Analyse

EY-Studie: Fast 95 Prozent der Startup-Finanzierungen gehen an rein männliche Teams

v.l.n.r.: Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich Natascha Fürst, CEO von Female Founders © EY
v.l.n.r.: Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich Natascha Fürst, CEO von Female Founders © EY

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Der österreichische Startup-Finanzierungsmarkt hat im ersten Halbjahr 2026 eindrucksvoll an Dynamik gewonnen. Insgesamt flossen 472 Millionen Euro Risikokapital in heimische Jungfirmen. Gegenüber der Vorjahresperiode entspricht das einer Steigerung um 329 Prozent.

Gleichzeitig stieg die Zahl der registrierten Finanzierungsrunden von 78 auf 97 und erreichte damit einen neuen Höchststand für ein Halbjahr. Das erste Halbjahr 2026 zählt somit zu den stärksten Finanzierungsperioden der österreichischen Startup-Geschichte. Doch nicht alle profitieren davon: Der Großteil des Kapitals geht an rein männlich besetzte Gründungsteam.

Verteilung bleibt äußerst unausgewogen

Das zeigt der Female Start-up Funding Index H1/2026, den EY Österreich, Female Founders und Fund F gemeinsam erstellt haben. Die Analyse berücksichtigt Startups mit Sitz in Österreich, die im Zeitraum Jänner bis Juni 2026 eine Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen haben. Von dem Finanzierungsvolumen gingen 94,9 Prozent an rein männliche Founding Teams.

Gemischte Teams erhielten 4,8 Prozent des Kapitals, rein weibliche Teams lediglich 0,3 Prozent. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 hat sich die Situation damit zwar leicht verbessert, die Verteilung bleibt jedoch weiterhin äußerst unausgewogen.

„2026 ist bislang ein starkes Jahr für den österreichischen Startup-Standort. Gleichzeitig macht die aktuelle Analyse deutlich, dass der Aufschwung vor allem männlich geprägten Gründungsteams zugutekommt. Wer mehr Innovation und Wachstum will, muss dafür sorgen, dass Kapital künftig breiter verteilt wird“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.

„Der Aufschwung hat ein Geschlecht“

„472 Millionen Euro Risikokapital für Österreichs Startups, mehr als eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr, und so viele Finanzierungsrunden wie nie zuvor. Bei Frauen ist davon nichts angekommen. Während rein männliche Teams fast das gesamte Volumen einsammelten, gingen 0,3 Prozent des Geldes an rein weibliche Teams – rund 1,4 Millionen Euro im gesamten Halbjahr. Damit ist klar: Der Aufschwung hat ein Geschlecht“, sagt Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders.

Dass die Schieflage auch in einem starken Marktumfeld bestehen bleibt, hat laut der Studie mehrere Gründe. Große Finanzierungsrunden werden häufig von etablierten Venture-Capital-Fonds getragen, die auf bestehende Netzwerke, frühere Investmenterfolge und bekannte Muster zurückgreifen. Gleichzeitig stoßen Gründerinnen insbesondere beim Zugang zu Investorennetzwerken und großen Wachstumsfinanzierungen häufiger auf Hürden. Genau diese späten Finanzierungsphasen haben jedoch den größten Einfluss auf die Verteilung des investierten Kapitals.

Nur drei rein weibliche Startups finanziert

„Das Problem beginnt nicht erst bei der Finanzierung, wird dort aber besonders sichtbar“, so Haas. „Wer Zugang zu Investorennetzwerken, internationalen Fonds und großen Wachstumsrunden hat, hat bessere Chancen, Kapital aufzunehmen. Die Zahlen zeigen, dass Gründerinnen und gemischte Teams hier noch immer strukturelle Nachteile haben. Dadurch konzentriert sich ein großer Teil des Kapitals auf eine vergleichsweise kleine Gruppe von Unternehmen.“

Von den insgesamt 95 österreichischen Startups, die im ersten Halbjahr 2026 eine Finanzierung erhielten und deren Gründungsteams bekannt sind, verfügten 72 über ein ausschließlich männliches Founding Team (76 %). Weitere 20 Startups wurden von gemischten Teams gegründet (21 %), lediglich drei Startups hatten rein weibliche Gründungsteams (3 %). Dabei handelt es sich um Factorymaker, Faund Social Dating Club und Recruitiverse.

„Strukturelles Versagen des Kapitalmarkts“

Insgesamt umfassen die analysierten Gründungsteams mindestens 248 Personen. Davon sind 217 Männer und 31 Frauen. Der Frauenanteil unter den Gründer:innen jener Startups, die erfolgreich eine Finanzierung erhalten haben, liegt somit bei rund 13 Prozent.

„Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ: Es gründen genug Frauen – das Problem ist, wer von ihnen ans Kapital kommt“, sagt Natascha Fürst, CEO von Female Founders. „Diese Studie zeigt kein Problem an der Gründungsbasis, sondern ein strukturelles Versagen des Kapitalmarkts. Und das lässt sich nicht wegdiskutieren.“

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Aufschwung als Chance für mehr Gleichheit

„Noch nie saßen so viele Frauen in finanzierten Gründungsteams wie jetzt: 13 Prozent. Und trotzdem floss fast das komplette Kapital an rein männliche Teams. Mehr Frauen am Tisch heißt offensichtlich nicht mehr Geld für Frauen. Wer glaubt, dass das der nächste Aufschwung von selbst reguliert, hat die letzten vier Jahre die Augen zugemacht. Es wird Zeit, dass wir aufhören, eine rationale, wirtschaftliche Diskussion emotional zu führen. Denn als Standort lassen wir Rendite auf dem Tisch liegen, nachweislich, Jahr für Jahr“, so Lisa Fassl. „Frauen dürfen gründen. Finanziert werden Männer.“

„Frauen sind die Mehrheit in Österreich, jedoch landet nur ein geringer Teil des Kapitals bei ihnen“, sagt Natascha Fürst. „Der Aufschwung bietet die Chance, dieses Missverhältnis zu korrigieren. Ob sie genutzt wird, hängt davon ab, ob Investor:innen bewusst auch außerhalb etablierter Muster investieren. Vielfalt entsteht nicht automatisch – sie muss aktiv finanziert werden.“

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