„Infinite Scrolling“: EU will süchtig machendes Design in Social Media verbieten
Die Europäische Kommission geht erstmals gegen die Suchtmechanismen sozialer Medien vor und verlangt von TikTok weitreichende Änderungen an der Plattformgestaltung. Brüssel hat die Videoplattform aufgefordert, zentrale Funktionen zu deaktivieren oder anzupassen, darunter das endlose Scrollen, und strikte Bildschirmzeitpausen einzuführen. Zudem müssen die Empfehlungssysteme überarbeitet werden. Die Forderungen folgen auf die offizielle Feststellung der Kommission, dass das Design von TikTok süchtig macht – insbesondere für Kinder und Jugendliche.
Die Anfang Februar 2026 veröffentlichten Ergebnisse markieren das erste Mal, dass die Kommission ihre Position zum Design einer Social-Media-Plattform im Rahmen des Gesetzes über digitale Dienste dargelegt hat. Dieses Flaggschiff der EU-Gesetzgebung für Online-Inhalte soll Nutzer schützen und verpflichtet Plattformen wie TikTok, Risiken für ihre Nutzer zu bewerten und zu mindern. Die Untersuchung gegen TikTok läuft bereits seit etwa zwei Jahren, wobei die Kommission nun beschlossen hat, den Kern des Plattformdesigns anzugreifen und dieses als Risiko für die psychische Gesundheit der Nutzer einzustufen.
Wegweisende Entscheidung für Social-Media-Regulierung
Beobachter aus der Zivilgesellschaft bewerten die Entscheidung als bahnbrechend für das auf Überwachung und Werbung basierende Geschäftsmodell der Plattformen. Forschungseinrichtungen sehen darin einen Wendepunkt, da die Kommission süchtig machendes Design in sozialen Medien nun als durchsetzbares Risiko behandelt. Zum ersten Mal hat eine Regulierungsbehörde weltweit versucht, einen rechtlichen Standard für die Suchtgefahr von Plattformdesign zu etablieren, wie ein hochrangiger Kommissionsbeamter erläuterte.
Die Auswirkungen dürften sich nicht auf TikTok beschränken. Metas Facebook und Instagram stehen seit Mai 2024 wegen der Suchtgefahr ihrer Plattformen unter Untersuchung, wobei auch dort Design und Algorithmen im Fokus stehen und geprüft wird, ob sie Kinder gefährden. Experten für digitale Rechte halten es für äußerst unwahrscheinlich, dass die Kommission diese Erkenntnisse nicht als Vorlage nutzt und gegen andere Unternehmen vorgeht. Die EU-Technologiechefin Henna Virkkunen signalisierte, dass die Arbeit der Kommission bei systemischen Risiken in eine neue Reifephase eintritt.
Langwieriger Durchsetzungsprozess erwartet
TikTok kann nun seine Praktiken verteidigen und alle Beweise prüfen, die die Kommission berücksichtigt hat. Das Unternehmen hat angekündigt, die Ergebnisse anzufechten, die es als kategorisch falsch und völlig unbegründet bezeichnet. Falls TikTok die Kommission nicht zufriedenstellen kann, drohen Geldstrafen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. In einem anderen, einfacheren Durchsetzungsfall nach dem Gesetz über digitale Dienste benötigte die Kommission mehr als ein Jahr nach Vorlage vorläufiger Erkenntnisse, um eine Nichteinhaltung festzustellen – was auf einen langwierigen Prozess auch im Fall TikTok hindeutet.
Die Kommission könnte letztendlich mit den Plattformen eine breite Palette von Änderungen vereinbaren, die süchtig machendes Design adressieren. Welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden, hängt von den unterschiedlichen Risikoprofilen und Nutzungsmustern der einzelnen Plattformen ab sowie davon, wie sich jedes Unternehmen verteidigt.
Governance-Forscher erwarten unterschiedliche Lösungen für verschiedene Plattformen, da ähnliche Designelemente unterschiedlichen Zwecken dienen und verschiedene Risiken bergen. Die Bandbreite möglicher Interventionen reicht von der Änderung von Standardeinstellungen über das vollständige Verbot bestimmter Designmerkmale bis hin zu erweiterten Kontrollmöglichkeiten für Nutzer. TikTok wird die richtige Lösung wahrscheinlich nicht beim ersten Versuch finden und mehrere Anläufe benötigen, um Brüssel zufriedenzustellen.

