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fonio.ai: Bewertung steigt auf 120 Millionen Euro – 14,6 Mio. Euro in der Seed-Runde

The Fonio Team. © Fonio.ai
The Fonio Team. © Fonio.ai

Das Wiener Startup fonio.ai hat eine Seed-Runde über 14,6 Millionen Euro abgeschlossen – angeführt von Harry Stebbings‘ 20VC und mit einer Bewertung von 120 Millionen Euro, die laut Unternehmen zu den Top 1 % der europäischen Seed-Runden der vergangenen zwei Jahre zählt. Mit dabei sind auch Gründer und Führungskräfte von Synthesia, HubSpot und Revolut. Damit summiert sich das eingesammelte Kapital seit der Angel-Runde im Dezember 2025 auf über 20 Millionen Euro.

Gegründet im Herbst 2024 von Daniel Keinrath und Matthias Gruber, hat fonio.ai in weniger als zwei Jahren über 7.000 Kund:innen gewonnen und ist nach eigenen Angaben Marktführer in der DACH-Region. Was als KI-Telefonassistent für KMU begann, entwickelt sich nun zu einer Omnichannel-Plattform für die gesamte Kundenkommunikation – von Telefonie über WhatsApp bis hin zu E-Mail, Chat und einem eigenen CRM. Parallel treibt das Unternehmen seine internationale Expansion mit neuen Büros in New York, München, Mailand, Paris, London, Warschau und Barcelona voran.

Wir haben mit Co-Founder und CEO Daniel Keinrath über die Runde, den Sprung vom Voice-Agenten zum „Betriebssystem für KMU“ und seine globalen Ambitionen aus Europa heraus gesprochen.

Trending Topics: Den meisten Hörerinnen und Hörern ist fonio bereits bekannt – ihr automatisiert Anrufe bei Unternehmen mit KI-Stimmen. Wo steht fonio Mitte 2026?

Daniel Keinrath: Im Bereich der KI-Telefonie sind wir nicht nur gewachsen, wir haben uns auch technologisch weiterentwickelt. Der größte Durchbruch war, dass wir vor drei Wochen unser eigenes Turn-Detection-Modell gelauncht haben und damit weltweit zu den Top-Playern gehören. Wir schlagen dabei zum Beispiel die Benchmarks von PlayHT, ElevenLabs etc.

Um das einzuordnen: Damit eine Telefonie-KI gut funktioniert, muss man drei Dinge lösen. Das erste ist die Stimme – die ist seit etwa einem Jahr ganz okay, nicht perfekt, aber okay; da setze ich ein Häkchen drunter. Das zweite ist die Latenz. Da gibt es diese magische Schwelle von 800 Millisekunden, damit sich eine KI wie ein Mensch anhört – die haben wir vor ein paar Monaten geknackt. Und das dritte ist die sogenannte Turn Detection, mit der die meisten Anbieter weltweit noch kämpfen: zu erkennen, wann ein Mensch wirklich fertig gesprochen hat oder nur eine rhetorische Pause macht, etwa wenn er seine E-Mail-Adresse buchstabiert. Wenn das nicht gut funktioniert, fällt man sich gegenseitig ständig ins Wort – genau das ist das Unangenehme an Gesprächen mit einer KI. Das haben wir vor drei Wochen gelöst, ein riesiger technischer Sprung. Und unabhängig davon haben wir letzte Woche zusätzlich einen zweiten Kanal eröffnet: Es gibt jetzt nicht mehr nur KI-Telefonassistenten, sondern auch WhatsApp-Agents.

Bleiben wir kurz bei der KI-Telefonie: Ist das ein eigenes, proprietäres Modell, das euch einen Vorsprung verschafft?

Ja. Die kurze Antwort ist: ja, ein eigenes Modell. Ich möchte aber bewusst nicht ins Detail gehen, wie wir das technisch gemacht haben – wir haben da einen echten Durchbruch geschafft, den bisher nicht einmal unsere Mitbewerber hinbekommen haben. Wir bekommen entsprechend viele Anfragen, ob andere das nicht lizenzieren können. Genau deshalb möchte ich nicht offenlegen, wie wir das gelöst haben.

Aber es eröffnet neue Geschäftsmodelle – man könnte das ja per API gegen Gebühr anderen zur Verfügung stellen.

Genau, aber das ist ein Ansatz, den wir bei fonio bewusst nicht verfolgen. Wir glauben, dass im KI-Zeitalter vor allem Distribution extrem wichtig wird, weil viele Technologien zur Commodity werden. Da ist es enorm wertvoll, ein paar Monate technologischen Vorsprung in einen Distributionsvorsprung umzumünzen. Am Ende des Tages ist das Wichtigste, dass man die Kundenbeziehung hält – jede Lösung, die ge-white-labelt oder lizenziert ist, bekommt über kurz oder lang Probleme.

War dieser technische Durchbruch der Auslöser für die Finanzierungsrunde?

Nein, die Runde gab es schon vorher. So eine Finanzierungsrunde bahnt sich ja immer an, das ist ein längerer Prozess. Bei uns ging es allerdings sehr schnell: Wir wurden sozusagen pre-empted. Wir hatten kein Pitch-Deck, keinen Finanzplan, gar nichts – und wir haben auch keinen offiziellen Fundraise gemacht. Nachdem wir so schnell gewachsen sind, kamen direkt nach der vorigen Runde immer wieder Anfragen von Investoren. Mit 20VC haben wir uns immer sehr gut verstanden, die passten auch vom Stil her zu uns. Sie haben ein sehr gutes Offer gemacht, und der ganze Prozess hat von Anfang bis Ende rund drei Wochen gedauert – das ist schon recht knackig. Hat Spaß gemacht.

Die Bewertung liegt jetzt bei 120 Millionen Euro, die Runde bei 14,6 Millionen Euro. Warum 20VC? Was macht den Investor besonders?

20VC hat einen sehr ähnlichen Ansatz wie wir. Uns ist extrem wichtig zu zeigen, dass man auch aus Europa eine große Tech-Firma bauen kann – „Europe first“, mutig sein, im Bewusstsein, dass man das aus Europa schaffen kann. Das hat gepasst wie die Faust aufs Auge. Was ich außerdem hervorheben möchte: Die Truppe ist extrem gründerfreundlich. Ich kann nicht ins Detail gehen, wie die Terms genau aussehen, aber so viel: Es ist – unabhängig von der Equity – noch immer die Firma von Matthias und mir. Das ist bei Runden in diesem Volumen relativ selten.

Es waren noch einige prominente Namen dabei – von Revolut soll auch jemand investiert haben, oder?

Genau, wir haben Gründer und Leute aus der Führungsriege von richtig coolen Companies dabei, unter anderem von Revolut und Meta. Das ist mittlerweile sehr cool und macht auch vom Netzwerk her viel Spaß. Besonders hervorheben möchte ich Harry von 20VC. Es ist krass, was sie unabhängig vom Kapital an Netzwerk zur Verfügung stellen: Es gibt einen WhatsApp-Chat, und egal, was du brauchst – du schreibst es rein und bekommst es. Wenn ich es darauf anlegen würde, könnte ich nächste Woche wahrscheinlich mit dem Gründer eines Top-Unternehmens kurz quatschen. Das ist wirklich verrückt.

14,6 Millionen Euro – was macht ihr damit?

Das Verrückte ist, dass es sich langsam gar nicht mehr nach so viel Geld anfühlt. Konkret machen wir zwei Dinge damit. Erstens: das Produkt weiterentwickeln. Wir expandieren vom reinen Telefonie-Angebot zu einer Kommunikationssuite für KMU – neben WhatsApp kommt jetzt, dass wir automatisch E-Mails übernehmen können, Chatbots, ein eigenes CRM und noch ein paar Dinge. Zweitens: global expandieren. Das Coole ist, dass wir mittlerweile ein Playbook haben, wie wir in Märkte eintreten. Wir launchen einen Markt nach dem anderen, haben viele Fehler gemacht und einiges gelernt.

Viel von dem Geld ist auch dafür da, die Customer Acquisition Costs vorzustrecken. Für alle, denen das nichts sagt: Die Customer Acquisition Cost ist, vereinfacht, wie viel dich ein Kunde an Werbeausgaben kostet. Als SaaS-Unternehmen gibt es eine goldene Regel: Du willst, dass sich diese Kosten in unter zwölf Monaten amortisieren. Beispiel – das sind keine echten Zahlen: Wenn wir pro Kunde im Schnitt 200 Euro im Monat verdienen und die Akquise 1.000 Euro kostet, liegt die Payback-Time bei fünf Monaten. Dann ergibt es Sinn, sogar noch schneller und aggressiver Geld auszugeben, solange du unter diesen magischen zwölf Monaten bleibst. In einem so schnell wachsenden Markt wie unserem macht das viel Sinn, weil unsere Zahlen dabei sehr gut waren.

Deshalb war der Deal für uns ein No-Brainer: Wir führen die Firma so, dass wir unsere Fixkostenstruktur komplett decken – wir würden aktuell rund 100.000 Euro Profit pro Monat machen. Bewusst lagern wir die Akquisekosten vor: viel Kapital, das man im Vorhinein reinsteckt und das sich dann amortisiert. Man könnte das genauso gut mit Krediten machen – wäre als Startup nur etwas verrückter. So nutzen wir einen Teil der Runde für genau diese Dynamik.

Das heißt, ihr investiert jetzt viel in Marketing, um neben Österreich, Deutschland und der Schweiz weitere Märkte intensiver anzugehen.

Genau. Seit Anfang des Jahres sind wir auch in Frankreich und Italien recht präsent und dort auf dem besten Weg zur Marktführerschaft. Gleichzeitig sind wir mittlerweile in Polen, UK, den USA, Brasilien und den Niederlanden – und jetzt kommt noch Spanien dazu. Dann sind wir mit unseren Kernmärkten durch und fokussieren uns darauf, sie aufzubauen. Es ist schon eine richtige Maschinerie, die da läuft.

Du bist Marketing-affin, kommst aus dem Micro-Influencer-Bereich. Die Marketingstrategien kommen also stark von dir, während dein Co-Founder die technische Seite abbildet?

Ja, genau. Matthias und ich haben eine recht lustige Beziehung, die von Anfang an gut funktioniert hat. Ich bin zwar der CEO, aber wir haben eine strikte Aufgabenteilung: Im Grunde bin ich CEO auf der Commerce-Seite, er CEO auf der Product-Seite. Wir agieren eigentlich wie zwei Solo-Founder. Ich habe tiefes Vertrauen, dass Matthias die richtigen Produktentscheidungen trifft; ich liefere ihm die Daten dazu, wie es um den Kunden steht – er hat aber auch viel Kundenkontakt und mittlerweile ein relevantes Team. Und ich treffe alle Commerce-Entscheidungen, also alles, was nicht Product ist: Marketing, Sales, Finance, Operations und so weiter. Wir quatschen meist nur etwa 30 Minuten am Tag, recht ungezwungen, und dann macht jeder sein Ding. Es ist fast, als ob wir zwei Firmen führen – funktioniert aber großartig, weil wir so schnell in der Execution sind.

Was sind für dich die relevanten Marketingkanäle, gerade über verschiedene europäische Märkte hinweg?

Witzigerweise ist Marketing in Europa ähnlicher, als man glauben würde. Vorab zur Einordnung: Wir versuchen keine klassische B2B-Brand zu bauen – das ist meist langweilig und zu brav. Wir müssen schnell und mutig sein. Wir bauen die Brand eher wie Gymshark, nur für B2B – also viel mit Influencern, viel Performance-Marketing, viel über Partner. Das funktioniert großartig, und wir sind dabei sehr KPI-getrieben: Wir wissen genau, welcher Kunde welche Touchpoints mit uns hatte und was uns jeder Touchpoint kostet.

Auch die USA sind ein Zielmarkt. Ihr seid ein europäischer Player – wie geht man so einen riesigen, noch teureren Markt an?

Anfangs waren neue Märkte für mich kognitive Barrieren – ich habe mich gefragt, wie wir das schaffen. Mittlerweile überdenken wir das nicht mehr. Das Coole ist: Weil wir an KMU verkaufen, brauchen wir nicht zwingend in jedem Markt „Boots on the Ground“. Wir heuern zwar lokal Leute an – neben mir im Büro sitzen mittlerweile fünf Italiener –, aber zwingend nötig wäre das nicht. Im Enterprise-Sales bräuchtest du diese physischen Touchpoints, bei uns nicht.

Wenn wir in einen Markt gehen, definieren wir ein Budget. Für Frankreich waren das Anfang des Jahres etwa 200.000 Euro – Geld fürs Experimentieren. Das Ziel: verstehen, ob unser Pricing funktioniert, ob wir akzeptiert werden, wie die Konkurrenz tickt. Danach entscheiden wir: bleiben oder gehen. Gleichzeitig machen wir immer einen Hire, der wie ein „Commerce Co-Founder“ für diesen Markt ist – im Grunde mein Profil für das jeweilige Land. In Frankreich ist das zum Beispiel der Mana, der zuvor schon eine Series-A-Company aufgebaut und einen zweistelligen Millionenbetrag aufgestellt hat. In Italien ist es der Marco, der als Founder schon eine Firma mit über 50 Mitarbeitern hatte. Diese Leute machen die Zero-to-One-Arbeit – Support, Sales, Marketing, überall. Diese Kombination hat uns irrsinnig schnell gemacht, und das ziehen wir für jeden Markt durch, auch in Brasilien.

Damit kommst du mit relativ wenig Budget aus – 200.000 Euro sind nicht nichts, aber im Business-Kontext überschaubar – und kannst gute Märkte antesten. Wir haben festgestellt, dass wir technologisch so früh dran sind, dass wir global gesehen – das klingt verrückt – zu den größten Playern gehören: bei einem ARR von knapp unter 7 Millionen Dollar. Groß sind wir damit nicht, aber wir sind vorne dabei, weil im Moment niemand richtig für KMU baut. Entsprechend gab es nichts, was gegen die USA spricht. Es heißt einfach: dasselbe Playbook, nur größer und schneller.

Also: einem Markt ein Budget und eine verantwortliche Person geben, schauen, wie weit man kommt, dann über die strukturierte Bearbeitung entscheiden.

Genau – und ein paar Dinge musst du immer machen. Wir haben dafür eine Prioritätenliste. Ganz oben steht immer Translation, sonst versteht dich niemand. Darunter kommt Social Proof – das dauert: Presse, Influencer, Reviews. Wenn jemand googelt „Is fonio legit in Italy?“, soll er gute Reviews finden und sehen: Das ist eine ordentliche Firma. Und erst danach kommen Marketing und Sales. Genau darauf zielt auch unser Marketing ab: Um Social Proof aufzubauen, haben wir bewusst stark auf Influencer gesetzt und dann weiter auf Performance-Marketing – viel Meta Ads, LinkedIn, TikTok und Google waren unsere Hauptkanäle.

Mich verwundert, dass KI-Telefonie gerade jetzt so abhebt. Die Telefonie-Minuten gehen seit Jahren zurück, die Leute telefonieren ungern. Hast du eine Erklärung?

Die Erklärung ist naheliegend. Das Problem war von Anfang an dasselbe und ist es bis heute: Die meisten unserer Kunden verlieren zwischen 20 und 50 Prozent ihrer Anrufe. Es sind meist Unternehmen mit 10 bis 100 Mitarbeitern, und bei vielen Anrufen ist es extrem schwierig, dafür richtig zu heuern. Stell dir einen kleinen Betrieb vor: Da stellst du niemanden nur für Kommunikation ein, das macht irgendjemand mit. Besonders nervig, weil ständig das Telefon klingelt und man sich nie auf die Arbeit fokussieren kann.

Spannend wird es, sobald man ein Team aufbaut. Dann hast du eine oder zwei Personen, die eigentlich den ganzen Tag kommunizieren – E-Mails, Telefonate. Das Problem: Anrufe kommen vor allem zu den Kernzeiten rein, also vor der Arbeit, in der Mittagspause oder nach der Arbeit. Um zehn Uhr vormittags kommt wenig rein, dein Team hat wenig zu tun – aber in den Stoßzeiten schaffst du nicht alles. Eine dritte Person holst du dafür auch nicht rein. Deshalb ist es für Unternehmen ein No-Brainer zu sagen: Wir wollen einfach erreichbar sein. Und fairerweise: Anfangs war unser Produkt noch nicht top. Mittlerweile sind wir sehr gut – aber selbst als wir noch wackelig waren, hat es gereicht, dass wir einen Teil der Anrufe entgegennehmen konnten. Das war schon eine riesige Erleichterung.

Diese Randzeiten sind also der Hebel.

Ja, beziehungsweise das ist unser Way-in – und danach werden wir im Unternehmen meist weiter ausgerollt.

Ihr rollt jetzt weiter aus: WhatsApp, E-Mail-Beantwortung. Im letzten Interview habt ihr gesagt, ihr wollt ein CRM-Player werden. Ist das noch der Plan?

Ja, wir haben sogar einen Vierstufenplan. Im Zuge des Fundraisings haben wir – um die Kommunikation nicht zu überstrapazieren – nur die ersten drei genannt. Step 1 war immer, der beste KI-Telefonassistent für KMU zu werden; das traue ich mich jetzt frech zu behaupten – Häkchen drunter. Step 2 ist, Kommunikation holistisch anzubieten. Wir hören oft, dass der KI-Telefonassistent neben ChatGPT und Co. für viele Unternehmen das erste Mal ist, dass sie ein Gefühl für KI bekommen – und sie merken, wie einfach das einzurichten ist. Dann kommt oft die Frage: Könnt ihr nicht auch E-Mails übernehmen, Chatbot, WhatsApp? Step 3 ist das CRM, und das ergibt sich sehr natürlich. Viele Kunden wollen, dass die KI mich beim Anruf mit Vor- und Nachnamen und Adresse erkennt, weil es um meine Bestellung geht – beim nächsten Mal ist das gespeichert, und wir fragen nur noch: „Stimmt deine Adresse noch?“, weil wir dich an der Rufnummer erkennen. Und wenn du dann eine E-Mail schreibst, können wir denselben Kontext ziehen. Wir erkennen schon heute per KI Variablen aus den Gesprächen und speichern sie ab – innerhalb von fonio gibt es also bereits eine Vorstufe eines CRM, die wir weiter ausbauen.

Der letzte Schritt – dafür habe ich noch keinen sexy Namen – ist, das „AI Operating System“ für KMU zu werden. Die Idee geht ein bisschen in Richtung OpenClaw: Da hat man zum ersten Mal gespürt, wie es sich anfühlt, wenn ein KI-Agent wirklich selbstständig agiert. Das Problem mit OpenClaw und Co. ist, dass es sehr zufällig ist – man weiß nicht genau, was die Dinger tun, deshalb ergibt es im Business-Kontext wenig Sinn. Aber es war das erste Mal, dass man ein Gefühl dafür hatte, wie ein KI-Mitarbeiter aussehen kann. Unser Ziel ist, echte KI-Mitarbeiter vor allem im Bereich Kommunikation anzubieten. Das funktioniert, weil man bei Systemen wie OpenClaw zwei Probleme hat: Kontext und Trigger. Kontext haben wir enorm viel, weil unsere Kunden, die fonio intensiver nutzen, ihre Wissensdatenbanken und PDFs bei uns hochladen – alles DSGVO-konform gespeichert. Und die Trigger: Die KI soll nur dann aktiv werden, wenn es etwas zu tun gibt, und nicht ständig zufällig Dinge in der Firma machen. In den meisten Unternehmen sind diese Trigger kommunikationsbasiert. Das ist die Basis, um eine KI dazu zu bringen, wirklich logische Dinge im Unternehmen durchzuführen. Da wollen wir langfristig hin.

OpenClaw und Peter Steinberger – auch ein Österreicher – sind also auch an euch nicht spurlos vorbeigegangen?

Absolut. Es war unglaublich – im Moment ist es noch in der Phase der Inspiration. Im B2B-Kontext ist es meiner Meinung nach noch nicht anwendbar, aber wir arbeiten viel mit ähnlichen Technologien und sind extrem bullish, dass das Ganze funktionieren wird.

Es gibt andere Startups in der KI-Telefonie, oft spezialisiert – die einen auf Hausverwaltung, die anderen auf Arztpraxen. Ist das sinnvoll, oder deckt ihr das ohnehin mit ab?

Als Matthias und ich gestartet sind, haben wir auch nach dem ICP gesucht, dem Ideal Customer Profile. Nach dem Startup-Playbook baut man nicht für alle, sondern für eine Kategorie – Ärzte, Hausverwaltungen, Autohäuser. Wir waren pragmatisch und haben anfangs trotzdem breit Sales und Marketing gemacht und nach einigen Kundeninterviews geschaut, wo wir den meisten Mehrwert generieren. Verstanden haben wir: Der ICP liegt nicht in der Branche, sondern im Anwendungsfall. Der Anwendungsfall ist zum Beispiel die Terminvereinbarung – und die ist ziemlich egal, ob bei der Hausverwaltung, beim Arzt, beim Zahnarzt oder bei wem auch immer. Die Logik des Gesprächs ist dieselbe.

Was nach außen passiert, ist also eher eine Branding-Aktivität. Nach innen ist die einzige Schwachstelle, die wir als größerer Player haben, das Thema Integrationen – das muss man natürlich machen. Dafür haben wir mittlerweile einen Integrationsmarktplatz und releasen gerade rund fünf Integrationen pro Woche. Wir fokussieren uns also bewusst weiter darauf, breit zu gehen. Es wird einzelne Branchen geben, in denen andere stärker sind als wir. Aber zur Einordnung: Wir haben knapp 10.000 Unternehmen als Kunden, davon sind etwa 15 Prozent Hausverwaltungen – also rund 1.500. Damit sind wir streng genommen auch der größte Hausverwaltungs-Player in unserem Bereich. Für uns ergibt es trotzdem keinen Sinn, uns „Hausverwaltung“ auf die Brust zu schreiben, weil wir viel mehr Skaleneffekte bekommen, wenn wir es auch für andere anbieten – das macht das Produkt besser und günstiger. Das ist ein bisschen risky, funktioniert aber bislang gut.

Du hast das Stichwort Distribution genannt. Viele sagen, diese Technologie wird zur Commodity – wie Strom, Wasser, Internet: niedrige Margen, jeder hat es. Den Unterschied macht die Reichweite. Wie kriegt man Distribution als Startup hin?

Das ist die 1.000-Euro-Frage. Du brauchst dafür zwei Dinge. Das merke ich auch beim Hiring eines Head of Marketing: Es gibt eigentlich nur zwei Profile – die Scientists, die alles sehr analytisch machen, und die Kreativen. Du willst in der Company beides haben. Du brauchst den kreativen Angle, also dass Leute mit coolen Ideen kommen. Und du willst „Pattern Breaking“ schaffen. Das Schlimmste, was du als Firma machen kannst – und die meisten B2B-Unternehmen tun das –, ist zu glauben, du brauchst einen braven Online-Auftritt, um seriös zu wirken. Das Problem: Wenn du nicht Google bist, hast du nicht das Budget, um mit einem braven Auftritt zu gewinnen. Stell dir vor, du scrollst durch Instagram, eine Story nach der anderen. Wann bleibst du hängen? Wenn am Anfang etwas anders ist, das unsere kurze Aufmerksamkeitsspanne catcht. Genau das musst du auch als B2B-Unternehmen hinbekommen. Pattern Breaking ist enorm wichtig – das ist die Foundation.

Alles, was danach kommt, ist für mich eher Science: Wie baust du deine Budgets so kontrolliert auf, dass du viel ausgeben kannst? Wir geben mittlerweile knapp unter 700.000 Euro im Monat aus – profitabel. Das ist eine Maschinerie aus strikten Systemen, in die immer mehr Geld fließt und die überall weiter skalieren muss. Dafür brauchst du eher den Wissenschaftler, der sich jeden Schritt anschaut – wie jemand mit der Werbung, dem Influencer, der Message interagiert – und immer tiefer reingeht, weil schon vier Prozent Optimierung bei diesen Budgets einen großen Unterschied machen. Ich hoffe, die Antwort war nicht zu schwammig.

Spannend ist sie auf jeden Fall. Diese Marketingmaschine läuft also: oben Geld rein, unten mehr Geld raus – das Optimum für jeden Investor. Wohin soll das gehen? Profitabilität wäre möglich, wenn ihr vom Gas geht.

So groß wie möglich. Wir haben jetzt echt die Chance, das Ding global zu gewinnen. Wir hören erst auf, vom Gas zu gehen, wenn wir sehen, dass es jemand anderer besser macht. Gerade ist der Hunger und die Ambition klar da, der Welt zu zeigen, dass man das aus Österreich und Europa schaffen kann. Realistisch wird man also auch die nächsten Jahre noch etwas von uns hören.

Wo sind eure großen Konkurrenten? Die großen Player – nehmen wir Google – könnten so eine KI direkt in Android und damit ins verbreitetste Betriebssystem der Welt einbauen.

Da tatsächlich weniger. Google bietet das schon seit über einem Jahr an – weiß nur niemand. Microsoft genauso, und OpenAI hat auch eine Variante, mit der man sich so etwas relativ einfach zusammenbauen kann. Das Problem ist, dass das alles nicht zu Ende gedacht ist. Es sind großartige Unternehmen, und es steht mir nicht zu, darauf herumzuhacken, aber die Wahrheit ist: Es ist auf Großkunden ausgelegt, und für Unternehmen wie unsere Kunden ist es wieder einen Ticken zu technisch, um damit zu arbeiten. Auf dieser Ebene sehen wir weniger Gefahr.

Wir gehen davon aus, dass vor allem Anbieter, die heute in traditionellen Kommunikationsbereichen unterwegs sind – etwa Telefonanlagen – und schon auf einer großen Customer Base sitzen, mit der Zeit den Switch machen werden. Gleichzeitig passiert bei uns gerade dasselbe: Wir breiten uns immer weiter in andere Kommunikationsrichtungen aus. Dann ist die Frage, wer das beste Gesamtangebot hat – denn was wir sehen, ist, dass Kunden einen Anbieter wollen und nicht 17 Systeme. Ich glaube, noch dieses Jahr wird dieser Wettkampf härter. Aktuell ist es eigentlich recht entspannt.

Noch eine technische Frage: Es gibt viele Hacker, die KI-Modelle jailbreaken oder Prompt Injections versuchen. Passiert das auch bei euch – versucht jemand, über die Telefonleitung in Systeme einzudringen?

Ja, klar, das passiert tagtäglich. Aber wir haben dagegen mittlerweile sehr gute Systeme am Laufen. Bisher hatten wir tatsächlich keinen schwerwiegenden Fall. Ich muss das in Relation setzen: Gerade weil es ständig passiert, haben wir sehr solide Systeme gebaut, die kaum zu umgehen sind – es ist bei unseren Kunden de facto kein Thema. Das ist kein PR-Blabla für den Podcast: Wir haben extrem starke Guardrails gebaut, und du kannst die KI kaum aus dem Konzept bringen.

Allerletzte Frage: 2026 wird in Europa stark über digitale Souveränität diskutiert. Wie wichtig ist das für euch und eure Kunden? Ihr arbeitet ja mit US-Modellen – denkt ihr über ein rein europäisches Angebot nach, etwa nur mit Mistral-Modellen?

Dazu muss man sagen: Wir arbeiten zwar mit US-Anbietern, schließen aber Verträge nur mit europäischen Entitäten, und es fließen niemals Daten an die US-Anbieter. Das ist ein wichtiges Sternchen – alles ist in Europa gehostet. Und kurz und klar: Ja, zu 100 Prozent wollen wir ein rein europäisches Angebot machen. Die Herausforderung ist, dass Mistral im Moment leider noch nicht stark genug ist. Wenn ein Kunde es will, machen wir es – aber dadurch, dass wir höchst DSGVO-konform sind und Krankenhäuser als Kunden haben, die uns von vorn bis hinten durchauditiert haben, nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, wo es noch strikter ist, gibt es für unsere Kunden eigentlich keinen Grund, sich etwas anderes zu wünschen – weil sie damit aktuell ein schlechteres Produkt bekämen.

In dem Moment, in dem Mistral auf ein Niveau nachzieht, das meinetwegen 20 Prozent schlechter, aber nutzbar ist, machen wir das. Heute ergibt es für uns leider noch keinen Sinn. Und am Ende wollen unsere Kunden vor allem eines: Wenn sie mit uns arbeiten, wissen sie, dass sie den besten KI-Telefonassistenten bekommen, können den Kopf abschalten und müssen sich nicht überlegen, wo sie ein besseres Modell herbekommen.

Daniel, vielen Dank für die Einblicke in fonio und die aktuelle Finanzierungsrunde. Weiter viel Erfolg und alles Gute!

Danke dir, Jakob – hat Spaß gemacht. Ciao, ciao.

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