EU Inc: Ein Durchbruch für Gründungen, aber nicht für den Unternehmensalltag
Andrew Petrov ist CEO des europäischen Fintechs Finom. In diesem Gastbeitrag beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der EU Inc.
Am 20. Januar 2026 kündigte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, offiziell das Projekt EU‑INC an. Ziel ist es, eine einheitliche paneuropäische Unternehmensform mit einem gemeinsamen Register und standardisierten Regeln zu schaffen, um Start-ups und Scale-ups zu erleichtern. Vorgesehen ist ein sogenanntes „28. Regime“, das sich von den 27 bestehenden nationalen Systemen unterscheidet. Es soll Geschäftsabläufe auf europäischer Ebene harmonisieren und ermöglichen, Unternehmen vollständig online und in weniger als zwei Tagen zu gründen. Wird das Projekt verabschiedet, könnte es 2027 in Kraft treten.
Mit seinen 27 unterschiedlichen Rechtsordnungen erschwert Europa jungen Unternehmen derzeit erheblich das Skalieren. Die Fragmentierung begrenzt internationale Finanzierungsmöglichkeiten, erschwert die Expansion ins Ausland und die Bindung von Talenten und schwächt damit auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber China und den USA. Doch so vielversprechend, spannend und sogar notwendig das Projekt EU-INC auch ist: Es beseitigt nicht alle Hürden.
Zunächst einmal bleibt EU-INC optional. Das bedeutet, dass die Mitgliedstaaten nicht verpflichtet sind, es umzusetzen, und dass es parallel zu den nationalen Gesellschaftsrechten bestehen wird. Unternehmerinnen und Unternehmer können also weiterhin zwischen der paneuropäischen Form und der nationalen Variante wählen. Im Falle eines Konflikts zwischen den EU-INC-Regeln und dem Gesellschaftsrecht eines Mitgliedstaates würde für Unternehmen, die sich für EU-INC entschieden haben, jedoch der europäische Rahmen Vorrang haben.
Was EU-INC nicht lösen wird: die Lücke bei Finanzoperationen
Auch wenn EU-INC ein wichtiger erster Schritt ist, markiert es erst den Anfang. Eine Unternehmensgründung erfolgt nur einmal. Die eigentlichen Schwierigkeiten für Unternehmer zeigen sich im Alltag, beim Banking, bei Rechnungen, Steuern, Gehaltsabrechnungen oder grenzüberschreitenden Zahlungen. Genau hier zeigt sich, dass Europa in der Praxis weiterhin stark fragmentiert ist.
In der operativen Realität müssen Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Unternehmen weiterhin sehr komplexe Back-Office-Strukturen für ihre laufenden Aktivitäten bewältigen. Ein deutsches Unternehmen mit französischen Kunden und niederländischen Mitarbeitenden etwa muss sich weiterhin mit Mehrwertsteuerregelungen in drei Ländern, unterschiedlichen Rechnungsanforderungen, separaten Steuerfristen und verschiedenen arbeitsrechtlichen Vorschriften für Gehaltsabrechnungen auseinandersetzen.
Wenn man die Abläufe von über 200.000 Unternehmen in Europa betrachtet, zeigt sich: Die Unternehmensgründung selbst gehört selten zu den größten administrativen Belastungen. Die tatsächlichen bürokratischen Kosten entstehen vielmehr bei monatlichen Umsatzsteuererklärungen, vierteljährlichen Steuererklärungen, komplexen grenzüberschreitenden Zahlungen und sich ständig ändernden lokalen Compliance-Vorschriften.
Ein wertvoller erster Schritt – aber keine Gesamtlösung
Eine einheitliche Unternehmensgründung ist zweifellos wertvoll, und wir unterstützen diesen Ansatz. Doch sie bedeutet nicht automatisch auch einheitliche Finanzoperationen. Denn das 28. Regime schafft zwar eine vereinfachte Unternehmensform, die jedoch weiterhin 27 unterschiedlichen Steuersystemen, 27 Bankregulierungen und 27 arbeitsrechtlichen Systemen unterliegt.
EU-INC adressiert die Gründungsphase gut und das ist eine großartige Initiative. Die entscheidende Frage ist jedoch, was in Jahr zwei, drei und darüber hinaus passiert, wenn es um den laufenden Betrieb geht. Genau dort liegen die entscheidenden Details. Als Fintech-Anbieter für europäische Unternehmen sehen wir regelmäßig Firmen, die in drei bis fünf europäischen Märkten tätig sind und parallel verschiedene Bankbeziehungen, Buchhaltungssysteme und Compliance-Kalender koordinieren müssen.
Zum Beispiel verbringt ein durchschnittliches deutsches KMU rund acht Stunden pro Woche mit Finanzadministration (nicht mit Gründungsformalitäten). Zudem beobachten wir Unternehmerinnen und Unternehmer, die zwei bis drei verschiedene Rechtseinheiten gleichzeitig verwalten, jeweils mit eigenen Steuer- und Buchhaltungsvorschriften. Für die meisten KMU bedeutet eine Reduzierung des täglichen Verwaltungsaufwands daher vor allem eines: Compliance-Aufgaben automatisieren, nicht nur die Unternehmensstruktur vereinfachen.
Die nächste Herausforderung: Standardisierte digitale Finanzinfrastruktur
Wettbewerbsvorteile entstehen durch die Automatisierung wiederkehrender Finanzprozesse, nicht nur durch eine schnellere Unternehmensregistrierung. Unternehmer sind erleichtert, wenn die Gründung einmal abgeschlossen ist, doch danach beginnt die administrative Belastung, die jeden Monat wiederkehrt. Die Bürokratie, die Zeit und Geld kostet, entsteht nach der Gründung: monatliche Buchhaltung, Steuer-Compliance, grenzüberschreitende Zahlungen und Ausgabenmanagement.
Wenn junge europäische Unternehmen wirklich wettbewerbsfähiger werden und den Binnenmarkt vollständig nutzen sollen, braucht es mehr als nur formale Harmonisierung. Der nächste Schritt muss sein, tägliche Finanzoperationen in Europa genauso einfach und einheitlich zu machen, wie es die Unternehmensgründung bald sein könnte.

