Wie das Cleantech Ineratec Holz zu E-Fuels verarbeiten will
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Aus Holzresten aus normannischen Wäldern soll künftig Treibstoff für Flugzeuge und Rennautos werden. Das Karlsruher Cleantech-Unternehmen Ineratec und der Spezialchemiehersteller Haltermann Carless haben kürzlich eine Absichtserklärung (Letter of Intent) unterzeichnet, wie Ineratec in einer Aussendung mitteilt. Haltermann Carless will demnach ab Inbetriebnahme der geplanten Anlage „ERA T.H2“ mindestens zehn Jahre lang „eine signifikante Menge“ an bio-e-SAF und bio-e-Naphtha pro Jahr abnehmen. Konkrete Mengen und Preise nennen die Unternehmen nicht.
So sollen aus Biomasse e-Fuels werden
ERA T.H2 ist ein sogenanntes Power-and-Biomass-to-Liquid-Projekt (PBtL). Die Anlage entsteht in der Nähe von Caen und wird vom Joint Venture T.H2 betrieben, das Ineratec mit dem normannischen Holz- und Metallverarbeiter TERTU gegründet hat. Das Verfahren läuft in mehreren Schritten ab:
- Rohstoff: Ab 2031 sollen jährlich rund 60.000 Tonnen Holzreststoffe aus regionalen Wäldern und der Industrie verarbeitet werden.
- Vergasung: Das Holz wird in Synthesegas umgewandelt, ein Gemisch vor allem aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff.
- Erneuerbarer Strom: Zusätzlich fließt erneuerbare Energie in den Prozess, etwa in Form von grünem Wasserstoff. Damit lässt sich mehr Kohlenstoff aus der Biomasse in Kraftstoff umwandeln, als es mit reiner Vergasung möglich wäre.
- Fischer-Tropsch-Synthese: Mit der Technologie von Ineratec wird das Gas zu mindestens 13.000 Tonnen flüssigen Kohlenwasserstoffen pro Jahr verarbeitet, darunter e-SAF für die Luftfahrt und e-Naphtha als Grundstoff für die Chemieindustrie.
Die Inbetriebnahme ist für 2029 geplant. Kofinanziert wird das Projekt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, unterstützt wird es außerdem von der französischen Förderbank Bpifrance und der Region Normandie.

Wer hinter dem Deal steht
Ineratec wurde 2016 als Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie gegründet und baut modulare Anlagen für synthetische Kraftstoffe. Im Industriepark Frankfurt-Höchst betreibt das Unternehmen mit „ERA ONE“ bereits eine Anlage mit einer Kapazität von bis zu 2.500 Tonnen e-Fuels pro Jahr, die auf biogenes CO2 und Wasserstoff aus der Chlorproduktion setzt. ERA T.H2 wäre gut fünfmal so groß. Für Wachstum und den Bau von ERA ONE hatte Ineratec in einer Series-B-Runde 118 Millionen Euro eingesammelt, unter anderem von Piva Capital, Safran, Engie und Honda.
Haltermann Carless mit Sitz in Frankfurt am Main gehört zum Investor ICIG und stellt Spezialkohlenwasserstoffe für Mobilität, Industrie und Life Sciences her. Unter der Marke ETS Racing Fuels liefert das Unternehmen Kraftstoffe für den Motorsport, in Frankreich betreibt es einen Standort in Bourgtheroulde in der Normandie. Synthetische Kraftstoffe seien eine „wichtige Ergänzung unseres Portfolios erneuerbarer Kraftstoffe“, sagt Bruno Philippon, General Manager Performance Fuels. Sie spielten eine entscheidende Rolle „im Motorsport, in der Luftfahrt und in weiteren Anwendungen, in denen eine hohe Energiedichte unverzichtbar ist“.
Ineratec-CEO Tim Böltken sieht in der geplanten Abnahme „die Grundlage für den erfolgreichen Hochlauf der Anlage“. Langfristige Abnahmeverträge gelten in der Branche als Voraussetzung dafür, dass Banken und Investor:innen die hohen Baukosten solcher Anlagen finanzieren.
Die Hürden
Der Deal ist allerdings noch kein fester Vertrag. Eine Absichtserklärung ist rechtlich nicht bindend, und ohne konkrete Mengen bleibt offen, welchen Anteil der Produktion Haltermann Carless tatsächlich übernimmt.
Hinzu kommen die Kosten. Eine Analyse der Agora Verkehrswende kam zu dem Ergebnis, dass die Herstellung von e-Fuels zum Zeitpunkt der Untersuchung fünf- bis zehnmal so teuer war wie die von fossilen Kraftstoffen. Der Thinktank verweist außerdem auf den hohen Energiebedarf: Beim Weg über synthetische Kraftstoffe kommt nur knapp die Hälfte des eingesetzten Ökostroms im Tank an. Die Organisation empfiehlt deshalb, e-Fuels auf Bereiche wie Luft- und Schifffahrt zu konzentrieren, in denen es kaum Alternativen gibt. Der Einsatz im Motorsport ist in dieser Logik eine Nische. Wie teuer synthetischer Sprit für Endkund:innen bisher ist, zeigte etwa das Beispiel Porsche, dessen e-Fuels 2023 fast 10 Euro pro Liter kosteten.
Auch der Rohstoff Holz ist umstritten. Eine Studie im Auftrag des deutschen Naturschutzbunds NABU kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland keine zusätzlichen nachhaltigen Potenziale für Energieholz mehr zur Verfügung stehen. Reststoffe wie Sägespäne lassen sich zudem nicht beliebig vermehren und werden bereits von anderen Branchen genutzt, etwa für Spanplatten oder Pellets. Laut Ineratec sollen in der Normandie ausschließlich nachhaltig gewonnene Holzreststoffe aus der Region verarbeitet werden.
Regulatorisch spielt der Anlage die EU in die Hände. Die Verordnung ReFuelEU Aviation schreibt vor, dass ab 2030 sechs Prozent des Flugtreibstoffs in der EU nachhaltig sein müssen, davon 1,2 Prozent synthetisch. Bis 2050 steigen die Quoten auf 70 Prozent beziehungsweise 35 Prozent. Bei Hybridverfahren wie PBtL ist die Anrechnung allerdings kompliziert: Nur der Anteil, der aus erneuerbarem Wasserstoff stammt, gilt als synthetischer Kraftstoff im engeren Sinn, der biogene Anteil zählt als Biokraftstoff.
Konkurrenz in Frankreich
Ineratec ist mit dem Ansatz nicht allein. Auch das französische Unternehmen Elyse Energy plant mit „BioTJet“ eine Anlage, die aus Biomasse und grünem Wasserstoff nachhaltiges Kerosin herstellen soll. In Europa werden zahlreiche weitere Projekte für e-SAF entwickelt, darunter Norsk e-Fuel in Norwegen und Arcadia eFuels in Dänemark. Viele davon warten aber noch auf die finale Investitionsentscheidung, weil Finanzierung und Abnahme oft nicht gesichert sind.

