Übernahme

Emmi AI aus Linz macht Exit an Mistral AI, Milliarden-Bewertung steht im Raum

Johannes Brandstetter, Miks Mikelsons & Dennis Just. © Emmi AI
Johannes Brandstetter, Miks Mikelsons & Dennis Just. © Emmi AI

Es ist der bislang größte Coup eines österreichischen KI-Startups: Mistral AI, Europas wichtigster Gegenspieler zu OpenAI, Anthropic und Google, übernimmt das erst im Dezember 2024 als Spin-off von NXAI und der JKU Linz gegründete Unternehmen Emmi AI rund um KI-Forscher Johannes Brandstetter.

Mit dem Deal verschiebt sich die europäische KI-Landkarte spürbar. Mistral, das in den vergangenen Monaten mit Großaufträgen im neunstelligen Bereich von Industriekunden auf sich aufmerksam gemacht hat, vollzieht damit den nächsten strategischen Schwenk: vom generalistischen B2B-Anbieter zum Frontier-Lab für Industrial Engineering und Manufacturing. Linz wird dabei zu einem zentralen Standort dieser neuen Ausrichtung ausgebaut.

Vom JKU-Spin-off zur Mistral-Sparte

Emmi AI wurde im Dezember 2024 als Spin-off von NXAI von Johannes Brandstetter, Dennis Just und Miks Mikelsons gegründet und holte mit 15 Millionen Euro die größte Seed-Runde, die je ein österreichisches Startup eingesammelt hat – mit Speedinvest, Serena VC, 3VC und PUSH an Bord. Das Team aus mittlerweile rund 35 Forscherinnen und Forschern, unter anderem von JKU, Oxford, TUM, Sorbonne, UPenn und Harvard, spezialisierte sich auf Large Engineering Models und Physics AI: KI-Modelle, die physikalische Prozesse verstehen und simulieren können – von der Echtzeit-Stabilisierung von Stromnetzen über Spritzguss-Prozesse bis hin zu Crash-Tests in der Automobilindustrie.

Genau diese Expertise war es, die Mistral nach Linz lockte. „Mistral wird das erste Frontier-Lab für Industrial Engineering und Manufacturing“, sagt Brandstetter im Gespräch. „Diese Expertise haben sie selbst nicht, und das geht nur mit einer Acquisition. Wir waren da einfach technologisch führend.“ Mehrere andere Player hätten ähnliche Ideen verfolgt, was den Preis nach oben getrieben habe. Brandstetter hat Mistral-CEO Arthur Mensch zum Gespräch getroffen, zehn Tage später sei klar gewesen: Emmi macht den Exit an die Franzosen. Man wolle gemeinsam an etwas Großen bauen.

„Diese strategische Übernahme festigt die Führungsposition von Mistral AI im Bereich der industriellen KI und macht uns zum bevorzugten Partner für Hersteller in anspruchsvollen Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie oder der Halbleiterindustrie. Sie bietet unseren Kunden eine vollständig integrierte Plattform, mit der sie komplexe Herausforderungen bewältigen, zentrale F&E-Prozesse transformieren und hochwertige Innovationen vorantreiben können“, sagt Arthur Mensch, Mitbegründer und CEO von Mistral AI.

Arthur Mensch, Co-Founder and Chief Executive Officer, Mistral AI. ©2026 World Economic Forum / Ciaran McCrickard.
Arthur Mensch, Co-Founder and Chief Executive Officer, Mistral AI. ©2026 World Economic Forum / Ciaran McCrickard

Hauptsächlich Shares, wenig Cash

Über die genauen Konditionen des Deals herrscht offiziell Stillschweigen. Vermutlich läuft ein größerer Teil der Transaktion über Mistral-Anteile, ein kleinerer über Cash – das ist oft so bei Deals zwischen Startups. Brandstetter will sich zu den Details der Transatkion allerdings nicht äußern.

Mistral bringt Vertrieb, Infrastruktur und einen riesigen Kundenstock mit, Emmi AI das Talent und die technologische Tiefe. Vor allem um die Person Brandstetter als absolutes Top-Talent im KI-Bereich soll es gegangen sein.

Hier wird es für die Emmi-Shareholder – also die drei Gründer, das Team sowie die Investoren Speedinvest, Serena VC, 3VC und PUSH – besonders interessant. Mistral befindet sich Gerüchten zufolge in einer großen Finanzierungsrunde, die die Bewertung des französischen Unternehmens deutlich nach oben treiben wird. Mistral wurde zuletzt im September 2025 mit etwa 14 Mrd. Dollar (ca. 12 Mrd. Euro) bewertet. Legt man das enorme Wachstum von OpenAI, Anthropic, oder auch AI-Startups wie Cursor, Legora oder Lovable um, dann müsste Mistral bald in Richtung mehr als 40 Milliarden Euro gehen. Die Anteile, die die Emmi-Shareholder bekommen, würden dann ordentlich im Wert mitwachsen, dem Vernehmen nach eben in Richtung einer Milliarde Dollar.

Dass sich Mistral AI demnächst bei der Bewertung verdreifachen (von derzeit 12 Mrd. Euro auf 36 Mrd. Euro) könnte, ist nicht unwahrscheinlich, sieht man die Steigerungen anderer KI-Startups im letzten Jahr:

# Firma Vorherige Bewertung Aktuelle Bewertung Multiplikator
1 Anysphere (Cursor) 9,9 Mrd. USD (Juni 2025) 50 Mrd. USD (Apr 2026, in Gesprächen) 5,1x
2 Mercor 2 Mrd. USD (Feb 2025) 10 Mrd. USD (Okt 2025) 5,0x
3 Lovable 1,8 Mrd. USD (Mitte 2025) 6,6 Mrd. USD (Dez 2025) 3,7x
4 Helsing 5 Mrd. EUR (Juli 2024) 18 Mrd. USD (in Verhandlung, 2026) 3,6x
5 ElevenLabs 3,3 Mrd. USD (Jan 2025) 11 Mrd. USD (Feb 2026) 3,3x
6 Sierra 4,5 Mrd. USD (Okt 2024) 15 Mrd. USD (Mai 2026) 3,3x
7 Legora ca. 1,8 Mrd. USD (2025, Series C) 5,6 Mrd. USD (März 2026) 3,1x
8 Skild AI 4,5 Mrd. USD (Mitte 2025) 14 Mrd. USD (Jan 2026) 3,1x
9 Replit 3 Mrd. USD (Sept 2025) 9 Mrd. USD (März 2026) 3,0x
10 Shield AI 5,3 Mrd. USD (2024) 12,7 Mrd. USD (März 2026) 2,4x
11 Perplexity 9 Mrd. USD (Dez 2024) 20 Mrd. USD (Q4 2025) 2,2x
12 Anduril 30,5 Mrd. USD (Juni 2025) 61 Mrd. USD (Mai 2026) 2,0x
13 Synthesia 2,1 Mrd. USD (Jan 2025) 4 Mrd. USD (Jan 2026) 1,9x
14 Harvey 8 Mrd. USD (Dez 2025) 11 Mrd. USD (März 2026) 1,4x

Rechnet man die Anteile, die die Emmi-AI-Shareholder im Rahmen des Deals erhalten, zur erwarteten neuen Mistral-Bewertung hoch, dürfte das Paket auf einen Wert von rund einer Milliarde Euro klettern – sobald die nächste Mistral-Finanzierungsrunde abgeschlossen ist. Damit wäre der Exit von Emmi AI – sollte sich diese Rechnung bestätigen – die größte österreichische Tech-Geschichte und würde sich in einer Liga mit den bekanntesten heimischen Exits bewegen.

Damit dieses Papier-Vermögen real wird, braucht es allerdings ein Liquiditätsereignis. In der Branche ist ziemlich, klar, dass nur ein Börsengang von Mistral ein solches Ereignis sein kann. 2026 wird sich zeigen, ob Anthropic, SpaceX (mit starken KI-Storytelling) und/oder OpenAI an der Börse funktionieren, die nächsten Jahre dann könnte sich das Zeitfenster für Mistral öffnen. Der CEO von Mistral AI, Arthur Mensch, sagte kürzlich, Europa habe zwei Jahre Zeit, um zu verhindern, dass es zu Amerikas „Vasallenstaat“ in Sachen KI wird. Das bedeutet, dass ihm zufolge bis zum Jahr 2028 entschieden wird, ob Mistral funktioniert oder nicht.

Linz wird Mistral-Standort, Brandstetter wird VP AI for Science

Auch organisatorisch verändert der Deal viel. Das Linzer Büro, in dem bislang 15 bis 20 der überwiegend remote arbeitenden Emmi-Mitarbeiter saßen, wird auf 40 bis 50 Personen ausgebaut. Die Pariser Emmi-Mitarbeiter wandern ins Mistral-Headquarter, die Niederländer nach Amsterdam, die Münchner nach München. Mistral selbst beschäftigt mittlerweile rund 1.000 Personen und wächst Richtung 1.500.

Brandstetter selbst bleibt in Österreich, übernimmt aber eine zentrale Rolle im Unternehmen: Er wird VP AI for Science und damit direkt unter CEO Arthur Mensch und Chief Science Officer Guillaume Lample angesiedelt. Aus seiner Sicht ist die Übernahme ein Aqui-Hire: „Wir wissen, wie man so etwas macht, und das gibt es nicht oft.“ Die Marke Emmi AI wird langfristig in Mistral aufgehen, die österreichische Entität wird perspektivisch ebenfalls integriert.

Das Team von Emmi AI. © Emmi AI
Das Team von Emmi AI. © Emmi AI

Europa als Hauptmarkt, USA und Asien als Ergänzung

Strategisch zielt das gemeinsame Unternehmen vor allem auf die europäische Industrie ab. Brandstetter Energie-, Automobil-, Luftfahrt- und Halbleiterkonzerne als zentrale Zielkunden. „Europa ist stark vom Semiconductor-Manufacturing über Cars, Aviation bis Energy, das werden jetzt die großen Businessfelder.“

Daneben wolle man auch in Asien – etwa Südkorea, Japan und Singapur – sowie über das US-Standbein präsent sein. Der chinesische Markt bleibe schwierig. Ein direktes Pendant zu Mistrals Positionierung an der Schnittstelle KI/Industrie sehe er weder in den USA noch sonst irgendwo: „Es ist eine ziemlich einzigartige Positionierung. Wenn wir das jetzt richtig machen, ist das eine mega Chance.“

Compute, Open Source und die nächsten Modelle

Ein wesentlicher Pluspunkt von Mistral aus Sicht von Brandstetter ist die Infrastruktur: Das französische Unternehmen baut massiv eigene Rechenzentren auf, darunter ein großes Zentrum in Frankreich sowie eines in Schweden, ein weiteres in Europa ist geplant. Damit will Mistral mittelfristig vertikal integriert sein – also unabhängiger von Hyperscalern wie AWS.

Bei der Frage proprietär versus Open Source positioniert sich Brandstetter pragmatisch. Bei Large Language Models seien Architekturen mittlerweile austauschbar geworden, bei Engineering-Modellen sei das anders: „Die Sachen, die wir modellieren, sind sehr schwierig – wenn man die Modelle zeigt, gibt man viel her.“ Ziel sei es weiterhin, Modelle zu open-sourcen, „aber in welcher Form, das muss diskutiert werden.“

Ein Signal für den Standort

Für den Wirtschaftsstandort Österreich ist der Deal in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Ein knapp eineinhalb Jahre altes Spin-off der JKU Linz wird vom wichtigsten europäischen KI-Champion übernommen, das Linzer Büro wird ausgebaut statt abgewickelt, und die KI-Achse zwischen Frankreich und Österreich erhält eine völlig neue Qualität. Ob aus der erwarteten Milliardenbewertung tatsächlich auch ein Milliarden-Exit in Cash wird, hängt nun vom weiteren Erfolg Mistrals und einem möglichen Börsengang ab.

Klar ist aber schon jetzt: Emmi AI hat in weniger als 18 Monaten geschafft, wovon viele heimische Startups jahrelang träumen – und setzt damit einen neuen Maßstab für die österreichische KI-Szene. „Dieser Deal zeigt wirklich, dass wir hier in Österreich super Leute haben, die international für Aufsehen sorgen. Was Johannes mit einem sehr kleinen Team und der Seed-Runde von 15 Millionen Euro auf die Beine gestellt haben, ist beispiellos. Sie haben innerhalb von 18 Monaten zwei eigene KI-Modelle auf den Markt gebracht, das ist eine außergewöhnliche Leistung“, sagt Peter Lasinger von Investor 3VC.

Der Zeitpunkt, den Exit zu machen, sei richtig, auch wenn er so nie geplant war. „Derzeit kristallisieren sich die Gewinner der KI-Welt heraus, und es ist eine enorme Chance, sich dem europäischen Marktführer anzuschließen. Mistral AI ist das einzige Unternehmen in Europa, dass es mit OpenAI oder Anthropic aufnehmen kann. Durch den Zusammenschluss mit Mistral sind massive Wertsteigerungen möglich, weil es so eine langfristige Vision gibt.“ Es sei ein enormer Wettbewerb um Talente entbrannt, und der Zugang zu den Compute-Ressourcen von Mistral (ein Ausbau auf Rechenkapazitäten von einem Gigawatt sind geplant) wären essenziell.

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