Interview

Agentic Commerce: „China ist beim großflächigen Rollout deutlich weiter“

Connie Cheng, Vice President Innovation Asia Pacific at Mastercard. © Mastercard
Connie Cheng, Vice President Innovation Asia Pacific at Mastercard. © Mastercard

Agentic Commerce verändert das Online-Shopping grundlegend: Statt sich durch Produktseiten zu klicken, handeln KI-Agenten im Auftrag der Konsument:innen – sie bestellen Haushaltswaren nach, buchen Reisen, verwalten Abonnements. Sobald Maschinen jedoch beginnen, Geld auszugeben, stellen sich neue Fragen rund um Identität, Autorisierung und menschliche Kontrolle.

In diesem Interview erklärt Connie Cheng, Vice President Innovation Asia Pacific bei Mastercard, warum Vertrauen und transparente Einwilligung zur neuen Infrastruktur des Handels werden, welche unterschiedlichen Wege Europa und China dabei gehen und was Mastercards jüngster Einstieg in das Stablecoin-Geschäft durch die Übernahme von BVNK für die Zukunft des Bezahlens bedeutet. Sie geht auch auf die Risiken ein – und verweist dabei auf Fälle wie OpenClaw, in denen KI-Agenten Grenzen überschritten haben, die Menschen nie für sie vorgesehen hatten.

Trending Topics: Warum setzt Mastercard derzeit so stark auf Agentic Commerce? Welchen konkreten Mehrwert bietet agentische KI im E-Commerce?

Connie Cheng: Agentic Commerce ist eine bedeutende Weiterentwicklung im digitalen Handel: KI-Agenten erledigen Aufgaben im Auftrag der Nutzer:innen – innerhalb klar definierter Regeln und Berechtigungen, statt nur auf Befehle zu reagieren. Damit verschiebt sich Online-Shopping von der manuellen Interaktion hin zur delegierten Ausführung. Vertrauen, Sicherheit und Governance werden damit von Anfang an zu zentralen Voraussetzungen.

Der Mehrwert agentischer KI liegt darin, Reibungsverluste und Komplexität im E-Commerce zu reduzieren. Sie hilft Konsument:innen, bessere Entscheidungen effizienter zu treffen, und eröffnet zugleich neue Chancen für Händler. Verantwortungsvoll gestaltet, kann sie Entscheidungsprozesse vereinfachen, ohne den Menschen die Kontrolle zu nehmen – sodass Handel transparent, sicher und vertrauenswürdig skalieren kann.

Können Sie konkrete Anwendungsfälle für KI-getriebenen Handel nennen?

Im Agentic Commerce können vertrauenswürdige KI-Agenten innerhalb der von den Konsument:innen festgelegten Parameter suchen, vergleichen und handeln. Praktische Anwendungsfälle reichen vom automatischen Nachbestellen von Haushaltsartikeln über das Buchen von Reisen, sobald die Preise fallen, bis hin zur Verwaltung von Abos und Verlängerungen. Der Nutzen liegt in mehr Komfort, klügeren Entscheidungen und weniger Reibung für die Konsument:innen – während Händler ihre Relevanz und Conversion steigern können.

Sobald KI-Agenten beginnen, Transaktionen auszulösen, müssen Zahlungen zwingend auf einer Grundlage von Vertrauen und Transparenz aufbauen. Die Systeme müssen wissen, wer handelt, in wessen Auftrag und mit welcher Autorisierung. Mastercards Aufgabe ist es, verifizierte Identitäten, sichere Einwilligungen und sichere Zahlungen zu ermöglichen, damit KI-getriebener Handel verantwortungsvoll und im globalen Maßstab funktionieren kann.

Welche Daten werden künftig tatsächlich für Kaufentscheidungen herangezogen?

Künftige Kaufentscheidungen werden auf einer Kombination aus konsumentenseitig definierten Präferenzen und Echtzeit-Kontext beruhen. Dazu zählen Faktoren wie Budgetgrenzen, bevorzugte Marken oder Händler, Lieferanforderungen und Treuevorteile, kombiniert mit aktuellen Informationen zu Preis, Verfügbarkeit und Lieferbedingungen – stets mit klarer Zustimmung der Nutzer:innen.

Ebenso wichtig sind verlässliche Signale rund um Identität, Absicht und Autorisierung. Damit KI-getriebener Handel sicher funktioniert, müssen Systeme nachvollziehen können, wen ein KI-Agent vertritt und was er tun darf. Mastercard sorgt dafür, dass diese Daten sicher und verantwortungsvoll genutzt werden – sodass KI bei Entscheidungen unterstützt, der Mensch aber die Kontrolle behält.

Wie steht Europa hier im internationalen Vergleich da? Wie weit ist beispielsweise China?

Die Regionen entwickeln sich unterschiedlich schnell. Europa geht den Weg zum KI-getriebenen Handel mit Bedacht – mit einem starken Fokus auf Datenschutz, Konsumentenschutz und Verantwortlichkeit. Innovation findet hier innerhalb klarer regulatorischer Rahmen statt, die darauf ausgelegt sind, Vertrauen aufzubauen.

China ist beim großflächigen Rollout deutlich weiter. Das Land profitiert von hochintegrierten digitalen Ökosystemen, in denen Handel, Bezahlung und Identität bereits eng miteinander verzahnt sind. Beide Ansätze ergänzen sich: Europa prägt die vertrauensbasierte Adaption, China zeigt Tempo und Skalierung. Mastercard arbeitet global daran, dass Agentic Commerce über Märkte hinweg funktioniert – mit einheitlichen Standards für Sicherheit und Konsumentenkontrolle.

Glauben Sie, dass Werbung für E-Commerce-Produkte künftig anders funktionieren wird? Muss der Agent zum Empfänger der Botschaft werden?

Werbung wird sich verändern, weil KI-Agenten eine größere Rolle im Handel spielen werden – aber sie wird nicht einfach von Menschen auf Maschinen übergehen. Im Agentic Commerce geht es im Marketing weniger um Überzeugung als um Relevanz und Klarheit: Produkte müssen so dargestellt sein, dass KI-Agenten die Optionen treffsicher bewerten können.

Die Konsument:innen bleiben dabei die letzte Entscheidungsinstanz – sie geben Ziele und Grenzen vor, innerhalb derer die Agenten handeln. Mastercards Rolle ist es, sicherzustellen, dass dieses neue Modell mit Transparenz und Verantwortlichkeit funktioniert, sodass Empfehlungen und Transaktionen tatsächlich die Absicht der Konsument:innen widerspiegeln – und nicht eine intransparente Automatisierung.

Walmart hat kürzlich erklärt, dass die Conversion-Rate bei Käufen direkt über ChatGPT dreimal niedriger war als bei Käufen direkt auf der Website. Was, wenn ChatGPT und ähnliche Plattformen sich gar nicht als so gute Shopping-Plattformen erweisen, wie manche glauben?

Die frühen Conversion-Raten spiegeln eine Experimentierphase wider. KI-native Shopping-Erlebnisse sind noch neu, und es braucht Zeit, bis Vertrauen, Gewohnheiten und reibungslose Bezahlprozesse entstehen.

Langfristig wird entscheidend sein, dass KI-initiierte Transaktionen auf einer klaren Konsumentenabsicht, Vertrauen und sicheren Bezahlmechanismen beruhen – unabhängig davon, wo die Interaktion startet. Agentic Commerce wird sich nicht aufgrund einer einzelnen Plattform durchsetzen, sondern weil die zugrundeliegende Infrastruktur dafür sorgt, dass KI-getriebene Käufe verlässlich, transparent und breit akzeptiert sind.

Sehen Sie das Risiko, dass Agentic Commerce noch mehr Marktmacht zu den großen Plattformen verschiebt – weg von kleineren Händlern? Wenn KI-Agenten einkaufen gehen: Werden Online-Shops dann unwichtiger?

Agentic Commerce begünstigt nicht automatisch große Plattformen. Da KI-Agenten Angebote anhand von konsumentenseitig definierten Kriterien wie Preis, Verfügbarkeit und Service vergleichen, können sie auch die Sichtbarkeit kleinerer Händler erhöhen – sofern diese wettbewerbsfähig und vertrauenswürdig sind.

Online-Shops und Markenerlebnisse bleiben wichtig, aber der Weg zum Kauf verändert sich, weil KI einen Teil der Bewertung übernimmt. Für Händler aller Größen liegt die Chance darin, ihre Angebote so transparent, verlässlich und auswertbar zu gestalten, dass sowohl Menschen als auch KI-Agenten sie gut einschätzen können.

Mit der Übernahme von BVNK ist Mastercard kürzlich groß ins Stablecoin-Geschäft eingestiegen. Werden Stablecoins zur Währung der Commerce-Agenten?

Stablecoins sind einer von mehreren Bezahlmechanismen, die im Kontext von Agentic Commerce derzeit erprobt werden. Doch es ist zu früh zu sagen, dass sich eine bestimmte Form von Geld durchsetzen wird. Entscheidend ist, dass Commerce-Agenten über vertrauenswürdige, breit akzeptierte und gut regulierte Bezahlinfrastrukturen abwickeln können – unabhängig vom zugrundeliegenden Instrument.

Es gibt immer wieder Fälle – etwa rund um OpenClaw und andere KI-Agenten –, in denen diese Agenten Grenzen überschreiten und Dinge tun, die Menschen nie beabsichtigt haben. Ist es nicht gerade beim Thema Geld, Handel und Konsum hochriskant, dieses Feld für Agenten zu öffnen?

Diese Bedenken sind berechtigt – und genau deshalb darf man Agentic Commerce nicht leichtfertig angehen. KI-Agenten dürfen niemals ohne klare Grenzen, ausdrückliche Autorisierung und Verantwortlichkeit operieren – schon gar nicht, wenn Geld im Spiel ist.

Deshalb muss Agentic Commerce von Anfang an auf starken Schutzmechanismen aufbauen: verifizierte Identität, klare Konsumentenabsicht, sichere Transaktionen sowie die Möglichkeit, nachzuvollziehen und zu prüfen, was ein Agent getan hat – und warum. Ohne diese Grundlagen lässt sich Autonomie nicht skalieren. Mit ihnen kann KI den Handel so unterstützen, dass er sicher, vorhersehbar und fest unter menschlicher Kontrolle bleibt.

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