OpenAI’s großer B2B-Pivot: Die Ursachen, die Faktoren, die Chancen
Es ist einer der bemerkenswertesten Strategiewechsel in der jungen Geschichte der KI-Industrie: OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, zieht sich spürbar aus dem Konsumentenmarkt zurück und richtet seinen Fokus neu auf Unternehmenskunden und Entwickler. Das Aus des Videogenerators Sora ist dabei nur das sichtbarste Zeichen eines tiefgreifenden Wandels, der unter dem wachsenden Druck von Google und Anthropic stattfindet.
Das Ende von Sora: Mehr als nur ein Produktende
Am 24. März 2025 verkündete OpenAI-Chef Sam Altman das überraschende Ende von Sora, dem hauseigenen Videogenerierungsmodell. Der Dienst war lange Zeit als Vorzeigeprojekt positioniert worden: realistisch wirkende KI-Videos, eine eigene Social App mit Millionen von Nutzern in den USA, Partnerschaften mit Hollywood-Studios und sogar eine Milliarden-Dollar-Investition von Disney kurz vor Weihnachten 2024, verbunden mit exklusivem Zugang zu Disney-Charakteren wie Darth Vader oder den Incredibles.
Drei Monate nach diesem Deal ist Sora Geschichte. Für Clemens Wasner, Gründer von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria, ist das eine bemerkenswerte Kehrtwende:
„OpenAI ist jetzt zu 100 Prozent committed, eins zu eins dasselbe nachzubauen, was Anthropic mit der Claude App hat. Das ist so, als würde Facebook vor 15 Jahren sagen, wir machen jetzt einen Konkurrenten zu Google Drive.“
Dabei war Sora technisch betrachtet ohnehin nicht Marktführer. Unabhängige Benchmarks von Artificial Analysis zeigen, dass Sora 2 Pro zuletzt hinter Konkurrenzprodukten aus dem Hause Elon Musks Grok sowie mehreren chinesischen Modellen rangierte. Der Aufwand, die Spitzenposition zu erkämpfen, wäre erheblich gewesen, der Ertrag ungewiss.
Anthropic als Wachstumsmotor und Vorbild
Der eigentliche Treiber hinter OpenAIs Neuausrichtung ist der rasante Aufstieg von Anthropic. Laut aktuellen Marktdaten wächst Anthropics Umsatz rund dreimal schneller als jener von OpenAI. Prognosen zufolge könnte Anthropic bereits im dritten Quartal 2025 OpenAI beim Gesamtumsatz überholen. Besonders schmerzhaft für OpenAI: Im Bereich Coding hält Anthropic bereits über 40 Prozent Marktanteil, im Enterprise-Segment rund 32 Prozent.
„Anthropic hat keine Image Generation, Anthropic hat auch kein Video Generation, aber Anthropic hat wirklich rund um das Produkt Coding und die Desktop-App eine der beliebtesten Produktivitäts-Apps aktuell. Die shippen, die haben heuer schon 53 Produkt-Updates und Features geschippt. Das ist unpackbar.“
So beschreibt Wasner den Erfolg des Konkurrenten, der mit der Claude App ein neues Paradigma für KI-Produktivitätswerkzeuge etabliert hat: eine integrierte Umgebung aus Chat, Coding-Assistent und Desktop-Steuerung, die täglich mit neuen Features weiterentwickelt wird.
Das B2C-Modell unter Druck
OpenAIs ursprüngliche Vision war ambitioniert: Eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer sollten über Werbung monetarisiert werden, ähnlich wie Meta mit Facebook und Instagram. Doch dieses Modell zeigt deutliche Risse. Walmart, einer der weltgrößten Einzelhändler, testete 200.000 Produkte über den ChatGPT-Checkout und stellte fest, dass die Conversion-Rate dreimal schlechter war als auf der eigenen Website. Das Unternehmen zog sich daraufhin aus dem Experiment zurück.
Jakob Steinschaden, Mitgründer von Newsrooms und Trending Topics, sieht darin ein strukturelles Problem:
„Wenn man am Online-Werbemarkt antreten will, tritt man als drei Jahre altes Produkt gegen Userbases an und Daten, die User generiert haben über 10, 15, 20 Jahre. Facebook hat den Facebook Pixel, Google hat das riesengroße Ad-Netzwerk. Bei OpenAI hast du halt nur die Webseite oder die App. That’s it.“
Hinzu kommt der wachsende Druck durch Google. Gemini, vor einem Jahr noch ein Nischenprodukt, hält mittlerweile rund 25 Prozent Marktanteil bei KI-Assistenten, mit stark steigender Tendenz. Die bevorstehende Integration von Gemini in eine eigenständige Siri-App von Apple könnte diesen Trend weiter beschleunigen.
Der Pivot: Weg von Sidequests, hin zu Enterprise
Ein internes Memo von OpenAI-CEO Fiji Simmons, das kurz vor der Sora-Abschaltung bekannt wurde, skizzierte die neue Richtung klar: weniger „Sidequests“, mehr Fokus auf umsatzrelevante Bereiche. Konkret bedeutet das den Aufbau einer integrierten Super-App nach dem Vorbild von Anthropics Claude App sowie verstärkte Partnerschaften mit Unternehmensberatungen wie Accenture, McKinsey oder den Big Four, um Großunternehmen als Kunden zu gewinnen.
Wasner bewertet diese Strategie jedoch mit Skepsis:
„Wenn ich jetzt an Firmen wie Accenture oder McKinsey denke, so ein Partnership ist schön und gut, aber letztendlich musst du dich daran orientieren, was der Kunde für eine IT-Landschaft verwendet. Wenn der Kunde eine komplette Microsoft Copilot-Landschaft hat, wo Anthropic mittlerweile ganz stark drinnen ist, dann wirst du das liefern müssen.“
Erschwerend kommt hinzu, dass OpenAIs Markenimage im Enterprise-Bereich belastet ist. Kontroversen rund um Militärdeals und häufige strategische Kehrtwenden haben das Vertrauen bei institutionellen Kunden nicht gestärkt.
Der IPO als Lackmustest
Im Hintergrund läuft die Vorbereitung auf einen Börsengang, der OpenAI endgültig in die Liga der großen Technologiekonzerne katapultieren soll. Steinschaden sieht im S1-Filing bei der US-Börsenaufsicht SEC einen entscheidenden Moment der Wahrheit:
„Wenn diese IPOs angekündigt werden und dann der Börsenprospekt veröffentlicht wird, kriegt man wirklich super Einblicke in die Zahlen. Da steht viel drin, was man vorher noch nicht wusste.“
Die zentrale Frage, die Investoren beantworten müssen: Ist OpenAI tatsächlich das nächste Meta mit einer monetarisierbaren Milliarde Nutzer, oder ist es ein Unternehmen, das im B2B-Bereich gegen einen bereits etablierten Konkurrenten antritt, mit höheren Kosten und einer weniger loyalen Kundenbasis?
Fazit: Ein Wettrennen mit offenem Ausgang
OpenAIs Pivot von B2C zu B2B ist keine freiwillige strategische Entscheidung aus einer Position der Stärke, sondern eine Reaktion auf den Druck von zwei Seiten: Google hat den Konsumentenmarkt verteidigt, Anthropic hat den Unternehmensmarkt besetzt. Was bleibt, ist ein Unternehmen im Umbau, das versucht, das Erfolgsmodell des Konkurrenten schneller zu kopieren, als dieser es weiterentwickeln kann.
Ob dieser Kurswechsel rechtzeitig kommt und ob er tief genug geht, wird sich spätestens mit dem Börsengang zeigen. Bis dahin bleibt die KI-Industrie das, was sie seit ihrer Entstehung ist: ein Markt, in dem sich die Kräfteverhältnisse schneller verschieben als in nahezu jeder anderen Branche.

