DefenseTech: „Es darf keine Egotrips der EU-Mitgliedstaaten geben“
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Für die Technology Talks 2026 in Wien war das ehrgeizige Leitthema „Empowering Europe: Technological Leadership for a Resilient Future“. Genau in diesem Auftrag stand Marie-Agnes Strack-Zimmermann am Podium. In einem Hintergrundgespräch macht die Vorsitzende des Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung (SEDE) klar, wie ernst die Lage für Europa ist.
Denn Strack-Zimmermann ist extrem nah dran an den Entwicklungen im schrecklichen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Die 68-Jährige spricht Klartext zu den davon ausgehenden Gefahren für Europas Sicherheit und die aktuell notwendigen Schritte.
Es wird klar: Wir leben in einer (europäischen) Welt, die sich vor ein paar Jahren keiner vorstellen konnte.
„Die Lage ist sehr, sehr ernst“, steigt Vorsitzende des Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung (SEDE) des Europäischen Parlament in das Gespräch ein. „Putin wird nicht stoppen, wenn er nicht militärisch gestoppt wird. Das übernimmt aktuell die Ukraine. Europa muss die Ukraine humanitär, wirtschaftlich und auch militärisch begleiten.“ Strack-Zimmermann nennt auch wichtige Partner in dieser Aufgabe, allen voran Kanada und die indopazifischen Staaten Japan, Australien, Neuseeland, Taiwan und Südkorea.
Sie war 20 Jahre lang im Vertrieb für den Tessloff Verlag, der die bekannten Kinder- und Jugendfachbücher „Was ist was?“ herausgibt. Sie ist hochgewachsen, steht sehr gerade, trägt kurzes Haar und einen strengen Anzug. Die FDP-Politikerin wählt in ihrer jetzigen Position bewusst eine militärisch geprägte Sprache.
“Europa muss klare Kante zeigen“
Sie wird deutlich: „Putin zündet seit 2014 Europa an. Dass damals keiner reagiert hat, das war eine Todsünde, die ihn motiviert hat. Die Geschichte lehrt, dass nur wer stark ist, nicht angegriffen wird. Putin und seine Schergen wollen, dass Europa auseinanderfliegt. Europa muss klare Kante zeigen.“
Was kann Europa leisten. Den einen Gamechanger für diesen Krieg gebe es nicht. Was derzeit vor allem fehlt: Air Defense. Die Systeme sind im Nahen Osten gebunden. Für die Ukraine entsteht so eine zusätzliche Gefahr: härtere Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Russland wagt sich an die europäischen Grenzen und an jene kritische Infrastruktur, die im Winter überlebensnotwendig ist.
Strack-Zimmermann erinnert sich an zwei entsetzliche Tage in der Ukraine im Februar: „Wir saßen im Dunkeln und es war unfassbar kalt. Es ist unvorstellbar, dass Menschen das monatelang aushalten. Die Ukrainer und Ukrainerinnen sind unglaublich tapfer.“ Genau mit diesem Druck wolle Putin Menschen in die Flucht zwingen. Auch deshalb sei es im Interesse Europas die Ukraine zu unterstützen.
Andererseits hat Russland selbst nach viereinhalb Jahren nicht den erwarteten militärischen Erfolg. Das Land erlebt einen „wirtschaftlichen Albtraum, menschliche Tragödien mit 30.000 russischen Soldaten, die täglich fallen“. Der Druck wird größer, was Russland nicht zu interessieren scheint. Es reagiert mit Cyberattacken, Desinformation, Sabotage.
Was ist zu tun?
„Wir müssen weiter Druck ausüben, sodass klar wird, dass der Krieg aussichtslos ist. Nur das könnte Russland an den Verhandlungstisch zwingen.“ Die aktuellen Gespräche unter Witkoff und Kushner kosten die Strategin einen Lacher: „Die hätten genauso Sie und ich führen können. Ernsthafte diplomatische Gespräch beginnen in der fünften Reihe. Putin will keinen Frieden, das müssen wir zu Kenntnis nehmen.“
Die gute Nachricht: Die europäische Industrie rüstet auf. Es gibt Ausgründungen, Technologie-Startups, Kooperationen in der Forschung. Es tut sich viel und es braucht noch mehr. Eine Mischung aus klein und groß, moderner Technologie wie Drohnen, das heikle Thema AI spielt eine Rolle. Es braucht Standards wie Panzer, Schiffe, Marschflugkörper für die Truppen. „Der Taurus sollte schon lang geliefert sein“, kritisiert die Deutsche.
Mehr Geld für DefenseTech
Heuer wird die EU 381 Milliarden Euro für Verteidigung ausgeben, 2022 am Beginn des Ukraine-Kriegs waren es 240 Milliarden. Genau das ist Ziel des umfassenden Industrieprogramms von SEDE. Die EU muss bis 2033 deutlich unabhängiger von den USA werden.
„Es gibt extremen Nachholbedarf in Europa. Nur ein Beispiel: die Daten zur Aufklärung und Zielerfassung liegen allein in amerikanischen Händen, bei Herrn Musk. Die Ukraine will mehr Daten und Musk überlegt, ob er diese freigibt. Das muss sich ändern. Europa muss strategisch autonom sein.“ Alle 27 EU-Länder haben ihre Ausgaben für militärische Zwecke aufgestockt. Das Ziel sind im Schnitt zwei Prozent des BIP.
Österreich liegt als eines der wenigen Länder deutlich darunter. Hier spielt die Neutralität mit. Strack-Zimmermann warnt: Diese wird Russland nicht interessieren. Weit über diesem Ziel liegen Polen und die Baltischen Staaten; alle haben eine direkte Grenze mit Russland.
„Es darf keine Egotrips der Mitgliedstaaten geben“
Das größte Ärgernis für Strack-Zimmermann sei, dass es trotz Vereinbarungen zu wenig Kooperation und Kollaboration in der Forschung, Beschaffung und Angleichung der Systeme zwischen den Mitgliedsstaaten gibt. 2007 wurden 35 Prozent als gemeinsame Beschaffungs-Benchmark gesetzt, 2025 wurden 18 Prozent erreicht. „Es darf keine Egotrips der Mitgliedstaaten geben, wir haben keine Zeit. Wir müssen zusammenarbeiten – dann geht es schneller und es wird günstiger.“
Die Ukraine entwickelt in gigantischem Tempo Technologie. „Entwickeln, einsetzen, messen, nachjustieren, so funktioniert das“, erklärt Strack-Zimmermann. Auch der Gegner reagiert. Alles entwickelt sich aus der Lage heraus. Das ist so, weil es keine Regeln gibt. Der grausame Krieg sei ein Testfeld, was kann passieren und wie sieht eine Antwort aus. Nicht ohne Grund sind viele Unternehmen an der Seite der Soldaten vor Ort.
Gleichzeitig weiß Strack-Zimmermann, dass das Thema polarisiert: „Es ist nicht einfach, den Menschen die Situation zu erklären, aber die Lage ist nicht schön, und das nur 81 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieg. Aber wir müssen diese Debatte jetzt führen und die Menschen mitnehmen in die Realität, in der wir leider angekommen sind.“
Strack-Zimmermann schließt mit den Worten auf die Frage nach einer Vision in zehn Jahren: „Wenn ich noch lebe; das sage ich, weil ich habe nicht nur Freunde; dann muss die Ukraine Teil der EU sein. Für echten Frieden in Europa.“
Über die Autorin: Birgit Schaller ist bei der Content-Agentur BiSness und als Academic Expert FHWIen der WKW tätig.

Weitere Informationen:
Commitee on SEcurity and DEfense (SEDE) wurde 2004 gegründet und Anfang 2025 zu einem Hauptausschuss hochgestuft mit Marie-Agnes Strack-.Zimmermann als Vorsitzender.
SEDE und der Verkehrsausschuss arbeiten auch an einem Schengen-Abkommen für den Transport militärischer Waren ohne Grenzkontrollen, eine weitere Herausforderung.
Storm Shadow (F und GB) und Taurus (D) sind militärische Marschflugkörper, die von Kampfjets aus gestartet werden und feste Ziele über große Distanzen präzise zerstören können.
Österreich hat für 2025 rund 5,6 Mia Euro als Verteidigungsbudget geplant. Das meiste Geld werden Deutschland (95 Mia), Frankreich (62 Mia), Italien (35,5 Mia), Polen (29), die Niederlande (25,8) und Spanien (25,6) ausgeben. Nach BIP-Anteil lautet das Ranking: Polen, Litauen, Lettland, Estland, Dänemark, Griechenland.
Zu den größten Defense Unternehmen der EU zählen Thales, Leonardo, Airbus und Rheinmetall, wobei das höchstgerankte weltweit gesehen nur auf Rang 10 liegt. Die USA dominieren den Markt.
Es gibt 22 Ausschüsse des Europäischen Parlaments, die mit jeweils 25 bis 90 EU-Abgeordneten besetzt sind, sie befassen sich mit Legislativvorschlägen und ernennen Verhandlungsteams für Gespräche mit EU-Ministern.