Die EU Inc wird nicht reichen. Der entscheidende Faktor ist Venture Capital.
Im 19. Jahrhundert waren Unternehmen wie Bosch, General Electric oder Siemens selbst Startups. Die DACH-Region galt damals als aufstrebender Wirtschaftsraum, der die etablierte Industrienation Großbritannien herausforderte. Die Parallele zur Gegenwart liegt auf der Hand – nur mit vertauschten Rollen: Heute gehören wir zu den etablierten Industrienationen, die darum kämpfen, mit China in der Industrie und mit den United States im Technologiesektor Schritt zu halten.
Viele der Unternehmen, die Österreichs Wirtschaft im Jahr 2040 prägen werden, existieren heute noch gar nicht. Einige entstehen gerade jetzt – in Uni-Laboren, Garagen oder Co-Working-Spaces. Hinter ihnen stehen Menschen mit Ideen. Was mit diesen Menschen und Ideen in den nächsten Monaten und Jahren passiert, entscheidet darüber, wie wettbewerbsfähig wir in unserer Region künftig sein werden.
Was wirklich fehlt
Europa hat dabei gegenüber den USA einen zentralen Nachteil: einen deutlich kleineren Markt für Risikokapital. Je nach Quelle ist davon auszugehen, dass in den USA fünf- bis zehnmal Mal so viel Venture Capital verfügbar ist wie in Europa. Zwei Beispiele verdeutlichen das:
- Kein einziges EU-Unternehmen wurde in den vergangenen fünfzig Jahren von Grund auf neu gegründet und hat dabei eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Euro erreicht.
- Bei Finanzierungsrunden und Unternehmensbewertungen muss man die europäischen Werte oft mit zehn multiplizieren, um auf vergleichbare US-Größenordnungen zu kommen.
Der ausschlaggebende Unterschied zwischen den Regionen liegt nicht – wie häufig behauptet – an einem Mangel an Talent, Unternehmergeist oder Ideen. Es ist auch nicht das Fehlen einer „EU Inc.“. Der entscheidende Faktor ist der Mangel an Venture Capital.
Das oft noch fehlende Gründungs-Mindset der “Jungen” ändert sich spätestens dann, wenn sich die Sparbuch-Mentalität der “Älteren” ändert und mehr Kapital in Startups fließt.
Europa ist nicht verloren
Die letzten Monate zeigen aber, dass Europa aufholt. Finanzierungsrunden wie jene von LAMI Labs, Neura Robotics oder Mistral sind Ausdruck der Veränderung. Öffentliches Venture Capital trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, den Strukturwandel zu schaffen: Staatliche Institutionen sind heute noch die größte Kapitalquelle für europäische VC-Fonds: Rund 25 Prozent der Venture-Fundraising-Mittel im Jahr 2024 stammten direkt aus öffentlichen Quellen – manche Schätzungen sehen diesen Anteil für 2023 sogar bei 37 Prozent.
Ein großer Teil des Kapitals, das auf den ersten Blick privat wirkt, enthält daher indirekt öffentliche Mittel – etwa durch den Hebelmechanismus des European Investment Fund (EIF), der aus einem Euro öffentlichen Kapitals häufig etwa fünf Euro Gesamtinvestition mobilisiert.
Neben dem Vergleich USA–Europa lohnt sich auch der Blick auf Österreich: Das Venture-Capital-Investitionsvolumen in Österreich liegt bei nur 0,022 % des BIP – damit liegt es bei weniger als einem Drittel des EU-Durchschnitts und gehört zu den niedrigsten Werten in Europa. Diese Zahl ist mehr als eine Statistik. Sie zeigt, was an künftiger Innovation gar nicht erst entsteht.
Europa hat zu lange nur auf Bankenfinanzierung gesetzt, auch für Innovationen – eine Strategie, die sich nicht bewährt hat. Privates Kapital geht zuerst auf Sparbücher, in Zinshäuser, “mündelsichere Veranlagungen” und bestenfalls in Aktien, vorwiegend von US-amerikanischen Unternehmen. Das muss sich ändern.
Es braucht nicht viel, um brachliegendes Kapital zu aktivieren. Es braucht:
- Steuerliche Vorteile für Startup-/VC-Investoren: Man hat bei Investitionsförderprogrammen während der Corona-Zeit gesehen, welche Wirkung nur kleine steuerliche Anreize entfalten können. Just do it!
Beispiel Schweden: Dort kann die Steuer auf Kapitalgewinne aus dem Verkauf von Anteilen an nicht börsennotierten Unternehmen aufgeschoben werden, solange die Erlöse in andere nicht börsennotierte Unternehmen reinvestiert werden. Das hat den Anreiz für Founder, Mitarbeiter und Investoren erhöht, Erlöse nach einem erfolgreichen Exit gleich in neue Unternehmungen zu stecken.
- Aktivierung von institutionellem Kapital: Ein kleiner Teil der enormen Kapitalreserven von Pensionsfonds und Versicherungen könnte gezielt für Venture Capital mobilisiert werden – ohne die Stabilität dieser Institutionen zu gefährden. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten selbst jene Schranken auferlegt, die das Entstehen eines wettbewerbsfähigen Venture-Capital-Marktes verhindern.
Oberösterreich: Der potentielle Perfect Match – Industrie trifft KI
Oberösterreich zählt zu den am stärksten industrialisierten Regionen Europas. Die Wirtschaft basiert auf Produktion, Maschinenbau und exportorientierten Unternehmen. Gleichzeitig ist die Johannes Kepler Universität Linz eines der bedeutendsten Zentren für Forschung und Lehre im Bereich künstlicher Intelligenz und Machine Learning. So studieren alleine schon mehr als 2.500 Studenten am Machine-Learning-Institut der JKU – Tendenz steigend. Dessen Leiter, Sepp Hochreiter, zählt zu den weltweit führenden Forschern im Bereich KI.
Die Verbindung dieser beiden Stärken – industrielle Basis und KI-Innovation aus Startups – bildet einen zentralen Schwerpunkt unserer Arbeit beim OÖ HightechFonds und aller Partner im Ökosystem, darunter JKU, FHOÖ, IT:U, tech2b, Land Oberösterreich und BizUp.
Über den Autor: Thomas Meneder ist Geschäftsführer des OÖ HightechFonds, (Co-)Founder von Unternehmen wie NXAI und sitzt in zahlreichen Startups und Scale-ups im Advisory Board.