Robinhood Chain: Wie der Neobroker eine Blockchain zum Umsatztreiber macht
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Dass eine Kryptobörse wie Coinbase mit Base ihre eigene Blockchain baut, leuchtet unmittelbar ein. Dass Bitpanda mit der Vision Chain nachzieht, ebenfalls. Dass sich aber ausgerechnet ein Neobroker wie Robinhood, dessen Kerngeschäft der Handel mit Aktien und Optionen ist, ein eigenes Netzwerk zulegt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Nebenschauplatz.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Daraus könnte eine echte Cashcow werden. Die Robinhood Chain steht bei den täglichen Gebühren zeitweise an der Spitze aller Netzwerke, und Robinhood verdient daran direkt mit. Was die Sache verkompliziert, ist die Kritik an jenem Produkt, das die Chain eigentlich groß machen sollte: den Aktien-Token. Sie hat es in sich, und sie kommt inzwischen von mehreren Seiten gleichzeitig.
Was die Robinhood Chain ist
Die Robinhood Chain ist ein Layer-2-Netzwerk auf Ethereum, das der US-Neobroker auf Basis des Arbitrum-Stacks gebaut hat. Vorgestellt wurde sie bei einem Event in London unter dem Titel „The World is Flat“, das öffentliche Mainnet ging Anfang Juli in Betrieb.
Technisch ist die Chain ein Optimistic Rollup: Transaktionen werden abseits der Ethereum-Hauptkette verarbeitet und in komprimierten Batches dorthin zurückgeschrieben. Als Gas-Token dient ETH, ein eigener Netzwerk-Token existiert nicht. Die Blockzeiten liegen im Bereich von rund 100 Millisekunden, was das Netzwerk für Handelsanwendungen attraktiv machen soll. Die Transaktionsreihenfolge bestimmt ein einzelner, von Robinhood betriebener Sequencer, der nach dem First-come-first-served-Prinzip arbeitet: Wer mehr zahlt, kommt nicht früher dran.
Entwickler:innen können ohne Genehmigung von Robinhood Smart Contracts auf der Chain deployen, das Netzwerk ist in diesem Sinn permissionless. Zum Start dabei waren unter anderem Uniswap mit einem eigenen Automated Market Maker, das Prop-Trading-Protokoll Pleiades, der Oracle-Anbieter Chainlink, der Verwahrer BitGo, die Node-Infrastruktur von Alchemy sowie die Lending-Infrastruktur von Morpho.
Die Produkte auf der Chain
Robinhood hat rund um die Chain ein ganzes Produktbündel aufgesetzt:
- Stock Tokens: Tokenisierte Wertpapiere, die den Kurs einer Aktie abbilden und rund um die Uhr handelbar sind. Rechtlich handelt es sich um Schuldverschreibungen, ausgegeben von der Robinhood Assets (Jersey) Limited. Sie verschaffen wirtschaftliche Exposition zum Basiswert, aber keine Aktionärsrechte, kein Stimmrecht und keinen rechtlichen Anspruch gegenüber dem zugrundeliegenden Unternehmen. Verfügbar sind sie in mehr als 120 Ländern über die Robinhood Wallet, allerdings nicht für US-Personen und mit Einschränkungen unter anderem in Großbritannien, Kanada und der Schweiz. Die erste Generation, jetzt „Classic Stock Tokens“ genannt, bleibt in der europäischen App bestehen.
- Robinhood Earn: Ein dezentrales Lending-Produkt für US-Nutzer:innen, die ihre dollarbesicherte Stablecoin USDG aus einer Self-Custody-Wallet zu geschätzten sieben Prozent APY verleihen können. Die Infrastruktur stammt von Morpho, für Cyber- und Smart-Contract-Schäden wurde eine Versicherung über Lloyd’s of London und RELM eingekauft.
- Perpetual Futures: In der Robinhood Wallet lassen sich Perps über die dezentrale Börse Lighter handeln. In Europa hat der Broker das Angebot über Krypto hinaus auf Rohstoffe, ETFs und Währungspaare ausgeweitet, mit bis zu zehnfachem Hebel.
- DeFi-Bausteine: Lending und Borrowing sind ab Werk integriert, Stock Tokens lassen sich in Lending-Pools einsetzen oder als Sicherheit im DeFi-Ökosystem verwenden.
Dazu kommt die Agentic-Schiene: Nach dem Start von Agentic Trading für Aktien und Optionen bringt Robinhood die Technologie auch in den Krypto-Handel. Über ein Trading-MCP können Nutzer:innen ihr KI-Modell der Wahl an Robinhood-Datenquellen anbinden, wobei Kapitalrahmen und Leitplanken beim Menschen bleiben.
Was die Chain zum Geschäftsmodell beiträgt
Für Robinhood ist die Chain mehr als ein Technologieprojekt: Sie ist eine eigene Einnahmequelle. Das Unternehmen betreibt den Sequencer und verdient damit direkt an den Netzwerkgebühren, zusätzlich zu den Erlösen aus Handel und Produkten in der App.
Die Zahlen fielen zuletzt deutlich aus. Laut DefiLlama liegt die Chain bei den täglichen Gebühren an der Spitze aller Netzwerke, zeitweise wurden über sechs Millionen US-Dollar an Tagesgebühren erreicht, von denen gut fünf Millionen als Umsatz im Netzwerk verblieben. Das Handelsvolumen auf den dezentralen Börsen der Chain lag in Spitzenzeiten bei über 1,7 Milliarden Dollar innerhalb von 24 Stunden, kumuliert waren es seit dem Start mehr als 47 Milliarden Dollar.
Die Analyst:innen von Bernstein rechnen in einem soeben veröffentlichten Report damit, dass die Chain bis 2028 rund 160 Millionen Dollar an jährlichen Gebühren einbringen wird. Bemerkenswert daran: Diese Prognose liegt deutlich unter dem, was die aktuellen Tageswerte hochgerechnet ergeben würden. Die Analyst:innen gehen also davon aus, dass das gegenwärtige Aktivitätsniveau nicht dauerhaft trägt. Bernstein hatte sein Kursziel für die Robinhood-Aktie kürzlich von 130 auf 160 Dollar angehoben und verweist neben der Tokenisierung auch auf das Geschäft mit Prediction Markets.
Im Kontext des Gesamtkonzerns ist die Chain damit ein Wachstumsversprechen, aber noch kein tragender Pfeiler. Robinhood setzte im zweiten Quartal 1,31 Milliarden Dollar um, ein Plus von 32 Prozent, bei einem Nettogewinn von 573 Millionen Dollar. Ausgerechnet der Krypto-Handel war dabei das einzige große Segment mit rückläufigen Erlösen: Die Transaktionserlöse fielen um 38 Prozent auf 100 Millionen Dollar. Getragen wurde das Quartal von Aktien, Optionen und vor allem Event Contracts, die sich auf 156 Millionen Dollar verzehnfachten. Insgesamt zählt Robinhood nach eigenen Angaben knapp 28 Millionen Kund:innen in 38 Ländern.
Die Kritik
1. Memecoins statt Aktien
Der mit Abstand größte Teil der Aktivität auf der Chain entfällt bislang nicht auf tokenisierte Aktien, sondern auf spekulativen Token-Handel. Zum Start machten Memecoin-Paare 100 Prozent des Volumens aus, zuletzt waren es noch 36 Prozent, während tokenisierte Aktien auf rund 27 Prozent kamen. Der Gebührenstrom kommt überwiegend von Token-Screening- und Ausführungstools sowie von Launchpads: Drei Anwendungen stehen für rund 93 Prozent der App-Umsätze auf der Chain. Kritiker:innen sehen darin ein Netzwerk, das als Infrastruktur für die Realwirtschaft angekündigt wurde und faktisch als Casino läuft.
2. Verzerrte Kurse durch dünne Liquidität
Weil Memecoins Stock Tokens als Handelspaar nutzen, können sich beide Seiten gegenseitig aufschaukeln. In einem dokumentierten Fall band ein einzelner Memecoin-Pool mehr als die Hälfte des zirkulierenden Angebots eines Aktien-Tokens, dessen Kurs daraufhin auf das rund Viereinhalbfache des tatsächlichen Börsenschlusskurses stieg. Ein vergleichsweise kleiner Nachschub an neuen Token reichte, um den Preis wieder einzufangen, was zeigt, wie dünn die Liquidität in diesen Märkten ist.
3. Widerspruch der abgebildeten Unternehmen
Adam Aron, CEO von AMC Entertainment, bezeichnete das Angebot am vergangenen Freitag als „outrageous“ und stellte klar, dass die auf AMC-Aktien lautenden Token in keiner Verbindung zum Unternehmen stehen. AMC will die eigenen Wertpapieranwält:innen mit einer Prüfung beauftragen. Robinhood-CEO Vlad Tenev forderte Aron öffentlich auf, seine konkreten Bedenken zu benennen. Es ist nicht der erste Fall dieser Art: OpenAI hatte sich bereits deutlich von den entsprechenden Token distanziert, und die litauische Zentralbank als EU-Hauptaufsicht des Brokers forderte daraufhin Klarstellungen zu Struktur und Kundenkommunikation der OpenAI- und SpaceX-Token ein.
4. Regulatorische Grauzone
Die US-Börsenaufsicht SEC hat klargestellt, dass Tokenisierung nichts an der Anwendbarkeit der Wertpapiergesetze ändert, und unterscheidet zwischen vom Emittenten autorisierten Token und Drittanbieterprodukten, die lediglich synthetische Exposition bieten. Auf europäischer Seite warnte ESMA-Direktorin Natasha Cazenave davor, dass Anleger:innen tokenisierte Instrumente für echte Aktien halten könnten, und mahnte klare Kommunikation und Schutzmechanismen ein. Robinhood weist in den eigenen Unterlagen ausdrücklich darauf hin, dass die Chain keinen Zugang zu regulatorischem Anlegerschutz etwa der britischen FCA verschafft.
5. Technische Zuverlässigkeit
Vergangene Woche stellte die Chain für mehr als 14 Minuten die Blockproduktion ein, Transaktionen blieben in dieser Zeit unbestätigt. Rund 8.400 erwartete Blockintervalle fielen aus. Robinhood nannte keine Ursache. Verluste von Guthaben wurden nicht bekannt, die klassischen Brokerage-Konten waren nicht betroffen, die Aktie gab an dem Tag zwischenzeitlich um gut fünf Prozent nach. Der Vorfall lenkte den Blick auf den zentralen Sequencer: Solange ein einziger, vom Betreiber kontrollierter Knoten die Reihenfolge bestimmt, hängt die Verfügbarkeit eines Marktes, der mit „rund um die Uhr“ wirbt, an einer einzelnen Instanz.

