65 vs 40 Milliarden Dollar: Wie es Anthropic gelang, OpenAI beim Umsatz zu schlagen
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Im Rennen zwei der größten westlichen KI-Anbieter hat sich das Kräfteverhältnis bei den Umsätzen verschoben. Anthropic liegt laut einem soeben erschienenen Bloomberg-Bericht bei einer annualisierten Umsatzrate von mehr als 65 Milliarden Dollar – erreicht per Ende Juli, mitgeteilt im Rahmen eines regulären Investoren-Updates. OpenAI kommt nach Bloomberg-Informationen vom vergangenen Donnerstag auf eine Run-Rate von mehr als 40 Milliarden Dollar. Beide Zahlen stammen von Personen, die anonym bleiben wollten, beide Unternehmen bereiten einen Börsengang vor.
Zur Einordnung: Die Run-Rate ist keine testierte Umsatzzahl, sondern eine Hochrechnung. Sie nimmt die Erlöse eines kurzen Zeitraums – meist eines Monats – und rechnet sie auf ein volles Jahr hoch. In schnell wachsenden Märkten schmeichelt das der Bilanz erheblich. Bloomberg weist zudem ausdrücklich darauf hin, dass Anthropic und OpenAI die Kennzahl womöglich nach unterschiedlichen Methoden berechnen. Ein Vergleich der absoluten Zahlen ist also mit Vorsicht zu genießen. Aussagekräftig ist vor allem die Steigung der Kurve.
Pikant ist die Konstellation auch aus personellen Gründen. Anthropic wurde von Leuten gegründet, die zuvor bei OpenAI gearbeitet haben: Dario Amodei war dort Forschungschef, seine Schwester Daniela Amodei leitete den operativen Bereich. Mit ihnen gingen unter anderem Tom Brown, der die GPT-3-Entwicklung verantwortet hatte, Jared Kaplan, Sam McCandlish, Chris Olah, Ben Mann und Jack Clark. Anlass des Bruchs waren Differenzen über die Ausrichtung des Unternehmens nach dem Einstieg von Microsoft und über den Umgang mit Sicherheitsfragen. Was heute als Wettlauf zweier Konzerne gelesen wird, ist im Kern die Auseinandersetzung zweier Lager, die einmal am selben Tisch saßen.
Und die Steigung der Kurve erzählt eine Geschichte, die weniger mit Modellqualität zu tun hat als mit der Frage, wem man ein Agentenprodukt zuerst verkauft.
Anthropic: Agenten für zahlende Entwickler
Claude Code kam Anfang 2025 als Research Preview – zu einem Zeitpunkt, als Anthropic bei einer Run-Rate von rund 1,4 Milliarden Dollar lag. Das Produkt war kein Chatbot mit Codefenster, sondern ein Agent, der im Terminal Aufgaben eigenständig abarbeitet. Die Zielgruppe war eng, technisch und zahlungskräftig.
Entwickler sind die erste Berufsgruppe, bei der sich der Nutzen eines Agenten in einer Zahl ausdrücken lässt: geschlossene Tickets, eingesparte Stunden usw. Wer das messen kann, kauft nicht ein Abo, sondern Sitzplätze für ein ganzes Team – und stellt keine Frage nach dem Preis, solange die Rechnung aufgeht. Anthropic hat damit die Anwendungsschicht besetzt, statt Modelle über die API zu verkaufen und den Rest anderen zu überlassen.
Cowork ist Claude Code für Nicht-Programmierer
Der zweite Schritt war die Übertragung desselben Rezepts auf alle, die nicht programmieren. Claude Cowork startete Anfang 2026 und macht mit Dateien, Recherchen und Analysen das, was Claude Code mit Repositories macht. Zwei Wochen später legte Anthropic elf quelloffene Plugins nach, jeweils zugeschnitten auf eine Berufsgruppe – Vertrieb, Finanzen, Recht, Marketing, Datenanalyse, Kundendienst. So beschrieb Anthropic Claude Cowork zum Start:
„Claude Code is a CLI-based tool designed primarily for developers, running in your terminal with full coding capabilities. Cowork brings the same agentic architecture to a graphical interface for non-technical users. Think of Cowork as ‚Claude Code for the rest of your work’—same autonomous power, but accessible without command-line knowledge.“
Die Reaktion der Börse fiel drastisch aus. Innerhalb weniger Handelstage verloren Softwarewerte rund 285 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung, der S&P-Index für nordamerikanische Software brach im Jänner um 15 Prozent ein – der schwächste Monat seit 2008. Thomson Reuters gab zweistellig nach, Figma lag im Jahresverlauf zeitweise 40 Prozent im Minus. Ein Stratege der Investmentbank Jefferies prägte dafür das Wort „SaaSpocalypse“, das seither die gesamte Debatte über die Zukunft von Abo-Software bestimmt. Zwischen dem Cowork-Start und dem Tiefpunkt Ende Februar verlor der S&P Software & Services Index ein Viertel seines Wertes.
Die Furcht dahinter ist eine Preisfrage: Wenn ein Agent Aufgaben übernimmt, für die bisher ein Sitzplatz in einem Fachprogramm gekauft wurde, verschiebt sich der Wert vom Werkzeug zum Ergebnis. Kurz darauf folgte Claude Design für gestalterische Arbeit – Figma verlor am Tag des Starts sieben Prozent. In der Umsatzkurve ist diese Phase der steilste Abschnitt: Zwischen dem Cowork-Start und dem Überholen von OpenAI liegen rund drei Monate.
OpenAI: B2C-Strategie als kostenintensive Falle
OpenAI ging den umgekehrten Weg. Nach GPT-4o, das Multimodalität in den Gratis-Tarif brachte, lag der Fokus auf Reichweite im Consumer-Markt. Sora kam Ende 2024 als öffentliches Videoprodukt, die eigene Sora-App im Herbst 2025 – konzipiert als KI-Variante von TikTok, samt vertikalem Feed und der Möglichkeit, das eigene Gesicht einzuscannen.
Der Erfolg blieb aus. Die Nutzerzahl erreichte laut einer Recherche des Wall Street Journal weltweit in der Spitze rund eine Million und halbierte sich danach. Videogenerierung für Privatnutzer ist ein Geschäft mit hohen variablen Kosten und geringer Zahlungsbereitschaft – und die Rechenleistung fehlte anderswo. Im Frühjahr zog OpenAI die Konsequenz und stellte Sora ein: App und Web-Zugang wurden abgeschaltet, die Schnittstelle folgt im Herbst. Mit der Einstellung endete auch eine milliardenschwere Vereinbarung mit Disney. Die frei werdende Rechenleistung fließt seither in Coding- und Unternehmensprodukte.
Der zweite Versuch, Reichweite zu Geld zu machen, war Werbung. Der Anzeigen-Pilot startete im Winter, im Frühjahr fiel das Mindestbudget. Bloomberg zählt den Aufbau des Werbegeschäfts inzwischen zu den Wachstumstreibern – nur eben zu einem von mehreren, und Anzeigenerlöse pro Nutzer bewegen sich naturgemäß in einer anderen Größenordnung als ein Enterprise-Sitzplatz.
Der Schwenk ins Geschäftskundensegment ist entsprechend deutlich. Codex kam vier Monate nach Claude Code, ChatGPT Work erst in diesem Sommer. Verwaltungsratschef Bret Taylor hat intern eingeräumt, dass man im Coding-Markt hinterhergelaufen sei. Und CFO Sarah Friar nennt heute genau drei Produkte als Umsatztreiber: die Modellreihe GPT-5.6, ChatGPT Work und Codex. Consumer-Produkte stehen nicht darunter.
Der Preis der Aufholjagd
Die Verdopplung der OpenAI-Run-Rate seit Jahresende ist für sich genommen ein starker Wert. Der Vergleich fällt trotzdem einseitig aus, weil er den Aufwand ignoriert: Im Gesamtjahr 2025 stand einem tatsächlichen Umsatz von 13,07 Milliarden Dollar ein Nettoverlust von 38,5 Milliarden gegenüber. Vergleichbare geprüfte Zahlen von Anthropic gibt es aktuell nicht, aber auch ier muss es hohe Milliardenverluste geben.
Parallel dazu ergibt sich nun folgende Rangordnung: Der Anthropic-IPO könnte bei einer Bewertung von satten 2 Billionen Dollar stattfinden und damit sogar SpaceX in den Schatten stellen; währenddessen ist es fraglich, ob OpenAI den Börsengang auch 2026 wagen wird.

