Future{hacks}: Wer baut eigentlich die IT der Zukunft?
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Wir diskutieren gerade erstaunlich viel darüber, wie die IT der Zukunft aussehen wird. Welche Aufgaben übernehmen Coding Agents? Welche Skills brauchen Entwickler:innen noch, wenn KI immer mehr Code erzeugt? Werden Teams kleiner? Wird Architektur wichtiger? Und was bedeutet eigentlich Seniorität, wenn der nächste Codeblock in Sekunden generiert ist?
Alles berechtigte Fragen.
Aber vielleicht übersehen wir dabei eine ziemlich grundlegende:
Wer baut diese IT der Zukunft eigentlich?
Die IT hat schließlich ein bemerkenswertes Talent dafür, sich immer wieder neu zu erfinden. Cloud, Smartphones, DevOps, Plattformen und jetzt KI. Technologien und Arbeitsweisen, die vor wenigen Jahren noch neu waren, sind heute selbstverständlich oder schon wieder überholt. Nur bei der Frage, wer Teil dieser Branche ist, scheint unsere Veränderungsgeschwindigkeit eine andere zu sein.
Zwischen 2008 und 2022 ist die Zahl der Beschäftigten in der österreichischen IKT-Branche von knapp 74.000 auf mehr als 120.000 gestiegen. Das entspricht einem Wachstum von rund 65 Prozent. Der Frauenanteil lag 2008 bei 28,3 Prozent und 2022 bei 29,2 Prozent. Europaweit sieht es nicht grundlegend anders aus. 2025 waren 19,5 Prozent der IKT-Fachkräfte Frauen, gerade einmal drei Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor.
Eine Unterscheidung ist mir hier wichtig: Diese Zahlen erfassen Frauen. Die für diesen Vergleich verfügbaren Statistiken von AMS und Eurostat unterscheiden beim Geschlecht zwischen Frauen und Männern. FLINTA*, also Frauen*, Lesben*, inter*, nicht-binäre*, trans* und agender* Personen, ist eine größere Gruppe, für die es keine vergleichbaren Zahlen gibt. Aus Zahlen über Frauen sollten wir deshalb keine Zahlen über FLINTA*-Personen machen. Aber diese Zahlen zeigen eine bemerkenswerte Stagnation in der Zusammensetzung der IT.
Technologisch hat sich die IT in diesen Jahren mehrfach neu erfunden.
Ihre Zusammensetzung?
Eher nicht.
Und vielleicht ist ausgerechnet KI ein guter Anlass, darüber nachzudenken. Der Zeitpunkt ist interessant, weil wir gerade ohnehin ziemlich grundlegende Annahmen über unsere Arbeit infrage stellen. Gleichzeitig wäre es zu einfach zu glauben, KI würde dieses Problem lösen.
KI kann heute in Sekunden Code produzieren, für den wir früher deutlich länger gebraucht hätten. Gleichzeitig misstrauen laut Stack Overflow mehr Entwickler:innen der Korrektheit von KI-Ergebnissen, als ihnen vertrauen. Zu den häufigsten Ärgernissen gehören Antworten, die fast richtig sind, aber eben nur fast. Code zu produzieren wird also einfacher, doch zu beurteilen, ob dieser Code richtig ist, ob er das richtige Problem löst und welche Folgen eine technische Entscheidung hat, verschwindet deshalb nicht.
An dieser Stelle lohnt es sich, noch einen Schritt weiterzugehen, denn KI entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch ihre Entwicklung ist stark männlich geprägt. Nach Zahlen der UNESCO sind nur rund 20 Prozent der Beschäftigten in technischen Rollen großer Machine-Learning-Unternehmen Frauen. Unter KI-Forscher:innen sind es demnach nur 12 Prozent.
Das bedeutet nicht, dass Männer einer KI einfach einen „männlichen Blick“ einprogrammieren. Verzerrungen können auf vielen Ebenen entstehen. Modelle lernen aus Daten, in denen sich gesellschaftliche Muster und Ungleichheiten wiederfinden. Gleichzeitig entscheiden Menschen, welche Daten verwendet werden, welche Probleme ein System lösen soll, wie Ergebnisse bewertet werden und wann ein Produkt gut genug ist, um eingesetzt zu werden.
Das ist mehr als eine theoretische Debatte. UNESCO fand bei der Untersuchung großer Sprachmodelle weiterhin deutliche Geschlechterstereotype. Frauen wurden beispielsweise häufiger mit häuslichen Rollen verbunden, Männer stärker mit Karriere und bestimmten Berufen. Bei einem Chatbot ist das bereits problematisch. Bei KI-Systemen, die Bewerbungen filtern, Kandidat:innen bewerten oder die Kreditwürdigkeit von Menschen einschätzen, können solche Verzerrungen reale Chancen beeinflussen. Nicht zufällig zählt der EU AI Act bestimmte KI-Anwendungen im Recruiting und bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit zu den Hochrisiko-Systemen.
Damit bekommt die Frage, wer Technologie entwickelt, noch eine zweite Ebene. Es geht auch darum, welche Perspektiven in Systeme einfließen, die zunehmend unseren Alltag mitprägen.
Wenn wir also gerade neu verhandeln, wie Software entsteht, welche Fähigkeiten Entwickler:innen brauchen und wie IT-Teams künftig arbeiten, wäre es eigenartig, ausgerechnet eines nicht zu hinterfragen: wer in diesen Teams sitzt. Vielleicht sollten wir deshalb auch eine alte Frage umdrehen.
Statt zu fragen:
Wie bekommen wir mehr FLINTA*-Personen in die IT?
Könnten wir fragen:
Was muss sich an der IT ändern, damit mehr FLINTA*-Personen selbstverständlich Teil davon sein können?
Der Unterschied ist größer, als er auf den ersten Blick wirkt. Die erste Frage schaut schnell auf jene, die nicht da sind. Wie wecken wir mehr Interesse, wie begeistern wir mehr Menschen für Technik und wie bekommen wir mehr Bewerbungen? Die zweite Frage schaut auf die Branche selbst.
Sie schaut auf eine Branche, die seit Jahren über Fachkräftemangel spricht und gleichzeitig ihre Zusammensetzung nur langsam verändert. Sie schaut auf Zugänge und Netzwerke, auf Räume, in denen Menschen einander kennenlernen, Wissen weitergeben und Kontakte knüpfen, und schließlich auf die Frage, wer Zugang zu diesen Räumen hat.
Wie es ist, als FLINTA*-Person in dieser Branche zu arbeiten, kann ich als cis-Mann nicht aus eigener Erfahrung erzählen und ich sollte auch nicht so tun. Ich kann zuhören, dazulernen und meine eigenen Annahmen hinterfragen. Das gilt auch für diese Kolumne, bei deren Recherche und Ausarbeitung mir meine Kollegin Sara geholfen hat.
Vor allem kann ich aber den Teil hinterfragen, den Menschen und Unternehmen, die bereits fest in dieser Branche verankert sind, sehr wohl beeinflussen können: Welche Räume und Ressourcen nehmen wir selbstverständlich in Anspruch und wie können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen Zugang dazu haben?
Manchmal ist „Raum“ dabei erstaunlich wörtlich gemeint. Am kommenden Samstag, dem 26. September, findet in Wien „Feminist IT to the Sky 2 – Claiming the Space“, kurz FITS, statt. Organisiert wird FITS vom G:URLs Coding Club, den Haecksen, dem Feminist Linux Meetup und Tante Malkah für FLINTA*-Personen. LEAN-CODERS unterstützt FITS als Main-Sponsor mit dem eigenen Office sowie Verpflegung und Getränken.
Ich erzähle das nicht, weil damit irgendetwas gelöst wäre. Ein Samstag bleibt ein Samstag. Spannender ist die Frage, was am Montag danach passiert.
FITS ist deshalb gleichzeitig der Auftakt einer langfristigen Partnerschaft zwischen LEAN-CODERS und dem G:URL*s Coding Club. Dabei geht es um Mentoring, weitere Termine und Räume für die Community, Sichtbarkeit sowie Begleitung beim Berufseinstieg. Ob das tatsächlich etwas verändert, wissen wir heute noch nicht.
Einen Raum zur Verfügung zu stellen ist vergleichsweise einfach. Auch ein Logo auf einer Veranstaltung oder ein Posting über Inklusion ist schnell platziert. Ob daraus tatsächlich Veränderung entsteht, zeigt sich erst danach: wenn Mentoring tatsächlich stattfindet, Räume wieder zur Verfügung stehen und Netzwerke wachsen. Und schließlich daran, ob aus einer angekündigten Partnerschaft eine gelebte wird.
Deshalb: Fragt uns nicht nur diese Woche danach.
Fragt uns in einem Jahr noch einmal.
Vielleicht ist genau das die Verbindung zur KI, die mich an diesem Thema so beschäftigt. Wir behandeln die IT der nächsten Jahre gerade, als wäre beinahe alles verhandelbar: wie wir programmieren, welche Tools wir verwenden, welche Skills wir brauchen, wie Teams arbeiten und was Entwickler:innen künftig überhaupt selbst machen.
Das ist gut so, denn niemand weiß heute seriös, wie Softwareentwicklung in fünf Jahren genau aussehen wird. Wer behauptet, das zu wissen, hat vermutlich die letzten fünf Jahre nicht besonders gut aufgepasst. Wenn gerade ohnehin so vieles neu verhandelt wird, sollten wir aber auch darauf achten, welche alten Selbstverständlichkeiten wir einfach in die nächste Version unserer Branche kopieren.
Mit KI wächst außerdem die Bedeutung der Systeme, die wir entwickeln, und der Entscheidungen, die wir ihnen überlassen.
Die IT der Zukunft entsteht nicht irgendwann. Wir bauen sie jetzt gerade.
Und deshalb sollten wir nicht nur darüber reden, was sie künftig kann, sondern auch darüber, wer sie mitbauen kann.
Markus Kirchmaier ist Prokurist & Partner bei LEAN-CODERS und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem IT-Arbeitsmarkt sowie modernen IT-Systemen und technologischen Entwicklungen. Hier geht es zu den anderen Beiträgen aus der Future{hacks}-Reihe.