GoStudent kauft Kursstandorte von Berlitz, weitet Offline-Strategie aus
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Warum online gehen, wenn es offline schon geht? Das Wiener EduTech-Unternehmen GoStudent kauft das Präsenzgeschäft von Berlitz in Deutschland. Wie Gründer und CEO Felix Ohswald soeben auf LinkedIn bekanntgab, hat GoStudent mit der Berlitz Corporation einen Vertrag zur Übernahme der Berlitz Deutschland GmbH unterzeichnet.
Damit wandern rund 50 Standorte, geförderte Integrations- und Berufssprachkurse, Weiterbildungen sowie telc-Prüfungszentren in die GoStudent Group. Das übernommene Geschäft kam zuletzt auf rund 40 Millionen Euro Umsatz. Der Vollzug ist bis Jahresende vorgesehen und steht unter den üblichen Bedingungen. Einen Kaufpreis nannte Ohswald nicht.
Was genau übernommen wird
Berlitz hat sein deutsches Geschäft zuvor in zwei Gesellschaften aufgeteilt. Die Berlitz Germany GmbH mit Firmenkund:innen und Online-Sprachtraining bleibt beim US-Konzern. An GoStudent geht die Berlitz Deutschland GmbH mit dem gesamten Angebot vor Ort: Kurse für Erwachsene, Kinder und Jugendliche, geförderte Sprach- und Weiterbildungskurse sowie Prüfungszentren an über 30 Standorten.
Die Marke bleibt erhalten. Berlitz Deutschland wird als Franchisepartner der Berlitz Corporation im Rahmen einer langfristigen Lizenzvereinbarung weitergeführt. Geschäftsführer Mattias Schwarz, seit fast 30 Jahren im Unternehmen, bleibt an Bord, ebenso das bestehende Führungsteam. Für Teilnehmer:innen laufender Kurse ändert sich laut GoStudent nichts. Berlitz-CEO Till Großmaß kommentierte den Deal knapp mit „Thanks for the trust“.
Die Logik hinter dem Deal
Ohswald begründet die Übernahme mit zwei Thesen. Erstens sortiere der Arbeitsmarkt zuerst nach Sprache und erst dann nach Qualifikation. Die Hälfte der Betriebe verlange bei Einstellungen mindestens Deutsch auf B2-Niveau, in reglementierten Berufen wie Medizin und Pflege sei das Sprachniveau Zulassungsbedingung. Zweitens ende der Bedarf nicht beim Integrationskurs, der auf B1 abzielt. Der Markt darüber wachse und werde anspruchsvoller: 2024 begannen laut Ohswald gut 190.000 Menschen einen Berufssprachkurs des BAMF, fast doppelt so viele wie zwei Jahre davor.
GoStudent will daraus ein Angebot aus einer Hand machen: Sprachkurs, anschließende Weiterbildung und Qualifizierung, finanziert etwa über Bildungsgutscheine. Genau dieser Bereich wachse bei Berlitz derzeit am schnellsten. Dazu kommt die Verbindung zur Nachhilfe: Bei der Tochter Studienkreis sei Deutsch in der Grundschule das meistgebuchte Fach, noch vor Mathematik. „Die Viertel, in denen nachmittags Kinder bei uns Deutsch üben, sind dieselben, in denen vormittags Erwachsene Deutsch lernen“, schreibt Ohswald.
Kauf trotz drohender Budgetkürzungen
Der Zeitpunkt ist riskant, und das räumt Ohswald selbst ein. Der Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 sieht rund 590 Millionen Euro für Integrationskurse und 400 Millionen Euro für Berufssprachkurse vor, gegenüber rund 1,8 Milliarden Euro, die 2025 ausgegeben wurden. Der Bundestag entscheidet im November. Bereits im Frühjahr wurde der Zugang zu Integrationskursen für Freiwillige ausgesetzt, der Kostensatz für die Träger ist seit 2022 eingefroren.
GoStudent plane nicht mit mehr Geld, kaufe aber trotzdem, so Ohswald. Er verweist auf den verpflichtenden Kanal mit rund 185.000 Teilnehmer:innen pro Jahr, den Ausbau der Berufssprachkurse durch das BAMF und das Weiterbildungsbudget der Bundesagentur für Arbeit, das für 2026 erstmals über vier Milliarden Euro liegt. Das Geschäft hängt damit stark von öffentlichen Mitteln ab, was Ohswald als „unberechenbarer“ als den elternfinanzierten Nachhilfemarkt beschreibt.
Vom Online-Unicorn zum Standortbetreiber
Der Deal setzt eine Strategie fort, die GoStudent seit einigen Jahren verfolgt. Das in der Pandemie als reine Online-Nachhilfeplattform groß gewordene Unternehmen übernahm 2022 den Nachhilfeanbieter Studienkreis mit heute mehr als 900 Standorten in Deutschland und setzt zunehmend auf Franchise-Nachhilfezentren. Ohswald formuliert die Erfahrung daraus so: Standorte seien der Anker für lokales Vertrauen, Online bringe die Reichweite. Online buchten Eltern vor allem Mathe, vor Ort sei Deutsch dreimal so präsent. „Deshalb kaufen wir Standorte.“
Mit Berlitz Deutschland wächst die physische Präsenz der Gruppe weiter, und zwar in einem Segment, das stark von Lehrkräften, Zulassungen und Beziehungen zu Jobcentern lebt. Solche Strukturen lassen sich schwer digital nachbauen, sind aber auch personalintensiv und margenschwächer als skalierbare Software.
Ein EduTech-Markt im KI-Umbruch
Die Übernahme fällt in eine Phase, in der generative KI das Geschäftsmodell vieler Bildungsplattformen infrage stellt. Wer heute eine Sprache üben will, kann mit ChatGPT, Gemini oder Claude Gespräche führen, sich Grammatik erklären und Texte korrigieren lassen, oft kostenlos und in Echtzeit per Sprachmodus. Das trifft vor allem spezialisierte Apps: Die Aktie von Duolingo geriet zuletzt wiederholt unter Druck, weil Anleger:innen fürchten, dass allgemeine KI-Assistenten dezidierte Sprachlern-Apps zunehmend ersetzen (Der Aktionär). Hausaufgabenplattformen wie Chegg haben bereits massiv an Wert und Nutzer:innen verloren.
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Schritt von GoStudent auch als Absicherung lesen. Präsenzunterricht, staatlich anerkannte Zertifikate und geförderte Kurse mit Anwesenheitspflicht sind Bereiche, die KI-Chatbots nicht ohne weiteres übernehmen können. Ein telc-Zertifikat auf B2-Niveau, das über eine Berufszulassung entscheidet, stellt kein Sprachmodell aus. Auch soziale Faktoren wie feste Lerngruppen, Betreuung und persönliche Ansprechpartner:innen spielen gerade für Zugewanderte eine Rolle.

