Irankrieg treibt Inflation in Europa auf 3%, Leitzins bleibt vorerst gleich
Die Inflation im Euroraum zieht wieder deutlich an. Nach Angaben von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, stieg die jährliche Inflationsrate im April 2026 auf 3,0 Prozent, nach 2,6 Prozent im März. Damit entfernt sich die Teuerung erneut vom Zielwert der Europäischen Zentralbank. Die EZB reagiert auf diese Entwicklung mit Vorsicht und lässt ihre Leitzinsen vorerst unverändert.
Hier die Länder im Überblick:
|
Annual rate |
Monthly rate |
|||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
|
Apr 25 |
Nov 25 |
Dec 25 |
Jan 26 |
Feb 26 |
Mar 26 |
Apr 26 |
Apr 26 |
|
Belgium |
3.1 |
2.6 |
2.2 |
1.4 |
1.4 |
2.2 |
4.3e |
1.4e |
|
Bulgaria |
2.8 |
3.7 |
3.5 |
2.3 |
2.1 |
2.8 |
6.2e |
2.0e |
|
Germany |
2.2 |
2.5 |
2.0 |
2.1 |
2.0 |
2.8 |
2.9e |
0.5e |
|
Estonia |
4.4 |
4.7 |
4.0 |
3.8 |
3.2 |
3.5 |
3.3e |
0.9e |
|
Ireland |
2.1 |
3.1 |
2.7 |
2.5 |
2.5 |
3.6 |
3.6e |
0.5e |
|
Greece |
2.6 |
2.8 |
2.9 |
2.9 |
3.1 |
3.4 |
4.6e |
1.7e |
|
Spain |
2.2 |
3.2 |
3.0 |
2.4 |
2.5 |
3.4 |
3.5e |
0.7e |
|
France |
0.9 |
0.8 |
0.7 |
0.4 |
1.1 |
2.0 |
2.5e |
1.2e |
|
Croatia |
4.0 |
4.3 |
3.8 |
3.6 |
3.9 |
4.6 |
5.4e |
1.4e |
|
Italy |
2.0 |
1.1 |
1.2 |
1.0 |
1.5 |
1.6 |
2.9e |
1.7e |
|
Cyprus |
1.4 |
0.1 |
0.1 |
1.2 |
0.9 |
1.5 |
3.0e |
2.2e |
|
Latvia |
4.0 |
3.8 |
3.4 |
2.9 |
2.4 |
3.4 |
3.0e |
0.6e |
|
Lithuania |
3.6 |
3.6 |
3.2 |
2.8 |
3.3 |
4.4 |
4.9e |
0.7e |
|
Luxembourg |
1.7 |
3.5 |
3.3 |
1.6 |
1.8 |
3.8 |
5.2e |
2.0e |
|
Malta |
2.6 |
2.4 |
2.5 |
2.3 |
2.3 |
2.3 |
2.4e |
3.3e |
|
Netherlands |
4.1 |
2.6 |
2.7 |
2.2 |
2.3 |
2.6 |
2.5e |
1.7e |
|
Austria |
3.3 |
4.0 |
3.8 |
2.1 |
2.3 |
3.1 |
3.3e |
0.4e |
|
Portugal |
2.1 |
2.1 |
2.4 |
1.9 |
2.1 |
2.7 |
3.3e |
2.0e |
|
Slovenia |
2.3 |
2.4 |
2.6 |
2.4 |
2.8 |
2.4 |
3.4 |
1.8 |
|
Slovakia |
3.9 |
3.9 |
4.1 |
4.3 |
4.0 |
3.7 |
4.0e |
0.4e |
|
Finland |
1.9 |
1.5 |
1.7 |
1.0 |
1.8 |
2.5 |
2.3e |
0.0e |
Energiepreise treiben die Inflation nach oben
Der mit Abstand größte Inflationstreiber im April ist die Energie. Die jährliche Rate im Energiesektor sprang von 5,1 Prozent im März auf 10,9 Prozent im April und damit auf den höchsten Wert unter allen Komponenten. Als wesentlicher Grund gilt der anhaltende Krieg im Nahen Osten, der die Energiemärkte erheblich unter Druck setzt.
Auch die übrigen Komponenten des Warenkorbs entwickelten sich überwiegend aufwärts. Ein Überblick über alle Hauptkomponenten zeigt das Ausmaß der Preisdynamik:
| Komponente | April 2026 | März 2026 |
|---|---|---|
| Energie | 10,9 % | 5,1 % |
| Dienstleistungen | 3,0 % | 3,2 % |
| Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak | 2,5 % | 2,4 % |
| Nicht-Energie-Industriegüter | 0,8 % | 0,5 % |
Krieg im Nahen Osten als zentrales Risiko
Die EZB benennt den Krieg im Nahen Osten als entscheidenden Faktor für den aktuellen Preisanstieg. Der Konflikt hat die Energiepreise kräftig in die Höhe getrieben und belastet gleichzeitig das Konjunkturklima. Damit stehen die Währungshüter vor einem klassischen Dilemma: steigende Inflation auf der einen, wachsende Wachstumsrisiken auf der anderen Seite.
„Durch den Krieg im Nahen Osten sind die Energiepreise kräftig gestiegen, was die Inflation in die Höhe treibt und das Konjunkturklima belastet“, heißt es seitens EZB.
Wie stark und wie lange dieser Schock wirkt, hängt laut EZB von mehreren Faktoren ab: der Intensität und Dauer des Energiepreisanstiegs sowie dem Ausmaß indirekter Auswirkungen und möglicher Zweitrundeneffekte. Je länger der Konflikt andauert, desto spürbarer werden die Folgen für Preise und Wirtschaft.
Warum die EZB die Leitzinsen nicht verändert
Trotz des Inflationsanstiegs hat der EZB-Rat beschlossen, die drei Leitzinssätze unverändert zu lassen. Der Zinssatz für die Einlagefazilität bleibt bei 2,00 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,15 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent.
Die Begründung der EZB stützt sich auf mehrere Argumente. Zum einen lagen die Inflationserwartungen über längere Zeithorizonte zuletzt noch fest verankert, auch wenn sie über kürzere Zeithorizonte erheblich gestiegen sind. Zum anderen hat sich die Wirtschaft des Euroraums in den vergangenen Quartalen als widerstandsfähig erwiesen. Die neu verfügbaren Daten stehen nach Einschätzung des EZB-Rats weitgehend im Einklang mit der bisherigen Beurteilung der Inflationsaussichten.
Datengetriebener Ansatz statt fester Zinspfad
Die EZB betont ausdrücklich, dass sie sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad festlegt. Stattdessen verfolgt der EZB-Rat einen datengestützten Ansatz und entscheidet von Sitzung zu Sitzung. Grundlage jeder Entscheidung sind die aktuellen Wirtschafts- und Finanzdaten, die Einschätzung der Inflationsaussichten sowie die Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und die Stärke der geldpolitischen Transmission.
Darüber hinaus steht der EZB das sogenannte Transmission Protection Instrument zur Verfügung. Es soll ungerechtfertigten und ungeordneten Marktdynamiken entgegenwirken, die die Übertragung der Geldpolitik im Euroraum gefährden könnten. Gleichzeitig verringern sich die Bestände aus dem Anleihekaufprogramm (APP) und dem Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) weiterhin in einem maßvollen und vorhersehbaren Tempo.
Ausblick: Unsicherheit bleibt hoch
Die Lage im Euroraum bleibt angespannt. Die Aufwärtsrisiken für die Inflation und die Abwärtsrisiken für das Wachstum haben sich nach Einschätzung der EZB erhöht. Ob und wann die Notenbank ihren geldpolitischen Kurs anpasst, wird maßgeblich davon abhängen, wie sich der Energiepreisschock weiterentwickelt und ob die Inflation mittelfristig wieder in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels zurückfindet. Die EZB hat signalisiert, die Lage genau zu beobachten und bei Bedarf alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen.


