Invertix: Münchner Energie-KI-Startup holt sich den YC-Ritterschlag
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Sieben Monate nach der Gründung schon im Silicon Valley: Das Münchner Startup Invertix, das KI für den Betrieb von Energieinfrastruktur entwickelt, ist in den Herbstjahrgang (Fall Batch) von Y Combinator aufgenommen worden. Joseph Perrotta (CEO) und Kaan Durmaz (CTO) haben das deutsch-italienische Unternehmen erst im Februar gegründet. Invertix gehört damit zu den wenigen europäischen Energie-KI-Firmen im Programm des wohl renommiertesten Startup-Accelerators der Welt.
Warum Y Combinator als Ritterschlag gilt
Für Gründer:innen aus Europa ist die Aufnahme bei Y Combinator (YC) so etwas wie ein Gütesiegel. Seit 2005 hat YC mehr als 5.000 Unternehmen finanziert, darunter Airbnb, Stripe, Coinbase, Dropbox, DoorDash und im Energiebereich das Fusionsunternehmen Helion. Auch OpenAI hat seine Wurzeln bei YC: Das KI-Labor startete 2015 als Projekt von YC Research unter dem damaligen YC-Präsidenten Sam Altman.
Die Aufnahme bringt Geld, vor allem aber Zugang. Nach dem Standard-Deal investiert YC 500.000 Dollar (rund 427.000 Euro) in jedes Startup: 125.000 Dollar für 7 Prozent der Anteile, dazu 375.000 Dollar über eine SAFE ohne Bewertungsobergrenze. Dazu kommen ein dreimonatiges Programm in San Francisco, ein Netzwerk aus Tausenden Alumni und der Demo Day, bei dem die Startups vor Hunderten Investor:innen pitchen. Wer YC auf der Website stehen hat, bekommt leichter Termine bei US-Geldgeber:innen.
Aus Österreich haben es in den vergangenen Jahren unter anderem PothAI von Gründer Mojmir Horvath, das Wiener Brüder-Trio hinter SF Tensor und das Fintech Fizz in das Programm geschafft, ebenso Glasskube, Gustav und das Kärntner Video-Startup Bitmovin, heute eines der bekanntesten Tech-Unternehmen des Landes.
Der Ritterschlag hat allerdings seinen Preis. YC erwartet in der Regel eine US-Gesellschaft, viele europäische Teams verlegen deshalb ihren Firmensitz formal in die USA und ziehen oft auch selbst nach San Francisco. Wertschöpfung und Talente wandern so teilweise aus Europa ab, eine Sorge, die in der europäischen Startup-Szene seit Jahren diskutiert wird.
Das Problem: Der Energiewende gehen die Fachleute aus
Invertix setzt bei einem Engpass an, der mit dem Ausbau der Erneuerbaren wächst. Solar-, Wind- und Speicherkapazitäten nehmen schneller zu, als Betreiber Fachkräfte einstellen und ausbilden können. Alarme bewerten, Anlagenleistung analysieren, Wartung koordinieren, regulatorische Pflichten erfüllen: Diese Arbeit wird bis heute großteils von Hand erledigt. Vor der Gründung haben Perrotta und Durmaz nach eigenen Angaben mehr als 5.000 Menschen aus der Branche angeschrieben und mit über 500 Fachleuten gesprochen, von Betreiber:innen und Asset Manager:innen bis zu Ingenieur:innen und Investor:innen.
„Alle reden darüber, wie viel Energie KI braucht. Kaum jemand baut die KI, die das Energiesystem tatsächlich betreibt. Genau das machen wir“, sagt Perrotta. Mit YC könne das Startup das Tempo gehen, das dieser Markt verlange.
Der Ansatz: eigene KI-Schicht auf großen Modellen
Invertix tritt nicht gegen die großen KI-Labore an, sondern setzt auf deren Modellen auf und ergänzt sie um eine eigene, auf den Energiebetrieb trainierte Schicht. Die Modelle lernen aus Arbeitsaufträgen, menschlichen Eingriffen und weiteren Betriebsdaten. Grundlage sind physikinformierte neuronale Netze und differenzierbare Simulatoren. Eine eigene Sicherheitsebene soll dafür sorgen, dass sensible Betreiber- und Netzdaten unter Kontrolle der Kund:innen bleiben und nicht zum Training fremder Modelle genutzt werden.
Die Traktion kann sich sehen lassen. Invertix hat vier laufende Pilotprojekte mit europäischen Energieunternehmen und TotalEnergies On als Kunden. Insgesamt stehen laut Unternehmen mehr als 50 Gigawatt erneuerbare Kapazität unter Vertrag, die Vertriebspipeline umfasst über 100 Gigawatt. Im Mai waren es noch rund 10 Gigawatt. Im laufenden Betrieb entstehen technische Angebote nach Angaben des Startups 50 bis 100 Prozent schneller, Beschaffungsprozesse schrumpfen von rund 60 Stunden auf etwa eine Stunde. Drei Agententeams sollen so viel leisten wie rund 20 Menschen.
Das Team und die Finanzierung
Perrotta war Volleyballprofi, verkaufte mit 18 Immobilien im Wert von mehr als 17 Millionen Dollar und half später dem italienischen Cloud-Storage-Startup Cubbit, über 25 Millionen Dollar einzuwerben. Durmaz hat in den Bereichen Computer Vision, Differential Privacy und KI für die Chemie gearbeitet. Kennengelernt haben sich die beiden bei Brightdale, aufgebaut haben sie Invertix aus der Münchner TUM.ai-Community heraus. Im Mai schloss Invertix eine Pre-Seed-Runde über 1,7 Millionen Euro ab, angeführt von Vireo Ventures, mit Beteiligung des Italian Founders Fund sowie von Business Angels aus Energie- und KI-Branche.
Die Alternativen zu YC
Y Combinator ist nicht der einzige Weg zu Kapital und Netzwerk. In Europa buhlen Programme wie Entrepreneur First, Antler oder Techstars um Gründer:innen in sehr frühen Phasen, dazu kommen Uni-nahe Initiativen wie UnternehmerTUM in München. Bei der Strahlkraft gegenüber US-Investor:innen kommt aber bisher kaum eines an YC heran.

