Bekommt Wien nach dem Aus für die AI Gigafactory stattdessen eine Neocloud?
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Zwar hat die Stadt Wien gerade erst die Bewerbung für eine von der EU geförderte AI Gigafactory ad acta gelegt, aber hinsichtlich eines großen KI-Rechenzentrums in der österreichischen Hauptstadt gilt weiterhin der weise Spruch: Sag niemals nie. Denn wie konkrete Gerüchte in der KI-Branche besagen, soll ein sehr prominenter börsennotierter Neocloud-Anbieter die Fühler bereits nach Wien ausgestreckt haben.
Er heißt Nebius und ist eines der derzeit meistbeachteten Unternehmen der globalen KI-Infrastruktur-Szene. Das in Amsterdam beheimatete Unternehmen ist 2024 aus der Aufspaltung des russischen Technologiekonzerns Yandex hervorgegangen: Die internationalen Assets wurden herausgelöst und unter dem Namen Nebius Group N.V. neu an der Nasdaq gelistet, während das russische Kerngeschäft unter dem Namen Yandex bei lokalen Investoren verblieb.
Gegründet und geführt wird Nebius von Arkady Volozh, dem einstigen Mitgründer und langjährigen CEO von Yandex, der das Unternehmen nun als Anbieter von KI-Cloud-Infrastruktur positioniert – mit GPU-Clustern, Rechenzentren und Cloud-Plattformen für rechenintensive KI-Workloads. An der Börse zählt Nebius (Ticker: NBIS) zu den auffälligsten Werten des laufenden KI-Booms: Die Aktie notiert aktuell um die 190 US-Dollar, was einer Marktkapitalisierung von rund 48 Milliarden US-Dollar entspricht, nachdem der Kurs im bisherigen Jahresverlauf phasenweise deutlich zugelegt hat – wenn auch mit teils heftigen Schwankungen, wie sie für die Branche derzeit typisch sind.

„Prüfen fortlaufend potenzielle neue Standorte“
Auf Anfrage äußert sich ein Nebius-Sprecher zu den Wien-Gerüchten nicht konkret, dementiert wird aber auch nicht. „Nebius baut seine globale Infrastrukturkapazität zügig weiter aus und prüft in diesem Zusammenhang fortlaufend potenzielle neue Standorte. Über neue Standorte informieren wir, sobald unsere Planungen ausreichend konkret sind. Dabei betrachten wir unter anderem die Verfügbarkeit von Energie, die langfristige Skalierbarkeit und die Möglichkeit, neue Infrastruktur nachhaltig und im Einklang mit den Interessen vor Ort zu entwickeln“, heißt es.
Das deutet darauf hin, dass die Wien-Pläne noch in einem frühen Stadium stecken. Informationen von Trending Topics zufolge soll Nebius bereits bei Unternehmen in Zukunft zu erwartende KI-Workloads erfragen, um eine Einschätzung für den lokalen Markt zu bekommen. Auch entsprechende Gelände für die Errichtung eines Standorts sollen bereits gescoutet werden.
Der Zugang zu einer zuverlässigen Stromversorgung dürfte jedenfalls eines der wichtigsten Kriterien bei der Standortwahl. Gesucht werden insbesondere Standorte, an denen die erforderliche Leistung bereits verfügbar ist oder innerhalb eines Zeitrahmens bereitgestellt werden können, um den zügigen Ausbau der Kapazitäten zu ermöglichen.

Bei der Finanzierung verfolgt Nebius einen diversifizierten Ansatz. Dazu zählen zum einen eigene Rechenzentren, Colocation-Modelle mit verschiedenen Partnern, aber auch sogenannte „Asset-Light“-Partnerschaften, bei denen Partner die Infrastruktur finanzieren und auch besitzen. Das könnte interessant für die Stadt Wien bzw. Österreich sein; anstatt in eine EU-Gigafactory mit ungewissem Ausgang zu investieren, könnte man sich bei einer solchen Partnerschaft überlegen, ob es sich lohnt, die wertvolle Hardware (GPUs etc.) über diesen Weg anzuschaffen und so die (Daten-)Hoheit im Sinne der digitalen Souveränität zu erlangen. Letztendlich würde die Stadt auch vom KI-Boom, so er weitergeht, profitieren, indem man Nebius als Nvidia-Partner anzapft, um an die begehrten GPUs zu gelangen.
Nebius-Partner finanzieren und besitzen Infrastruktur und Hardware
„Im Rahmen dieses Modells finanzieren und besitzen Partner die Infrastruktur und Hardware und betreiben die Rechenzentren. Nebius stellt seine Systemarchitektur sowie den Zugang zur Lieferkette bereit, implementiert und wartet sein Hardware-Design sowie seinen Software- und Service-Stack auf der Partner-Infrastruktur und bringt die daraus entstehende Kapazität über seine globale Vertriebsorganisation auf den Markt“, heißt es seitens Nebius zu dem erste Mitte Juli eingeführten Geschäftsmodell.
Eine auch spannende Angelegenheit ist auch die Sache mit der Abwärme, die KI-Rechenzentren durch die notwendige Kühlung der heiß laufenden GPUs erzeugen. Da gab es für die mittlerweile abgeblasene AI Gigafactory die Fantasie, mit der Abwärme das Fernwärmenetz der Stadt Wien zu speisen.
Nun weiß man auch: Wo Nebius neue Infrastruktur errichtet, geschieht dies nach Firmenangaben Ressourcen-effizient und im Einklang mit den Interessen der jeweiligen Region. In Städten mit Fernwärmenetzen kann da die Nutzung von Server-Abwärme eine naheliegende Lösung sein. Damit hat Nebius bereits direkte Erfahrung gesammelt: Das Rechenzentrum in Mäntsälä in Finnland mit 310 MW hat 2025 insgesamt 19,5 Gigawattstunden zurückgewonnene Wärme in das dortige örtliche Fernwärmenetz eingespeist. Bei voller Auslastung ist das Wärmerückgewinnungssystem an diesem Standort auf eine jährliche Wärmelieferung von mehr als 250 Gigawattstunden ausgelegt.
In Wien sind dem Vernehmen nach auch etwa 300 MW Leistung eines möglichen Nebius-Standorts im Gespräch. Es würde zu größten seiner Art in Europa zählen – und die Stadt hätte damit ihr Prestige-Projekt zurück. Nun wird spannend, ob Volozh‘ Unternehmen den Deal auch bekommt.

