Hintergrund

„Europa konsumiert KI intensiv, stärkt dabei aber primär fremde Ökosysteme“

Startups: There are no signs of recession fears in the first investment half of 2022
EUROPE, THE OLD CONTINENT. © PHOTO BY TOM GRIMBERT ON UNSPLASH

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Ja, die USA und China dominieren im KI-Wettrennen, was Foundation Models und Finanzierung angeht, aber: Europa sollte sich nicht verstecken in Sachen Künstlicher Intelligenz. Das legt der neue „State of AI in Europe„-Report nahe, den Prosus gemeinsam mit Dealroom veröffentlicht hat.

„Wir bauen großartige Unternehmen auf und übergeben sie dann an die USA. Europa liegt an der Startlinie gleichauf mit den USA. Doch in der Durchbruchphase investieren US-Investoren dreimal so viel wie Europa. In der Spätphase sind es sogar das Neunfache. Über die Hälfte des Kapitals, das Europas beste KI-Unternehmen auf Skalierungskurs bringt, stammt aus dem Ausland“, heißt es in dem Report. „Wir bereiten die Zukunft vor, damit andere sie für sich beanspruchen können. Das muss aufhören.“

Chancen werden vor allem bei so genannten World Models (zuletzt hat AMI Labs aus Paris eine Milliarde Dollar dafür geholt) gesehen. „Allzweck-GenAI? Diese Runde haben die USA gewonnen. Aber die nächste Grenze – Weltmodelle – steht weit offen. Zudem zielen bereits 75 % der europäischen KI-Investitionen auf hochwertige Anwendungen in den Bereichen Gesundheit,
Energie, Verteidigung und Fintech ab.“

Was Europa richtig macht: Die Stärken des Kontinents

Talente auf Weltklasse-Niveau

Europa verfügt über einen KI-Talentpool, der dem der USA in absoluten Zahlen nahezu ebenbürtig ist. Rund 325.000 KI-Fachkräfte sind in Europa tätig, ebenso viele wie in den Vereinigten Staaten. Im Bereich der sogenannten „Frontier AI Talent“, also Forscherinnen und Forscher an der Spitze des Fachgebiets, zählt Europa etwa 50.000 Personen gegenüber 55.000 in den USA. Drei der zehn meistzitierten KI-Wissenschaftler weltweit stammen aus Europa, darunter Geoffrey Hinton und Diederik Kingma.

Europäische Gründer prägen die globale KI-Landschaft

Der Bericht unterstreicht, dass Europa einen erheblichen Anteil an der Entstehung der modernen KI hatte. Meta’s Sprachmodell LLaMA wurde in Paris entwickelt, Hugging Face wurde von französischen Gründern ins Leben gerufen, und DeepMind hat seinen Sitz in London. Europäische Gründer stehen hinter 25 Prozent aller globalen KI-Einhörner und haben einen Unternehmenswert von 94 Milliarden US-Dollar geschaffen.

Rekordinvestitionen und wachsendes Ökosystem

Im Jahr 2025 flossen 21,8 Milliarden US-Dollar in europäische KI-Startups, ein Anstieg von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr und fast das Zehnfache des Niveaus von 2016. KI macht inzwischen mehr als 30 Prozent aller europäischen Risikokapitalinvestitionen aus, doppelt so viel wie noch vor drei Jahren. Europa zählt zudem ähnlich viele neu gegründete KI-Startups pro Jahr wie die USA, rund 900 Neugründungen jährlich.

Führend bei der KI-Anwendung

Europa ist der weltweit führende Kontinent bei der Nutzung von KI-Anwendungen. In Ländern wie Norwegen (46,4 Prozent), Irland (44,6 Prozent) und Frankreich (44 Prozent) liegt die KI-Adoptionsrate deutlich über dem US-Niveau. Europa verzeichnet doppelt so viele monatlich aktive Nutzer von großen Sprachmodellen wie die USA.

Stärken in Schlüsselsektoren

Besonders stark positioniert ist Europa in der Anwendungsschicht: 75 Prozent der europäischen KI-Investitionen fließen in vertikale Anwendungen. Der Bereich Verteidigung, Sicherheit und Resilienz ist mit 8,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 und einem Wachstum von 55 Prozent der am schnellsten wachsende Teilsektor. Auch in den Bereichen Energie, Gesundheit und Fintech ist Europa wettbewerbsfähig aufgestellt.

Wo Europa hinterherhinkt: Die strukturellen Probleme

Das Kapital-Paradox: Europa züchtet, Amerika erntet

Das gravierendste Problem liegt nicht beim Talent, sondern beim Kapital. Während Europa bei Frühphasenfinanzierungen mit den USA mithalten kann, klafft bei späteren Finanzierungsrunden eine massive Lücke. Im Jahr 2025 investierte Europa in der Wachstumsphase dreimal weniger als die USA, in der Spätphase sogar zwölfmal weniger (12 Milliarden gegenüber 141 Milliarden US-Dollar). Über die Hälfte des Kapitals, das europäische KI-Startups in der Wachstumsphase erhält, stammt von ausländischen, überwiegend amerikanischen Investoren.

„Ohne ein robustes Spätphasen-Finanzierungsumfeld dient die Frühphasenfinanzierung lediglich als Inkubator für Unternehmen, die letztendlich von ausländischem Kapital übernommen oder finanziert werden“, heißt es seitens Dealroom.

Talente in den falschen Jobs

Obwohl Europa über ausreichend KI-Talente verfügt, sind diese strukturell falsch eingesetzt. 53 Prozent der europäischen KI-Fachkräfte arbeiten in der traditionellen Wirtschaft, in Beratungsunternehmen, Industriekonzernen und Finanzinstituten. In den USA sind es nur 40 Prozent. Nur 33 Prozent der europäischen KI-Talente sind in digitalen Technologieunternehmen tätig, verglichen mit 46 Prozent in den USA. Die drei größten KI-Arbeitgeber in Europa sind allesamt US-amerikanische Technologiekonzerne.

Rückstand bei Grundlagenmodellen und Rechenkapazität

Im Wettbewerb um generative KI-Grundlagenmodelle ist Europa weit abgeschlagen. Mistral ist das einzige europäische Unternehmen mit einem nennenswerten großen Sprachmodell. Europa verfügt über weniger als 5 Prozent der globalen KI-Rechenkapazität, obwohl es 16 Prozent der weltweiten Rechenzentren beherbergt. Bei neuen KI-Patenten entfallen auf Europa lediglich 3 Prozent, verglichen mit 70 Prozent für die USA und 14 Prozent für China.

Nutzer trainieren fremde Modelle

Die hohe Nutzungsrate von KI in Europa hat eine problematische Kehrseite. Da die meistgenutzten Modelle aus den USA oder China stammen, fließen die durch europäische Nutzer generierten Daten und der damit verbundene wirtschaftliche Mehrwert ins Ausland. „Europa konsumiert KI intensiv, stärkt dabei aber primär fremde Ökosysteme“, heißt es unter anderem in dem Report.

Fragmentierung und regulatorische Komplexität

Das europäische KI-Ökosystem ist stärker fragmentiert als das amerikanische. Während in den USA drei Metropolregionen (Bay Area, New York, Boston) den Großteil der Investitionen konzentrieren, verteilen sich die europäischen Aktivitäten auf viele Städte, ohne dass eine davon die kritische Masse der führenden US-Hubs erreicht. Hinzu kommt eine regulatorische Komplexität aus über zehn sich überschneidenden Regelwerken, darunter KI-Gesetz, DSGVO, Data Act und NIS2, die europäische Startups im Vergleich zu US- und chinesischen Wettbewerbern unverhältnismäßig stark belastet.

Die wichtigsten Kennzahlen im Vergleich

Kennzahl Europa USA
KI-VC-Investitionen 2025 21,8 Mrd. USD 162 Mrd. USD
KI-Talente (gesamt) 325.000 325.000
Frontier-AI-Forscher ca. 50.000 ca. 55.000
Neue KI-Startups pro Jahr ca. 900 ca. 900
KI-Einhörner ca. 105 ca. 360
Globaler Anteil KI-VC (seit 2023) 11 % 77 %
Neue KI-Patente (global) 3 % 70 %
Anteil globaler KI-Rechenkapazität unter 5 % ca. 70%
Monatlich aktive LLM-Nutzer 133 Mio. 61 Mio.

Hier die wichtigsten Slides in der Übersicht:

 

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