Finanzierung

Steady Energy: Finnisches SMR-Startup will an Börse, holt 40 Mio. Euro von der EU

Steady Energy SMR. © Steady Energy
Steady Energy SMR. © Steady Energy

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Das finnische Nukleartechnik-Startup Steady Energy will an die Börse. Wie das Unternehmen soeben mitteilte, soll es mit der Investmentgesellschaft 3North Partners (3NP) verschmelzen, die dafür alle Anteile an Steady Energy per Aktientausch übernimmt. Anschließend ist ein Börsengang am Nasdaq First North Growth Market Finland geplant, einem Segment der Börse Helsinki für Wachstumsunternehmen. Das kombinierte Unternehmen soll künftig Steady Energy Plc heißen.

Neben dem Verkauf ganzer Anlagen setzt Steady Energy dabei auf das Modell Heat as a Service (HaaS), bei dem das Unternehmen den Reaktor selbst besitzt und betreibt und den Kund:innen, etwa Stadtwerken, nur die erzeugte Wärme verkauft.

Für die Finanzierung stehen insgesamt deutlich über 100 Millionen Euro bereit. Institutionelle und strategische Investor:innen haben verbindlich zugesagt, neue Aktien um rund 69,8 Millionen Euro zu zeichnen. Dazu zählen die finnischen Pensionsversicherer Elo, Ilmarinen und Varma, der Energiekonzern Fortum, der polnische Ölkonzern Orlen über seinen VC-Arm, der staatliche finnische Investor Tesi sowie Mininvest, Move Energy und Yes VC. Hinzu kommt ein Wandeldarlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB) über bis zu 40 Millionen Euro.

Aktien für Privatanleger:innen um 10 Euro

Beim eigentlichen Börsengang will 3NP bis zu 500.000 neue Aktien an Privatpersonen und Unternehmen in Finnland ausgeben und damit bis zu 5 Millionen Euro einsammeln. Der Zeichnungspreis liegt bei 10 Euro je Aktie. Wer zeichnet, erhält für jeweils 15 zugeteilte Aktien eine zusätzliche Gratisaktie.

Nach Abschluss aller Transaktionen soll es rund 33,25 Millionen A-Aktien geben. Rund 77 Prozent davon gehen an die bisherigen Eigentümer:innen von Steady Energy, die übrigen 23 Prozent an die neuen Investor:innen. Zum Ausgabepreis von 10 Euro ergibt das rechnerisch einen Unternehmenswert von rund 330 Millionen Euro. Steigt der Aktienkurs nachhaltig über 15 beziehungsweise 25 Euro, erhalten die bisherigen Eigentümer:innen jeweils knapp 5 Millionen zusätzliche Aktien. Die drei Gründer Tommi Nyman, Hannes Haapalahti und Petteri Tenhunen verpflichten sich, ihre Anteile 36 Monate lang zu halten, mit begrenzten Ausnahmen.

Den Vorsitz im Aufsichtsgremium übernimmt Pekka Lundmark, früherer CEO von Nokia. Hinter 3NP stehen bekannte Namen der finnischen Tech-Szene, darunter Supercell-Gründer Ilkka Paananen und Investor Timo Ahopelto. „Mit dieser starken Finanzierung und dem Listing im Rücken können wir uns darauf konzentrieren, die LDR-50-Technologie fertigzustellen und unsere ersten Kund:innenprojekte umzusetzen“, sagt Steady-Energy-CEO Tommi Nyman.

Erstes SMR-Investment der EIB

Die 40 Millionen Euro der EIB sind die erste Finanzierung der EU-Förderbank für ein Unternehmen, das an Small Modular Reactors (SMR) arbeitet. Das Darlehen wird in zwei Tranchen über 30 und 10 Millionen Euro ausgezahlt, ist zinsfrei und läuft 20 Jahre. Die EIB kann ihre Forderung jederzeit in Aktien des börsennotierten Unternehmens umwandeln. Abgesichert wird die Finanzierung über das EU-Programm InvestEU.

Bemerkenswert aus österreichischer Sicht: Das Investment verkündet EIB-Vizepräsident Karl Nehammer, früherer Bundeskanzler eines Landes, das Kernkraft seit Jahrzehnten ablehnt. „Wir suchen aktiv danach, Europas vielversprechendste SMR-Pioniere zu unterstützen“, sagt Nehammer laut EIB. SMRs könnten gemeinsam mit erneuerbaren Energien stabile, CO2-arme Energie liefern und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und schwankenden Energiepreisen verringern.

Ein Reaktor nur für Fernwärme

Steady Energy wurde 2023 als Spin-off des staatlichen Technischen Forschungszentrums VTT gegründet, wo der Reaktor LDR-50 seit 2019 entwickelt wird. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 75 Mitarbeiter:innen. Der 50-Megawatt-Reaktor soll ausschließlich Wärme für Fernwärmenetze liefern, während die meisten anderen SMR-Konzepte auf Stromerzeugung ausgerichtet sind.

Technisch setzt Steady Energy auf die bewährte Leichtwasser-Technologie mit niedriger Temperatur und niedrigem Druck. Weil Turbinen und Generatoren wegfallen, soll der Reaktor einfacher, günstiger und schneller genehmigungsfähig sein. Passive Sicherheitssysteme und eine unterirdische Bauweise sollen zusätzlich für Sicherheit sorgen. In Helsinki entsteht derzeit eine nicht-nukleare Pilotanlage, in der ab 2027 zentrale Sicherheitssysteme getestet werden sollen.

Der Zeitplan ist ambitioniert: Eine politische Grundsatzentscheidung der finnischen Regierung für die erste kommerzielle Anlage soll 2027 oder 2028 fallen, der Bauantrag 2028 oder 2029 folgen. Mit dem Bau des ersten Reaktors will Steady Energy bis 2029 oder 2030 beginnen.

Was Heat as a Service bedeutet

Verdienen will Steady Energy auf zwei Wegen. Im klassischen EPC-Modell (Engineering, Procurement and Construction) liefert das Unternehmen schlüsselfertige Anlagen mit typischerweise bis zu vier Reaktoren an größere Energieversorger, die diese dann selbst besitzen und betreiben.

Das zweite Modell heißt Heat as a Service (HaaS). Dabei bleibt der Reaktor im Eigentum von Steady Energy, gebündelt in einer eigenen Projektgesellschaft. Das Unternehmen kümmert sich um Genehmigung, Betrieb und Entsorgung des Atommülls und verkauft den Kund:innen lediglich die erzeugte Wärme. Stadtwerke und kleinere Versorger bekommen so CO2-arme Grundlastwärme, ohne selbst eine Nuklearanlage besitzen, betreiben oder verantworten zu müssen. Für Steady Energy vergrößert das den Kreis möglicher Kund:innen, weil viele kommunale Versorger weder das Know-how noch die Bereitschaft haben, ein Atomkraftwerk zu führen. Gleichzeitig entstehen über die Laufzeit der Anlagen wiederkehrende Einnahmen.

Die Pläne dafür sind groß. Bis 2035 soll der Umsatz 500 Millionen Euro übersteigen, bis 2040 eine Milliarde Euro, bei einer operativen Marge von 35 bis 40 Prozent. Das Management rechnet mit 70 Reaktoren, die zwischen 2033 und 2045 ausgeliefert werden könnten, rund ein Drittel davon im HaaS-Modell. Bis 2045 soll HaaS etwa die Hälfte des Umsatzes ausmachen. Als Kernmärkte sieht Steady Energy Finnland, Schweden, Polen und Tschechien, wo Fernwärme weit verbreitet ist. Dort beziffert das Unternehmen das Potenzial auf 230 bis 300 Reaktoren und ein Marktvolumen von rund 30 Milliarden Euro. Erste Vorverträge sollen 2027 oder 2028 unterzeichnet werden. Bislang hat Steady Energy also noch keine verbindlichen Aufträge, und sämtliche Ziele beruhen auf Annahmen des Managements.

Österreichs SMR-Hoffnung ist bereits an der Börse

Den Weg an den Kapitalmarkt hat in Österreich bereits ein anderes SMR-Unternehmen beschritten. Das Grazer Unternehmen Emerald Horizon ist seit dem Frühsommer an der Wiener Börse notiert und wird laut Trending Topics mit rund 1,2 Milliarden Euro bewertet. Emerald Horizon entwickelt mit dem SMRX ein modulares, unterkritisches Energiesystem auf Thoriumbasis. Ein Modul in Containergröße soll 25 Megawatt thermische und rund 10 Megawatt elektrische Leistung liefern und 20 Jahre ohne Nachladen laufen.

Kürzlich hat Emerald Horizon gemeinsam mit der niederländischen VDL Groep, einem langjährigen Zulieferer des Chipmaschinen-Herstellers ASML, im niederländischen Eindhoven mit dem Bau des sogenannten Power-Loops begonnen. In diesem Hochtemperatur-Kreislauf soll flüssiges Salz bei bis zu 900 Grad Celsius zirkulieren. Ein Prototyp ist für 2029 geplant, die Serienproduktion ab 2031. Forschung und Entwicklung bleiben in Graz, Reaktoren wird es hierzulande aber keine geben: Das Atomsperrgesetz von 1978 verbietet ihren Betrieb in Österreich. Zur Einordnung: Kommerzielle Flüssigsalzreaktoren auf Thoriumbasis sind weltweit noch nicht in Betrieb, die technischen Angaben des Unternehmens wurden bislang nicht unabhängig überprüft.

Was die EU für SMRs bereitstellt

Das EIB-Darlehen ist Teil einer breiteren Strategie der EU-Kommission. Diese hat im Frühjahr einen Plan vorgelegt, die ersten SMRs und fortgeschrittenen modularen Reaktoren (AMR) in Europa bis Anfang der 2030er Jahre ans Netz zu bringen. Bis 2050 hält die Kommission eine SMR-Kapazität von 17 bis 53 Gigawatt in der EU für möglich. Einsatzgebiete sieht sie neben der Stromerzeugung auch bei Fernwärme, Industriewärme, Wasserstoffproduktion und der Versorgung von Rechenzentren.

Direkt zugesagt hat die EU bisher vergleichsweise wenig Geld. Laut einer Analyse von Think Tank Europa sieht die Strategie rund 215 Millionen Euro an gezielter Unterstützung vor: eine temporäre Aufstockung der InvestEU-Garantie um 200 Millionen Euro für die ersten kommerziellen Anlagen sowie 15 Millionen Euro für Sicherheitsforschung im Rahmen von Euratom. Dem gegenüber steht ein geschätzter Investitionsbedarf von 241 Milliarden Euro für die gesamte Kernkraft in der EU bis 2050. Der Branchenverband nucleareurope begrüßte die Pläne, betonte aber, dass zusätzliche finanzielle Unterstützung nötig sein werde.

Den Großteil der Finanzierung sollen daher andere Quellen stemmen: die Mitgliedstaaten, private Investor:innen sowie übergreifende Instrumente wie der geplante Scaleup Europe Fund oder mögliche IPCEI-Projekte. Dazu kommen regulatorische Erleichterungen über den Net-Zero Industry Act, etwa Reallabore für SMR-Projekte, sowie sogenannte „SMR Valleys“ für den Aufbau europäischer Lieferketten. Österreich bleibt in dieser Debatte ein Sonderfall: Laut Think Tank Europa ist es das einzige EU-Land mit einer deutlichen Mehrheit gegen Kernkraft.

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