Helsing: Deutsches KI-Rüstungs-Unicorn soll bald 18 Milliarden Dollar wert sein
Das Münchner KI-Rüstungs-Startup Helsing steht laut einem Bericht der Financial Times vor einer Finanzierungsrunde über 1,2 Mrd. USD. Angeführt wird die Runde vom US-Investor Dragoneer Investment Group, der unter anderem an OpenAI und Uber beteiligt ist, gemeinsam mit dem Bestandsinvestor Lightspeed Venture Partners. Die Bewertung würde damit auf rund 18 Mrd. USD steigen – Helsing wäre erneut das wertvollste deutsche Startup. Bestätigt ist die Runde noch nicht.
Es wäre aber die größte Finanzierungsrunde, die ein deutsches Startup je gestemmt hat. Zum Vergleich: Celonis kam 2021 auf eine Milliarde Dollar, N26 im selben Jahr auf 900 Mio. Dollar. Die aktuelle Bewertung läge rund 30 Prozent über den 12 Mrd. Euro, mit denen Helsing zuletzt im Juni 2025 nach einer Series D unter Führung von Daniel Eks Prima Materia bewertet wurde. Trotz der US-Führung der Runde soll Helsing weiterhin zu rund 80 Prozent in europäischer Hand bleiben – ein Punkt, den das Unternehmen mit Blick auf seine Positionierung als souveräne europäische Alternative zu US-Anbietern wie Anduril betont. Zu den Bestandsinvestoren zählen unter anderem Accel, Plural, General Catalyst, Greenoaks, der schwedische Rüstungskonzern Saab sowie BDT & MSD Partners.
Vom Software-Anbieter zum Drohnen- und Kampfjet-Hersteller
Das 2021 gegründete Unternehmen startete mit KI-Software zur Analyse von Gefechtsdaten und zur Verbesserung militärischer Entscheidungsprozesse und hat sein Portfolio seither deutlich ausgeweitet. Inzwischen produziert Helsing die Kamikaze-Drohne HX-2, ein 12-Kilogramm-Flugkörper mit rund 100 Kilometern Reichweite, der auch in GPS-gestörten Umgebungen operieren und Ziele mittels Onboard-KI ansteuern kann. Im Februar 2026 hatte der Haushaltsausschuss des Bundestags einen ersten Vertrag über 269 Mio. Euro für HX-2-Loitering-Munition genehmigt, mit einem Rahmenvolumen, das über sieben Jahre auf bis zu 1,46 Mrd. Euro anwachsen kann. Hinzugekommen sind autonome Unterwasserfahrzeuge sowie – durch die Übernahme des spanischen Robotik-Unternehmens Keybotic im Januar 2026 – auch bodengebundene autonome Inspektionssysteme. Parallel hat Helsing Partnerschaften mit etablierten europäischen Rüstungskonzernen geschlossen, darunter dem schwedischen Saab-Konzern.
Zentrales Vorzeigeprojekt ist das unbemannte Kampfflugzeug CA-1 Europa, das im September 2025 bei München vorgestellt wurde und 2027 erstmals fliegen soll. Es ist als Begleiter für bemannte Kampfjets konzipiert. Genau dafür hat Helsing nun einen prominenten deutschen Industriepartner gewonnen: HENSOLDT. Der Sensorik-Spezialist und Helsing kündigten heute eine strategische Partnerschaft an, in deren Rahmen die CA-1 Europa mit HENSOLDT-Technologien aus den Bereichen Radar, Optronik, Selbstschutz und elektromagnetischer Kampfführung ausgestattet werden soll. Über die Software-Suite MDOcore (Multi-Domain Operations Core) soll die Sensorik mit Helsings KI-Agent Centaur verknüpft werden, der die Drohne autonom steuern und Daten dimensionsübergreifend verarbeiten kann.
„Die Souveränität und Überlegenheit unserer Streitkräfte hängen daran, dass unsere Systeme durch nationale Industrie-Champions weiterentwickelt und produziert werden können“, erklärte Helsing-Mitgründer und Co-CEO Gundbert Scherf zur Partnerschaft. HENSOLDT-Vorstandschef Oliver Dörre sprach von einem Beitrag zur „sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit Europas“. Helsing, HENSOLDT und der norwegische Konzern Kongsberg arbeiten zudem bereits gemeinsam an einer europäischen Satellitenkonstellation für Aufklärung, Überwachung und Zielerfassung, die bis 2029 stehen soll.
Boomender Sektor – und Blasen-Warnungen
Die Helsing-Runde reiht sich in einen Boom des europäischen Defence-Sektors ein. Privates Kapital fließt seit Russlands Vollinvasion in die Ukraine 2022 verstärkt in Rüstung, getragen von der Aussicht auf höhere Verteidigungsausgaben europäischer Regierungen. Neben Helsing zählen unter anderem die Drohnenhersteller Quantum Systems und das portugiesische Unternehmen Tekever zu den europäischen Defence-Tech-Einhörnern. In Deutschland tritt Helsing zudem gegen das vom US-Investor Peter Thiel finanzierte Berliner Startup Stark an.
Nicht alle teilen die Euphorie. Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat angesichts der Milliarden, die in Drohnenentwickler fließen, vor einer „Blase“ im Sektor gewarnt. Andere Stimmen argumentieren dagegen, europäische Regierungen würden weiterhin zu viel Geld in „Legacy“-Technologie wie konventionelle Panzer und Kampfjets stecken – und zu wenig in unbemannte Systeme und neue Technologien. Helsing positioniert sich damit zwischen klassischen Rüstungskonzernen wie Rheinmetall und Airbus auf der einen sowie US-Konkurrenten wie Anduril auf der anderen Seite. Anduril verhandelt derzeit über eine Runde, die das Unternehmen mit über 60 Mrd. US-Dollar bewerten würde.
Brisant bleibt der Kontrast zwischen Bewertungshype und operativer Realität. Die erste Kamikaze-Drohne HF-1, gemeinsam mit einem ukrainischen Partner entwickelt, war in der Ukraine wegen Leistung und Preis in der Kritik gestanden. Auch beim Nachfolger HX-2 berichtete Politico Anfang 2026 unter Berufung auf ein internes Briefing des deutschen Verteidigungsministeriums, das System habe im Donbas bei 14 Einsätzen nur fünfmal sein Ziel getroffen. Helsing widersprach und verwies auf intensive russische elektronische Kampfführung sowie erfolgreiche Treffer gegen einen Panzer, einen Logistik-Lkw und zwei Haubitzen. Zuletzt hatte Oleksandr Kamyshin, Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj für strategische Industrien, Helsings Arbeit in der Ukraine ausdrücklich gelobt. Der Bundestag hat im Rahmen seiner HX-2-Bestellung dennoch zusätzliche Berichtspflichten verhängt und das kombinierte Rahmenvolumen mit Wettbewerber Stark Defence auf 2 Mrd. Euro gedeckelt.
Die anstehende Milliardenrunde wird damit auch zur Wette darauf, dass Europas KI-Rüstungschampion in der Breite – von der Loitering-Munition bis zum autonomen Kampfflugzeug – operativ liefern kann.


