Claude greift auch Rechts-Branche an, könnte Legora oder Harvey in Bedrängnis bringen
Sie sitzen gerade am Drücker, und so drücken sie auch: Nach Vorstößen in Bereiche wie Coding, Design, Produktivität und Cybersecurity richtet Anthropic seinen KI-Assistenten Claude nun gezielt auf einen der lukrativsten und komplexesten Profimärkte aus: das Rechtswesen. Mit „Claude Legal Solutions“ präsentiert das US-amerikanische KI-Unternehmen eine spezialisierte Plattform für Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen. Der Schritt ist bemerkenswert, weil Anthropic damit direkt in Konkurrenz zu Startups tritt, die bislang selbst auf Claude-Modelle gesetzt haben.
Anthropic hat derzeit einen Lauf und könnte schon bald den Erzrivalen OpenAI in Sachen Bewertung überholen. Gerüchten zufolge könnte das Unternehmen rund um CEO Dario Amodei bald mehr als 900 Milliarden Dollar wert sein (mehr dazu hier). LegalTech-bezogene Aktien wie jene von Thomnson Reuters, DocuSign, Intapp oder Wolters Kluwer haben auf die Ankündigung von Claude Legal deutlich nach unten reagiert, wenn auch nicht so heftig wie zuvor etwa Cybersecurity- oder SaaS-Aktien:

Was Claude Legal können soll
Das Angebot richtet sich an juristische Teams, die täglich mit Vertragsanalysen, Recherchen und der Erstellung von Schriftsätzen beschäftigt sind. Laut Anthropic übernimmt Claude dabei die zeitintensiven Routineaufgaben, damit Anwältinnen und Anwälte sich auf strategische Entscheidungen konzentrieren können.
Konkret bewirbt Anthropic folgende Kernfunktionen:
- Juristische Recherche mit strukturierten Memos und verifizierten Quellenangaben, verbunden mit Datenbanken wie Thomson Reuters
- Vertrags-Redlining mit nachverfolgten Änderungen direkt in Microsoft Word, ohne die gewohnte Arbeitsumgebung zu verlassen
- M&A-Due-Diligence über mehrere Dokumente hinweg, delegierbar als Mehrschrittaufgabe
- Regulierungs- und Compliance-Analysen, etwa zur EU-KI-Verordnung oder zu datenschutzrechtlichen Fragen
- Außenkanzlei-Management und NDA-Triage über spezialisierte Plugins
Ein besonderes Merkmal ist die Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse. Jede Ausgabe soll auf ihre Quelle zurückführbar sein. Ein Beispiel aus dem Produktmaterial zeigt eine Recherche-Kurzübersicht zum EU AI Act, in der einzelne Behauptungen explizit als „Verified“ oder „Confirm“ markiert sind und auf konkrete Artikelnummern verweisen.
Integration in bestehende Rechtsinfrastruktur
Anthropic setzt auf tiefe Integration in die Werkzeuge, die Juristen bereits nutzen. Claude verbindet sich demnach mit Dokumentenmanagementsystemen wie iManage und NetDocuments, mit Vertragsplattformen wie DocuSign und Ironclad sowie mit der Recherchedatenbank Thomson Reuters.
Für den Arbeitsalltag bietet Anthropic zwei zentrale Zugangspunkte:
- Claude for Microsoft 365: Integration direkt in Word und Outlook, inklusive vollständigem Redlining mit nachverfolgten Änderungen
- Claude Cowork: Eine Umgebung für mehrstufige Aufgaben, bei der Nutzer komplexe Aufträge delegieren und fertige Ergebnisse abholen können
Ergänzt wird das Angebot durch praxisspezifische Plugins für Bereiche wie Commercial Legal, Corporate Legal, IP und Litigation. Diese sollen mit dem eigenen Playbook und dem Hausstil einer Kanzlei konfigurierbar sein.
Datenschutz als Verkaufsargument
Für den sensiblen Rechtsbereich hebt Anthropic die Vertraulichkeit besonders hervor. Auf Team- und Enterprise-Plänen werden Kundendaten standardmäßig nicht für das Training der Modelle verwendet. Das Unternehmen verspricht vollständige Audit-Trails und Enterprise-Sicherheitsstandards.
„Claude clears the bar for sensitive matters and privileged work, so your team can focus on strategy and high-stakes work, worry-free.“
Wie ernst Anthropic das eigene Produkt nimmt, zeigt ein internes Beispiel: Mark Pike, Associate General Counsel bei Anthropic, beschreibt in einem Unternehmensvideo, wie das eigene Rechtsteam mit Claude Workflows aufgebaut hat, die Prüfzeiten von Tagen auf Stunden reduzierten.
Konkurrenz zu Harvey und Legora: Wenn der Zulieferer zum Rivalen wird
Der strategisch heikelste Aspekt des Vorstoßes ist die direkte Konkurrenz zu Legal-Tech-Startups, die selbst auf Claude-Modelle aufgebaut haben. Zu den prominentesten zählen Harvey und Legora, beide mit Milliardenbewertungen und starker Verankerung in großen Anwaltskanzleien.
Harvey und Legora haben ihre Produkte auf Basis von Anthropics Modellen entwickelt, Millionen in Vertrieb und Kanzleipartnerschaften investiert und sich als spezialisierte Schicht zwischen dem Basismodell und dem Endkunden positioniert. Anthropic greift nun mit einem eigenen Angebot genau in diesen Markt ein.
Das Muster ist aus anderen Technologiebereichen bekannt. Amazon baute mit AWS-eigenen Diensten Konkurrenz zu Startups auf, die auf seiner Cloud-Infrastruktur aufgebaut hatten. Apple verdrängte mit nativen Apps Drittanbieter aus dem App Store. Für Harvey und Legora stellt sich nun die Frage, ob ihr Mehrwert gegenüber einem direkt vom Modellhersteller angebotenen Produkt langfristig überzeugend bleibt.
Gesellschaftlicher Anspruch: Zugang zum Recht demokratisieren
Neben dem kommerziellen Angebot kommuniziert Anthropic auch einen sozialen Auftrag. Das Unternehmen kooperiert mit der Free Law Project und der Justice Technology Association, um rechtliche Hilfe erschwinglicher zu machen. Qualifizierte Rechtskliniken und Pflichtverteidiger sollen über das Programm „Claude for Nonprofits“ vergünstigten Zugang zu Claude erhalten.
Ob dieser Ansatz tatsächlich den Zugang zur Justiz verbessert oder primär als Reputationsgewinn dient, bleibt abzuwarten. Fest steht: Anthropic hat mit Claude Legal einen klaren Anspruch auf einen Markt erhoben, der bislang von spezialisierten Startups dominiert wurde, und zwar mit deren eigenem technologischen Fundament.

