Kommentar

Startup-Kultur: Wir haben ein völlig falsches Verständnis vom Exit

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Champagner-Dusche, von der Decke regnen Luftballons, die Band geigt auf, und dann geht es mit einem Koffer voller Geld Richtung Freiheit: So stellt man sich manchmal das Exit-Szenario vor, wenn Gründer:innen ihre Startups und Scale-ups an internationale Konzerne verkaufen. Tatsächlich ist es aber meistens anders: Meistens bleiben die Gründer:innen noch viele Jahre an Bord, während die Business Angels und VCs aussteigen – also den Exit machen.

„Es ist Business as usual, ich bin im Büro, es gibt viel zu tun“, sagte kürzlich Bernhard Niesner, Mitgründer von Busuu im Interview mit Trending Topics. Und zwar nicht irgendwann, sondern am Vormittag nach Bekanntgabe des 385-Millionen-Euro-Verkaufs seiner Sprachlern-App auf Chegg aus den USA. Party-Exzesse und Flucht ins Paradies für Tech-Millionäre? Fehlanzeige. Er werde mit der Familie ein wenig Urlaub über die Feiertage machen, dann geht es zurück an den Schreibtisch. Man habe große Pläne mit dem neuen Eigentümer.

Busuu: Gründer Bernhard Niesner über den 385-Millionen-Euro-Exit

Keine Exit, sondern die nächste Phase

Ein ähnliches Szenario bei kompany, das den geplanten Verkauf an Moody’s um mehr als 100 Millionen Euro ebenfalls vor wenigen Tagen bekannt gab. Selbst wenn kein Lockdown wäre, es gäbe keine riesige Exit-Feier, sondern mal ein gemeinsames Abendessen mit dem Team.  „Die Headline war nicht: ‚The company is exiting‘ oder ‚the founders and shareholders are exiting‘, sondern es war ganz klar ‚die nächste Phase von kompany'“, erzählt Russell Perry, Mitgründer und CEO von kompany über die interne Kommunikation des Verkaufs.

„Der Exit ist sehr fokussiert auf die Investoren, aber meistens ist es so, dass die Gründer an Bord bleiben. Wenn eine Firma ein Startup kauft, dann geht es meistens auch ums Know-how. Für uns ist es ein finanzieller Exit nach einer bestimmten Zeit, aber vom Produkt und der Firma her ist es die nächste Phase“, so Perry weiter. Der „Exit“ sei gedanklich kein Thema für ihn. „Ich weiß, was wir in den nächsten Jahren in der Gruppe erreichen wollen, da mache ich mir vielleicht in ein paar Jahren Gedanken darüber.“

kompany: Wiener Scale-up gelingt +100-Millionen-Exit an Rating-Agentur Moody’s

Gründer:innen bleiben meistens an Bord

Auch bei Runtastic, Shpock, has.to.be und den meisten anderen Exits der österreichischen Startup-Geschichte (mit einigen Ausnahmen wie PSPDFKit) sind die Gründer:innen nicht gegangen – oder erst nach mehreren Jahren. Meistens gehen Gründer:innen mit den Käufern Vereinbarungen ein, dass sie noch mehrere Jahre in Führungsrollen im Unternehmen bleiben – immerhin haben sie das beste Know-how, wie ihre Companies funktionieren. Und oft sind diese Perioden und die finale Exit-Summe an weitere Milestones gekoppelt oder es wird kein Cash, sondern mit Share-Optionen bezahlt. Die echten Exits kommen also meistens erst viele Jahre, nachdem sie in den Medien abgefeiert wurden.

Jene, die wirklich im sprichwörtlichen Sinne bei einem Exit aussteigen, sind die Business Angels und Investor:innen – es sind auch meistens sie, die die Erfolgsmeldungen zuerst in Umlauf bringen. Die VC-Industrie ist extrem Exit-getrieben – schließlich sind die VCs ihren LPs die Returns schuldig, und die gibt es nur, wenn Firmen oder Anteile verkauft werden können.

…und auch die VCs ändern sich

Aber auch die VC-Industrie steht im Umbruch. Der neue Sequoia Fund, wohl Vorbild für die gesamte Branche, bricht mit einem 50 Jahre alten Modell. „Es gab eine Zeit, da war der 10-jährige Fondszyklus sinnvoll. Doch die Annahmen, auf denen er beruht, sind nicht mehr zutreffend, was dazu führt, dass sinnvolle Beziehungen vorzeitig beendet werden und Unternehmen und ihre Investitionspartner in eine falsche Richtung laufen“, so Sequoia-Capital-Partner Roelof Botha.

Und weiter: „Zum ersten Mal bedeutet diese Struktur, dass die Partnerschaften von Sequoia genauso beständig sein können wie die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Dieser Schritt ermöglicht es uns, engere Beziehungen zu den wichtigsten Triebkräften für Innovation und Wertschöpfung aufzubauen – unseren Gründern und ihren Unternehmen.“ Langfristige Partnerschaften statt kurzfristige Verkaufsziele: Der Exit wird künftig in den Hintergrund rücken.

Sequoia Fund: Ein Investment-Gigant bricht mit dem 50 Jahre alten VC-Modell

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