VW-Werk in Osnabrück stellt künftig DefenseTech her, u.a. für „Iron Dome“-Macher Rafael
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Volkswagen verkauft sein Werk in Osnabrück an einen israelischen Investor und an das Land Niedersachsen. Statt Autos sollen dort künftig Komponenten für Luftverteidigungssysteme entstehen, Ankerkunde ist der israelische Staatskonzern Rafael Advanced Defense Systems, bekannt als Hersteller des Abwehrsystems Iron Dome. Der Umbau gilt als bislang prominentestes Beispiel dafür, wie die kriselnde deutsche Autoindustrie freie Kapazitäten in die boomende Verteidigungsbranche umlenkt.
Wer das Werk übernimmt
Die Mehrheit an der Volkswagen Osnabrück GmbH übernimmt Aurelius Capital, eine Investmentgesellschaft mit Sitz in Tel Aviv. Zweiter Gesellschafter wird das Land Niedersachsen, das mit rund 20 Prozent der Anteile ohnehin zu den größten Aktionären von Volkswagen zählt. Der Konzern selbst zieht sich als Eigentümer zurück, will den Übergang aber mit Know-how und Infrastruktur begleiten. Das Werk soll laut Mitteilung von Volkswagen zu einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“ werden. Unterschrieben ist bisher eine Absichtserklärung, der endgültige Vollzug steht unter dem Vorbehalt von Gremienbeschlüssen und behördlichen Freigaben.
Aurelius Capital ist nicht identisch mit der gleichnamigen Münchner Beteiligungsgesellschaft. Der Fonds wurde von Alon Lifshitz und Tomer Jacob gegründet, beide zuvor bei der israelischen VC-Gesellschaft Hanaco Ventures. Zum Team gehören dem Jerusalem Post zufolge der frühere NSA-Direktor Michael Rogers, der ehemalige israelische Luftwaffenchef Amir Eshel und der frühere Mossad-Vizechef Udi Lavi. Gestartet ist der Fonds mit 50 Millionen US-Dollar und dem Ziel, auf 150 Millionen zu wachsen. Investiert wird nach eigener Darstellung in „Schilde, nicht Schwerter“, also in Cybersecurity, Drohnenabwehr und Satellitensysteme. „Osnabrück bringt etwas mit, das sich nicht aus dem Nichts aufbauen lässt: langjährige Erfahrung mit anspruchsvollen Produkten, präzise Fertigungsprozesse und eingespielte Teams“, sagte Tomer Jacob.
Was produziert werden soll
Das erste gemeinsame Vorhaben von Aurelius, Niedersachsen und Rafael ist ein sogenanntes Ankerprojekt im Bereich Luftverteidigung. Vorgesehen ist die Fertigung von „Systemen und Komponenten für Luftverteidigungssysteme für Deutschland und Europa“. Berichten zufolge geht es zunächst weniger um Lenkflugkörper selbst, sondern um Trägerfahrzeuge, Startsysteme und Generatoren rund um Iron Dome. Rafael-Chef Yoav Turgeman sprach von der „Idee, dass die Technologie vollständig in Deutschland produziert wird, um Deutschland und Europa zu schützen“. Weitere Auftraggeber:innen sollen folgen.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Berlin will in den kommenden fünf Jahren rund 700 Milliarden Euro in Verteidigung investieren, und Rafael hofft parallel auf einen Auftrag der Bundesregierung für Iron Dome, ein System mit einer Reichweite von etwa 70 Kilometern.
Wie der Katar-Konflikt umgangen wird
Eine direkte Kooperation zwischen Volkswagen und Rafael war zuvor am Widerstand der Qatar Investment Authority gescheitert, die rund 17 Prozent der Stimmrechte an VW hält und deren Verhältnis zu Israel seit Herbst 2023 angespannt ist. Durch den Verkauf des Standorts an Aurelius und das Land Niedersachsen entsteht die Rüstungsfertigung außerhalb des Konzerns, wie Ynet berichtet. Dem Bericht zufolge steuert Niedersachsen rund 200 Millionen Euro bei. Ministerpräsident Olaf Lies begründete den Einstieg damit, dass Deutschland und Europa sicherheitspolitisch eigenständiger werden müssten.
Was für die Beschäftigten gilt
In Osnabrück arbeiten aktuell rund 1.800 Menschen, gefertigt wird dort zuletzt das T-Roc Cabrio. Die Fahrzeugproduktion endet im Sommer 2027, das war bereits im Sparpaket von Ende 2024 beschlossen worden. Nach dem jetzigen Modell sollen etwa 1.400 Beschäftigte in die neue Gesellschaft wechseln, rund 1.200 Arbeitsplätze gelten bis Ende 2029 als gesichert, die Tarifbindung bleibt bestehen. Betriebsratschefin Daniela Cavallo sprach von einem wichtigen Meilenstein, machte aber deutlich, dass die Arbeitnehmer:innenvertretung weiter an einer Lösung für die gesamte Stammbelegschaft arbeite. Offen ist die Zukunft von etwa 500 Stellen, vor allem in der technischen Entwicklung.
Der Deal fällt in den größten Umbau der Konzerngeschichte. Vergangene Woche billigte der Aufsichtsrat den Abbau von 50.000 weiteren Stellen, womit sich die Zahl der wegfallenden Arbeitsplätze auf rund 100.000 summiert. Bis zu vier deutsche Werke stehen zur Disposition, der Quartalsgewinn brach zuletzt um knapp ein Drittel ein. Osnabrück könnte damit zur Blaupause werden. Auch Rheinmetall und Continental verfolgen ähnliche Modelle, um Autofabriken in die Rüstungsproduktion zu überführen.
Kritik an den Plänen
Gegen den Einstieg formiert sich Widerstand. Das Bündnis „Aktion Aufschrei, Stoppt den Waffenhandel!“, dem nach eigenen Angaben mehr als 100 Organisationen angehören, darunter Misereor, pax christi und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, hält den Kurs für falsch. Bündnis-Koordinator Andreas Seifert verweist auf Osnabrück als Ort des Westfälischen Friedens von 1648 und argumentiert, der Weg in die Rüstung werde weder dem Symbolort noch der Verantwortung von Volkswagen gerecht, wie Kirche und Leben berichtet. Kritiker:innen führen zudem die NS-Vergangenheit von Volkswagen als Rüstungsproduzent an sowie die Rolle Rafaels im Gaza-Krieg. Eine Online-Petition fordert, Osnabrück müsse Friedensstadt bleiben.
Befürworter:innen halten dagegen, dass ohne die Rüstungslösung ein kompletter Werksschluss gedroht hätte und die Alternativen für den Standort begrenzt seien. Neben Rafael waren zuvor auch Rheinmetall und KNDS als mögliche Partner im Gespräch, Volkswagen selbst hatte Anfang des Jahres militärische Fahrzeugprototypen vorgestellt.

