Angst vor KI-Bremse bewegt die Börsen: Chipwerte unter Druck, Software erholt sich
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Die Debatte um eine Verlangsamung der KI-Entwicklung hat an den Märkten eine Umschichtung ausgelöst. Nachdem Anthropic-CEO Dario Amodei gemeinsam mit Sam Altman, Demis Hassabis und Elon Musk für ein gedrosseltes Tempo bei Frontier-Modellen plädiert hat, stellen Investor:innen eine neue Frage: Wenn die Modellentwicklung langsamer wird, trifft das dann auch die Ausgaben für Rechenzentren, Chips und Speicher?
Politisch ist die Bremse umstritten, und zwar entlang geografischer Linien. US-Präsident Donald Trump hat eine Regulierung der KI-Entwicklung zurückgewiesen und stellt den Wettlauf mit China in den Vordergrund: „Wer bei AI gewinnt, gewinnt“, sagte er kürzlich. Die deutsche Bundesregierung sieht in einer Drosselung einen Wettbewerbsnachteil für den eigenen Kontinent. Ein Sprecher des Digitalministeriums bezeichnete den Vorstoß der US-Labs als „für Europa … nicht gangbaren Weg“ und verwies auf das Ziel, die digitale Souveränität zu stärken, Digitalminister Karsten Wildberger plädiert parallel für eine globale KI-Aufsicht. China wiederum nutzt die Lage für eigene Angebote: Xi Jinping hat den BRICS-Staaten eine gemeinsame Open-Source-Basis für KI vorgeschlagen, gestützt auf Open-Weight-Modelle von Alibabas Qwen, DeepSeek und Moonshot AI, die Ländern ohne eigene Großrechenzentren den Einstieg erleichtern sollen.
Die erste Antwort des Marktes fiel deutlich aus. Zu Wochenbeginn legte der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF um fünf Prozent zu, während der iShares Semiconductor ETF um sechs Prozent nachgab. In Asien gerieten Chipwerte ebenfalls unter Druck, nachdem sich auch Microsoft der Linie angeschlossen hatte. „Wir müssen weiterentwickeln, nur eben mit etwas mehr Vorsicht und Sorgfalt“, sagte Microsofts KI-Chef Mustafa Suleyman gegenüber Bloomberg.
Die Sektorrotation läuft bereits länger
Der Philadelphia Semiconductor Index liegt im laufenden Jahr noch immer rund 58 Prozent im Plus, doch die Führungsrolle innerhalb des Sektors ist zuletzt uneinheitlich geworden. Broadcom und Nvidia haben von ihren Höchstständen abgegeben, AMD und Micron hielten sich stabiler.
Auf der anderen Seite stehen Softwarewerte, die einen Großteil des Jahres unter der Sorge gelitten hatten, KI könnte klassische Anwendungen überflüssig machen. Der Software-Subindex des S&P 500 hat sich zuletzt wieder an sein Jahresanfangsniveau herangearbeitet, Titel wie Salesforce, ServiceNow und Workday erholten sich von ihren Tiefs zur Jahresmitte. Die Sicherheitsdebatte wirkt hier als zusätzlicher Katalysator.
Eindeutig ist die Richtung nicht. Während manche KI-bezogene Aktien verlieren, gewinnen andere. Hier als Beispiele die Aktien von Nvidia (Chips), Coreweave (Inferenz), Cerebras (Chips), Z.ai (chin. LLMs) sowie Minimax (chin. LLMs):

Die Nachfrage verlagert sich vom Training zur Inferenz
Bernstein hält die Gleichsetzung von langsamerer Entwicklung mit geringeren Ausgaben für voreilig. Amodei schlage vor, das Tempo von „extrem schnell“ auf „nur ziemlich schnell“ zu senken, und die Nachfrage nach Rechenleistung verlagere sich ohnehin zunehmend vom Training auf die Inferenz. Nach Einschätzung des Hauses reicht die vorhandene Kapazität schon jetzt nicht aus, um die Nachfrage zu decken, weshalb kurzfristige Kürzungen der Investitionsbudgets unwahrscheinlich seien. Stärkere Schutzmechanismen könnten die Akzeptanz der Technologie sogar stützen. Bernstein bleibt bei Nvidia, Broadcom und Halbleiterausrüstern.
Evercore ISI sieht die nächste Etappe des KI-Trades bei jener Software, die Unternehmen den produktiven Einsatz von Modellen erlaubt. Die meisten Softwarefirmen seien Konsumentinnen von Modellen und nicht deren Entwickler, ihr Erfolg hänge damit stärker an der Umsetzung im Unternehmen als am Innovationstempo der Labs. „Im Wettlauf um Enterprise-KI geht es zunehmend darum, Modellintelligenz in sichere, kontrollierte und wiederholbare Workflows zu übersetzen, und nicht bloß darum, Zugang zum klügsten Modell zu haben“, schreiben die Analyst:innen. Davon könnten auch Cybersecurity-Anbieter profitieren, weil KI-Agenten unabhängig vom Modelltempo Identitätsmanagement, Governance und Monitoring brauchen.
Speicherchips als wunder Punkt
Ein konkreter Risikoherd bleibt dennoch. Veröffentlichen die Labs am Ende weniger Frontier-Modelle oder starten sie seltener sehr große Trainingsläufe, könnte die Nachfrage nach den fortschrittlichsten Prozessoren, Speicherchips und Packaging-Kapazitäten hinter den bisherigen Erwartungen zurückbleiben. Als besonders exponiert gilt dabei der Speichermarkt, weil die Hersteller derzeit neue Kapazitäten hochfahren. Trifft eine verzögerte Nachfrage auf frisch anlaufende Produktion, können aus heutigen Engpässen rasch Überkapazitäten und sinkende Preise werden.
Die Sicherheitsdebatte erreicht die IPO-Pipeline
Über die Kursbewegungen hinaus trifft die Debatte zwei der am meisten erwarteten Börsengänge der kommenden Jahre. OpenAI hat seinen IPO auf 2027 verschoben und begründet das direkt mit der Sicherheitslage. Ein Börsengang wäre „angesichts all dessen, was gerade im Bereich Sicherheit passiert“, zum jetzigen Zeitpunkt leichtsinnig, sagte Altman. Zuvor hatte das Unternehmen bereits vertraulich Unterlagen eingereicht.
Anthropic geht den umgekehrten Weg und hält an einem Listing in den kommenden Wochen fest. Das Unternehmen hat Investor:innen laut Financial Times ein zweites profitables Quartal in Folge in Aussicht gestellt, kolportiert werden eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar und ein Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden Dollar. Damit steht Amodei vor einem Balanceakt: Er wirbt öffentlich für ein langsameres Entwicklungstempo und geht zugleich mit einer Wachstumsstory an den Markt, die auf schneller Skalierung beruht. Für Anleger:innen wird diese Spannung zum Test dafür, wie viel Sicherheitsrhetorik eine Bewertung dieser Größenordnung verträgt.
Dass die Branche sich selbst bremst, halten manche ohnehin für unwahrscheinlich. „Das Wettrennen zwischen Unternehmen und Staaten bleibt intensiv, und es ist schwer vorstellbar, dass Firmen freiwillig zurückstecken, während Rivalen weiter Gas geben“, schreiben die Analyst:innen der Deutschen Bank.

