Microsoft krempelt KI-Spitze um: Suleyman gibt Copilot ab, muss eigene LLMs vorantreiben
Der US-Technologiekonzern Microsoft hat eine weitreichende Neuorganisation seiner Künstlichen-Intelligenz-Sparte bekanntgegeben. Im Mittelpunkt steht eine Verschiebung der Zuständigkeiten von Mustafa Suleyman, dem Mitgründer von DeepMind, der seit 2024 die Consumer-KI-Sparte des Unternehmens leitete. Künftig soll er sich ausschließlich auf die Entwicklung eigener Sprachmodelle konzentrieren.
Die wichtigsten personellen Veränderungen
Jacob Andreou, ehemaliger Senior Vice President beim Social-Media-Unternehmen Snap, übernimmt als Executive Vice President die Leitung des gesamten Copilot-Bereichs. Dieser umfasst sowohl die Consumer-App als auch den kommerziellen Dienst Microsoft 365 Copilot. Andreou berichtet direkt an Konzernchef Satya Nadella. In seiner bisherigen Rolle als CVP of Product and Growth hatte er laut Unternehmensangaben bereits ein nutzerzentriertes, KI-orientiertes Produktframework etabliert.
Mustafa Suleyman bleibt im Unternehmen und leitet weiterhin die Entwicklung sogenannter Frontier-Modelle, also besonders leistungsfähiger Grundlagenmodelle. Auch er berichtet direkt an Nadella. Ergänzt wird die neue Führungsstruktur durch Ryan Roslansky, Perry Clarke und Charles Lamanna, die gemeinsam die Microsoft-365-Anwendungen sowie die Copilot-Plattform verantworten.
Hintergrund: Schwacher Marktanteil und Abhängigkeit von OpenAI
Die Umstrukturierung erfolgt vor dem Hintergrund eines schwierigen Wettbewerbsumfelds. Microsofts Copilot-App verzeichnet lediglich 150 Millionen monatlich aktive Nutzer. Zum Vergleich: Googles Gemini kommt auf 750 Millionen, der Marktführer ChatGPT von OpenAI auf rund 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer. Auch im kommerziellen Bereich bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück: Von mehr als 450 Millionen gewerblichen Kunden nutzen bislang nur 15 Millionen den kostenpflichtigen 365-Copilot-Dienst.
Hinzu kommt die strukturelle Abhängigkeit von OpenAI. Microsoft hält zwar 27 Prozent an dessen gewinnorientierter Einheit und ist langjähriger Partner des ChatGPT-Herstellers, konkurriert mit ihm aber zunehmend um Unternehmenskunden. Suleyman hatte bereits im vergangenen Monat in einem Interview gefordert, Microsoft müsse „echte Eigenständigkeit“ erreichen und die Abhängigkeit von OpenAI reduzieren.
Begründungen der Manager
Nadella betonte in seinem internen Memo die strategische Bedeutung eigener Modelle für die kommende Dekade:
„Fortschritte auf der KI-Modellebene sind wichtiger denn je für unseren Erfolg als Unternehmen in den nächsten zehn Jahren und bilden das Fundament für alles, was wir darüber aufbauen.“
Nadella kündigte an, das Unternehmen werde seine Bemühungen um sogenannte Superintelligenz mit entsprechenden Ressourcen und Rechenkapazitäten verstärken. Ziel sei es, von einer Sammlung einzelner Produkte zu einem integrierten Gesamtsystem zu gelangen, das für Kunden einfacher und leistungsfähiger sei.
Suleyman selbst beschrieb die Neuausrichtung als logischen nächsten Schritt:
„Die nächste Phase dieses Plans besteht darin, unsere Organisation so umzustrukturieren, dass ich meine gesamte Energie auf unsere Superintelligenz-Bemühungen konzentrieren und in den nächsten fünf Jahren erstklassige Modelle für Microsoft liefern kann.“
Er hob hervor, dass ein langfristiger Fahrplan für Rechenkapazitäten im Frontier-Bereich bereits feststehe und das Unternehmen nun über alle notwendigen Voraussetzungen verfüge, um wettbewerbsfähige Modelle zu entwickeln.
Ziele der neuen Struktur
Die Reorganisation verfolgt laut den veröffentlichten Memos mehrere konkrete Ziele:
- Vereinheitlichung der bislang als unübersichtlich kritisierten Copilot-Produktfamilie unter einer einzigen Führung
- Aufbau eigener, leistungsfähiger Sprachmodelle zur Verringerung der Abhängigkeit von OpenAI
- Senkung der Betriebskosten für KI-Dienste im großen Maßstab
- Stärkere Integration von Agentenfunktionen in Unternehmensanwendungen
- Klarere Verantwortlichkeiten entlang der Systemarchitektur
Microsofts eigene Modellreihe gilt derzeit noch als weniger leistungsfähig als die führenden Angebote von Anthropic, Google und OpenAI. Das Unternehmen hat jedoch angekündigt, mit neuen Veröffentlichungen im Laufe des Jahres den Abstand verringern zu wollen. Ob die personellen Weichenstellungen dazu beitragen, bleibt abzuwarten.

