Whispyr: Wiener Solo-Gründer baut Offline-Messenger, der in Harvard zum Hit wird
Eine verschlüsselte Messaging-App, die ohne Internet und Server nur über Bluetooth oder WiFi Direct geschützte Kommunikation erlaubt: Mit Whispyr hat der Wiener Solo-Gründer Laurenz Frank eine App im Alleingang entwickelt, die auf lokale Kommunikation setzt, für die man nicht einmal einen Account braucht. Über Freunde hat sich Whispyr dann plötzlich am Campus der Elite-Universität Harvard verbreitet und könte von dort aus weitere Relevanz erlangen.
Im Interview spricht Frank mit Trending Topics über den Grundgedanken, einen Offline-Messenger zu bieten, wie er die App finanziert, und wohin er Whispyr bringen will.
In einem Satz: Was ist Whispyr und für wen ist die App gemacht?
Laurenz Frank: Whispyr ist ein verschlüsselter Messenger ohne Internet, ohne Server, ohne Account. Für die Menschen, die ohnehin neben dir stehen. Konzerte, Campus, Festival, Flugzeug. Genau dort, wo das normale Netz versagt oder gar nicht gewollt ist.
Wie und unter welchen Voraussetzungen funktioniert die App dann?
Via Bluetooth nur wenige Meter, mit Wi-Fi Direct deutlich weiter. Whispyr setzt aktuell auf direkte Verbindungen von Gerät zu Gerät, kein Multi Hop Mesh über fremde Telefone. Das ist eine bewusste Architekturentscheidung. Mehr Reichweite über fremde Geräte klingt nach Gewinn, schwächt aber das Vertrauensmodell, weil dann unbeteiligte Telefone deine verschlüsselten Pakete kurz halten. Eine Wiese voller Menschen deckt man ab, weil viele gleichzeitig sichtbar sind, nicht, weil sie sich gegenseitig durchreichen.
Welche Verschlüsseung nutzt Whispyr, und was unterscheidet sie von Signal oder iMessage?
Die Bausteine sind keine Eigenerfindung. Dieselben Primitive nutzen Signal, WireGuard und TLS 1.3. ChaCha20-Poly1305 läuft auf iPhones in konstanter Zeit und ist damit resistenter gegen Side Channel Angriffe als manche AES Implementierungen ohne dedizierte Hardware. Der Unterschied zu Signal liegt nicht in der Kryptografie, die ist im Kern dieselbe, sondern in der Architektur. Signal braucht Server für Discovery und Push, iMessage zusätzlich Apple Accounts. Whispyr hat beides nicht. Es gibt strukturell keinen Punkt, an dem Metadaten anfallen, weil es strukturell keinen zentralen Punkt gibt.
Es gibt Chats, Spaces und Events zum Austausch. was sind die Unterschiede?
Chats sind direkte Eins zu eins Sessions. Spaces sind Räume mit Ortsbezug für einen Campus, ein Café, eine Konferenz, beigetreten wird per Code oder QR Scan. Events sind zeitlich begrenzte Räume innerhalb derselben Architektur. Unter der Haube ist alles dieselbe verschlüsselte Peer to Peer Schicht.
Identität funktioniert über ein Schlüsselpaar, das beim ersten Start lokal auf dem Gerät erzeugt wird. Der öffentliche Schlüssel ist die echte Identität, der Handle ist nur ein Anzeigename. Wer sicher sein will, mit wem er spricht, verifiziert das einmal in Person über ein Safety Word oder einen QR Code. Das Gerät merkt sich die Identität, ähnlich wie SSH sich bekannte Hosts merkt. Keine Telefonnummer, keine Email, kein zentrales Verzeichnis.
Wie bist du auf die Idee gekommen, gab es einen konkreten Moment?
Der Auslöser war ein Teegespräch mit einem anderen Entwickler. Ich hab dort laut gedacht und mir wurde klar, dass etwas grundsätzlich falsch läuft, wenn zwei Geräte nebeneinander am Tisch liegen und ihre Nachrichten trotzdem über Frankfurt geleitet werden. Danach ist mir das überall aufgefallen, auf Konzerten, in Flugzeugen, auf Festivals. Die richtige Antwort lautet nicht den Server besser machen, sondern ihn weglassen. Privatsphäre ist kein Feature, sondern eine Architekturentscheidung. Vertrauen sollte nicht von einem Versprechen abhängen, sondern von Mathematik.
Mit Jack Dorseys BitChat hat 2025 ein Bluetooth-Messenger international viel Aufmerksamkeit bekommen. War das ein Auslöser oder eine Inspiration?
BitChat war kein Auslöser, sondern die Bestätigung, dass das Thema medial trägt. Inhaltlich lösen wir verschiedene Probleme. BitChat ist puristisch, Bluetooth Mesh, gedacht für Demos und Krisensituationen. Whispyr ist bewusst kein Survival Tool, sondern ein Alltagsmessenger. Er sieht aus wie ein moderner Messenger, fühlt sich an wie einer und ist für die normalen Momente gedacht, in denen Nähe da ist, aber Infrastruktur fehlt. Beide Apps können nebeneinander existieren, sie konkurrieren nicht.
Wann genau wird Whispyr besser als ein klassischer Messenger?
Immer, wenn drei Dinge zusammenkommen. Die Menschen, mit denen du reden willst, sind in der Nähe, das Netz ist unzuverlässig oder unerwünscht, und du willst keinen Server dazwischen. Konzerte, Festivals, Konferenzen, Wohnheime, Flugzeuge, Sportveranstaltungen. Auch internationale Reisen ohne SIM oder schlicht ein Café Tisch voller Freunde, die schon nebeneinander sitzen und ihre Nachrichten trotzdem über halbe Kontinente schicken. Notfallszenarien sind ein Nebeneffekt, nicht der Use Case.
Wie viel davon ist Privacy Statement gegen Big Tech, wie viel praktische Resilienz?
Whispyr ist kein Statement gegen Big Tech, sondern eine Antwort darauf, dass unsere gesamte Kommunikation an einer Handvoll Servern hängt, die jemand abschalten oder rechtlich verpflichten kann, oder die schlicht ausfallen. Das ist nicht Ideologie, das ist Architektur. Wenn die Kommunikation nebenbei privater abläuft, gut, aber das ist Konsequenz, nicht Mission. In der Debatte um digitale Souveränität gehört Whispyr in die Ecke lokaler Infrastruktur, die einfach funktioniert.
Wie finanzierst du Whispyr aktuell? Gibt es ein Geschäftsmodell oder bleibt die App dauerhaft gratis?
Aktuell komplett Bootstrapping. Kein Investor, kein Funding, keine Förderung. Die App ist gratis und werbefrei. Eine Premium Ebene mit erweiterten Funktionen ist in Entwicklung, Konkretes dazu kommt zu gegebener Zeit. Aktuell steht das Produkt im Vordergrund.
Zum Thema Open Source: Auditierbarkeit ist bei Verschlüsselungsansprüchen kein Luxus, sondern Pflicht, das ist mir bewusst. Die Krypto und Transport-Schicht zuerst offenzulegen wäre ein denkbarer Weg. Eine vollständige Open Source-Veröffentlichung verspreche ich nicht, bevor Lizenz und operative Wartung sauber durchdacht sind.
Whispyr wird unter Harvard Studierenden breit genutzt. Wie ist das passiert, und wie misst man Nutzerzahlen ohne Server?
Ich habe enge Freunde in Harvard, über sie hat sich Whispyr auf dem Campus verbreitet. Was klein anfing, ist innerhalb weniger Wochen zu einer eigenen Dynamik geworden, vor allem auf Campus Partys, an denen das Uni-WLAN unter Hunderten gleichzeitiger Verbindungen einbricht. Das ist exakt der Use Case, für den ich die App gebaut habe, nur nicht der Ort, den ich erwartet hätte. Den ersten medialen Schub in Europa hat dann die Vorstellung bei iFun.de gebracht.
Zur Messung: Ich sehe Downloads über App Store Connect. Auf Produktebene gibt es anonyme Aggregate ohne Inhalte und ohne Profilbezug, mehr brauche ich aktuell nicht. Die Nachrichten selbst bleiben durch die Ende zu Ende Verschlüsselung für mich strukturell unlesbar, das ist der eigentliche Anspruch.
Welche Ausbaupläne hast du mit der App?
Kurzfristig sauberere Verifizierungs-Flows und eine ausgefeiltere iPad- und Mac-Version. Mittelfristig das Spaces-Konzept ausbauen, da steckt das eigentliche Potenzial der App. Langfristig will ich, dass Whispyr in den Alltag rutscht, ohne dass es Marketing dafür braucht. Das beste Zeichen wäre, wenn jemand auf einem Konzert sagt „Mach mal Whispyr auf“, und der andere sofort weiß, was gemeint ist.

