen Pitches“

Was wissen die wenigsten über das Leben als Gründer:in?

Enzinger: Diese ganze unsichtbare Arbeit von Anfang an. Egal wie erfahren die Leute sind, die mitmachen, es ist viel Hands-on: irgendwo anrufen, Klinken putzen, administrative Dinge erledigen, die niemandem Spaß machen und trotzdem sein müssen. Man sieht immer nur die coolen Pitches oder die Erfolge. Ich habe es eine Zeit lang allein gemacht, deshalb ist es schön, jetzt ein Team zu haben. Und man muss ein Thema finden, an das man so glaubt, dass man dabeibleiben kann.

Gruber: Ich habe schon oft erlebt, dass sich Gründer:innen plötzlich in einer Rolle im eigenen Unternehmen wiederfinden, die sie nie für sich gedacht hätten. Irgendjemand muss sich ja um das Trockene kümmern, um Tax and Law, und darum, wer die Küchenrolle nachkauft. Das ist eine schwierige Phase: Wie schaut mein eigener Jobtitel wirklich aus, was gebe ich ab, was kann ich überhaupt abgeben? Sonst holt man lauter Spezialist:innen, und für die Gründerin bleibt genau das übrig, was sie eigentlich nie machen wollte.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der eine gute Idee hat, aber noch zögert?

Enzinger: Mit den Leuten reden, von denen man glaubt, dass sie das Problem haben. Was wir gebaut haben, ist nur deswegen gut, weil ich mit so vielen Menschen gesprochen habe. Ich hatte gar nicht geplant, dass daraus eine qualitative Studie wird, der Plan war: Ich rede mal mit Leuten, die sich auskennen.

Und jedes Mal habe ich das Problem aus einem neuen Blickwinkel besser verstanden. Ich habe ursprünglich Entrepreneurship studiert, dort kommen viele mit der Frage: Wie kann ich Geld machen? Und suchen sich erst danach ein Problem. Ich würde es umgekehrt angehen und bei den Betroffenen anfangen.

Nina, viele glauben, ihre Idee sei noch nicht gut genug, um sich bei tech2b zu melden. Was sagst du ihnen?

Gruber: Im Endeffekt dasselbe wie Anna. Du brauchst jemanden zum Reden, der außerhalb des unmittelbaren Freundeskreises steht und ein bisschen Abstand hat. Genau dafür gibt es uns. Wir laden alle ein, uns ihre Ideen zu bringen, und finden dann gemeinsam heraus, ob eine Idee eine Idee bleibt oder ob ein Unternehmen daraus wird.

Als Sparringpartner schaut man sich die Sache von allen Seiten an, und dabei kommt jedes Mal viel Wertvolles heraus. Ganz selten geht ein Team am Ende der Inkubation mit demselben Geschäftsmodell heraus, mit dem es gestartet ist, manchmal ändert sich die komplette Idee. Wenn daraus etwas wird, das wirklich trägt, ist das doch schön.

„Wollen ändern, wie neurodivergente Menschen wahrgenommen werden“

Anna, ein Wort, das eure Reise bisher beschreibt?

Enzinger: Bedingungslos. Wir wollen unseren Nutzer:innen bedingungslosen Support geben. Und bedingungslos heißt auch: Wenn das Startup es braucht, bleibt man dran, selbst wenn es anstrengend wird.

Wo steht bloomnow in fünf Jahren?

Enzinger: In fünf Jahren sind wir ein zertifiziertes Medizinprodukt, haben mehr als einer Million Familien geholfen, sind in mehreren Ländern aktiv und haben hoffentlich auch das Bild verändert, wie neurodivergente Menschen wahrgenommen werden, und ihre Stärken sichtbarer gemacht.

Nina, was macht für dich ein erfolgreiches Startup aus?

Gruber: Ein erfolgreiches Startup bleibt lernbereit und setzt dann sehr konsequent um. Diese Mischung macht es aus: nicht alles besser wissen und trotzdem dranbleiben.

Und warum sollte man sich mit einer Idee bei tech2b melden?

Gruber: Weil wir Startup leben, mit Begeisterung dabei sind und wirklich alles daransetzen, Gründer:innen erfolgreich zu machen.

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