PR-Stunt

Österreichischer Staatssekretär will Anthropic nach Europa holen

Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser
Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser

Österreich drängt die Europäische Union, eine Ansiedlung des US-Unternehmens Anthropic innerhalb der Union zu prüfen. In einem von der Bundesregierung veröffentlichten Schreiben an EU-Technologiekommissarin Henna Virkkunen schlägt Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) vor, gemeinsam die „strategische Ansiedlung und Beteiligung von Anthropic innerhalb der Europäischen Union“ auszuloten – mit Rechtssicherheit, Marktzugang, Kapital und einem passenden Wertefundament.

Ziel des Vorstoßes ist es laut einem Sprecher Prölls gegenüber der APA, den Standort zu stärken und Europa digital souveräner zu machen. Wie eine solche Ansiedlung konkret aussehen könnte, ließ der Staatssekretär offen. Auch räumte er ein, dass es Skepsis geben werde, ob ein solcher Schritt überhaupt umsetzbar sei.

Auslöser: US-Exportkontrollen gegen Fable 5 und Mythos 5

Hintergrund des Vorstoßes ist ein Konflikt zwischen Anthropic und der US-Regierung. Anfang Juni hatte das Unternehmen seine bis dahin leistungsstärksten Modelle Fable 5 und Mythos 5 veröffentlicht, musste den Zugang aber nur wenige Tage später weltweit abschalten. Grund war eine Exportkontroll-Anweisung des US-Handelsministeriums, die jede Nutzung durch ausländische Staatsangehörige untersagte – unabhängig vom Aufenthaltsort und einschließlich der nicht-amerikanischen Beschäftigten von Anthropic selbst. Da eine Filterung der Nutzerinnen und Nutzer nach Staatsangehörigkeit in Echtzeit praktisch nicht möglich war, deaktivierte Anthropic beide Modelle für alle Kundinnen und Kunden. Der Zugang zu den übrigen Claude-Modellen blieb unberührt.

Rechtlich handelt es sich um eine Lizenzpflicht, nicht um ein dauerhaftes Verbot: Das zuständige Bureau of Industry and Security stützte sich auf den Export Control Reform Act und verlangt eine individuell geprüfte Exportlizenz, bevor ausländische Staatsangehörige Zugriff erhalten dürfen. Es war den Berichten zufolge das erste Mal, dass dieses Instrument auf ein kommerziell verfügbares KI-Modell angewendet wurde. Anthropic bezeichnete den Schritt als Missverständnis und verhandelte über eine Wiederherstellung des Zugangs. Ende Juni erteilten US-Behörden einer breiteren Nutzung von Mythos 5 durch geprüfte Partner wieder eine eingeschränkte Freigabe.

„Eine zutiefst europäische Haltung“

In seinem Brief begründet Pröll, warum aus seiner Sicht gerade dieses Unternehmen für Europa infrage komme. Anthropic verstehe den ethischen Einsatz von KI nicht als Marketing, sondern als Grundüberzeugung, und stelle Sicherheit über Geschwindigkeit – eine Haltung, die er als zutiefst europäisch beschreibt. In Europa, so Pröll, würde das Unternehmen nicht eingeengt, sondern „freigesetzt“.

Den grundsätzlichen Einwand, ein solches Vorhaben sei kaum realisierbar, griff der Staatssekretär selbst auf. „Die eigentliche Frage ist nicht, ob es einfach ist“, schrieb er. Entscheidend sei vielmehr, ob die Europäerinnen und Europäer bereit seien, die Architekten ihrer technologischen Zukunft zu sein – oder bloße Verwalter von Entscheidungen zu bleiben, die andernorts getroffen würden.

Einbettung in die Souveränitätsdebatte

Der Vorstoß fällt in eine Phase, in der die EU ihre Abhängigkeit von US- und chinesischer Technologie reduzieren will. Anfang Juni hatte die Europäische Kommission ein Paket zur technologischen Souveränität vorgelegt, darunter einen Cloud and AI Development Act, mit dem die heimische Cloud-, KI- und Halbleiterindustrie gestärkt werden soll. Die US-Beschränkungen für Fable 5 und Mythos 5 hatten in mehreren Mitgliedstaaten unmittelbar Rufe nach mehr digitaler Souveränität ausgelöst.

Solche Überlegungen haben seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump an Dringlichkeit gewonnen. Zunächst hatte vor allem dessen Zollpolitik das Ausmaß der europäischen Abhängigkeit sichtbar gemacht; mit der Zugangssperre für Anthropics Spitzenmodelle wurde nun deutlich, über welche Kontrollmöglichkeiten Washington im KI-Bereich verfügt. Zugleich gibt es in Europa bislang kein Modell, das mit den leistungsstärksten Systemen aus den USA mithalten kann.

Anthropic im wiederholten Konflikt mit Washington

Dass ein Umzug nach Europa überhaupt diskutiert wird, hängt mit den wiederkehrenden Spannungen zwischen Anthropic und der US-Regierung zusammen. Bereits vor der Freigabe seines leistungsfähigsten Modells war ein Streit zwischen dem Pentagon und dem Unternehmen über zulässige KI-Einsatzfelder eskaliert: Weil Anthropic rote Linien etwa bei autonomen Waffensystemen formuliert hatte, stufte das US-Verteidigungsministerium die Firma als Risiko ein – eine Einstufung, gegen die sich Anthropic gerichtlich wehrt. Das Verfahren ist weiter anhängig.

Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass Anthropic in anderen Bereichen weiter mit US-Behörden kooperiert. Das Verhältnis ist also weniger ein klarer Bruch als ein wechselhaftes Nebeneinander aus Konflikt und Zusammenarbeit.

Wie realistisch ist der Vorschlag?

Mehrere Beobachterinnen und Beobachter halten eine Ansiedlung für wenig wahrscheinlich. Beim entscheidenden Punkt – frischem Kapital – kann Europa bislang nicht mit den USA mithalten. Trotz der Reibereien mit der Regierung bereitet Anthropic derzeit einen Börsengang in den USA vor und hat dafür bereits vertraulich einen Antrag eingereicht. Käme es zu einem Wechsel nach Europa, riskierte das Unternehmen zudem den Zugang zu seinem mit Abstand wichtigsten Markt; auch ein politischer Versuch Washingtons, einen solchen Schritt zu unterbinden, gilt als denkbar.

Hinzu kommen unterschiedliche Einschätzungen zum strategischen Nutzen. Manche Fachleute argumentieren, Europa sei ohne Zugang zu den beiden Modellen vorerst nicht wesentlich schlechter gestellt, und eine Wiederherstellung des Zugangs sei wahrscheinlich. Andere verweisen darauf, dass Anthropic seine Spitzenmodelle in der eigenen Kommunikation selbst als besonders gefährlich eingestuft habe – was den regulatorischen Eingriff erst ermöglicht habe. Aus dieser Perspektive wären neben Standortfragen auch sicherheitspolitische und juristische Hürden zu klären.

Anthropic reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage zu dem österreichischen Vorschlag. Ob und in welcher Form die Idee in Brüssel aufgegriffen wird, ist offen.

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