Apple nach dem iPhone Duo: „Die größere strategische Frage bleibt die KI“
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Apple hat kürzlich sein erstes faltbares iPhone vorgestellt, und das Netz ist seither voll mit Hands-ons, Teardowns und Kaufberatung zum iPhone Duo. Der Auftritt hatte einen Schwerpunkt, und der lag nicht bei künstlicher Intelligenz: Im Zentrum standen ein Scharnier mit mehr als hundert Bauteilen, ein 7,6 Zoll großes Innendisplay und ein Gehäuse aus Titan. Die Börse honorierte das. Die Apple-Aktie schloss am Tag nach der Präsentation 3,56 Prozent im Plus bei 326,57 Dollar.
Ein Gerät, das sich von selbst verkaufen könnte
Das iPhone Duo startet in den USA bei 1.999 Dollar, in Deutschland bei 2.299 Euro und in Österreich bei 2.319 Euro für die 256-GB-Variante. Vorbestellen lässt es sich ab Mitte Oktober, eine Woche später kommt es in mehr als 70 Ländern in den Handel. Technisch setzt Apple auf den A20-Pro-Chip, ein 5,4 Zoll großes Außendisplay, IP68 und eSIM ohne Kartenschacht.
Analyst:innen rechnen mit knapper Ware. Amit Daryanani von Evercore ISI hält es für sehr wahrscheinlich, dass das Gerät über längere Zeit ausverkauft oder nur mit Lieferverzögerungen erhältlich sein wird. Citi nennt das Duo die größte neue Hardware-Kategorie seit Apple Watch und AirPods und ruft ein Kursziel von 365 Dollar auf, Bank of America liegt bei 370 Dollar, Morgan Stanley bei 360 Dollar, JPMorgan bei 340 Dollar. Jefferies bleibt mit einem Kursziel von 263,66 Dollar und einem Underperform-Rating der Gegenpol.
Zur Einordnung: Der Markt für Foldables ist bisher eine Nische. Im zweiten Quartal 2026 wurden weltweit rund 3,4 Millionen Geräte ausgeliefert. Samsungs Galaxy Z Fold 8 startete bei 1.999 Euro und ist mittlerweile für etwa 1.400 Euro zu haben, liegt preislich also deutlich unter Apples Einstieg.
KI war beim Event Beiwerk
In Apples Pressetext taucht künstliche Intelligenz durchaus auf. Das Duo bringe, so das Unternehmen, leistungsfähige KI-Funktionen mit dem persönlichen Kontext der Nutzer:innen zusammen. Eine vollständig neue Siri-Generation rolle mit iOS 27 aus, vorerst als Beta. Funktionen wie Smart Take laufen als On-Device-Modelle auf dem A20 Pro, sensible Verarbeitung übernimmt Private Cloud Compute.
Inszeniert wurde das alles allerdings zurückhaltend. Die neue Siri kam als Beta-Fußnote, während die Bühne dem Scharnier gehörte. Und in Europa fehlt der Assistent vorerst ganz. Apple liefert Siri AI in der EU zunächst nur für macOS und visionOS aus, nicht für iPhone und iPad. Begründung ist der Digital Markets Act, der aus Sicht des Konzerns fremden KI-Systemen zu weitreichenden Zugriff auf das Gerät einräumen würde. Apples Vorschlag eines „Trusted System Agent“ wurde von der EU-Kommission abgelehnt. Käufer:innen in Wien oder Berlin bekommen also ein 2.300-Euro-Gerät, dessen KI-Kern zum Start nicht an Bord ist.
Dazu kommt, woher die Intelligenz stammt. Siri AI läuft auf Googles Gemini, Apple zahlt dafür rund eine Milliarde Dollar pro Jahr. Mit den Software-Generationen des Jahres 2027 will das Unternehmen Tageslimits für serverseitige KI-Funktionen einführen und zusätzliches Kontingent über iCloud+ verkaufen. Der Konzern beginnt damit, KI zu monetarisieren, bevor er sie als eigenes Produkt positioniert hat.
Dieses Modell wirkt in beide Richtungen auf die Bilanz. Auf der Erlösseite bekommt Apple einen Hebel, der in der installierten Basis von weit über einer Milliarde aktiver iPhones skaliert: Wer das Gratis-Kontingent regelmäßig ausschöpft, landet künftig in einem kostenpflichtigen iCloud+-Tarif, und Services sind die margenstärkste Sparte des Konzerns. Auf der Kostenseite liegt das Risiko genau im Gratis-Teil. Jede Anfrage an ein Cloud-Modell verursacht Rechenkosten, und Apple bezahlt diese Inferenz auch dann, wenn sie im kostenlosen Kontingent stattfindet. Je intensiver Siri AI genutzt wird, desto größer wird also der Block an Anfragen, denen erst jenseits des Limits ein Erlös gegenübersteht. Die Tageslimits wirken damit zugleich als Kostenbremse, und die entscheidende Größe ist, wie viele Nutzer:innen die Grenze überhaupt erreichen und dann tatsächlich zahlen.
Was Anleger:innen jetzt beobachten
„Für Anleger lautet die zentrale Frage nach der Markteinführung durch Apple, ob die neue Produktpalette den iPhone-Ersatzzyklus spürbar beschleunigen und ein stärkeres Stückzahlwachstum, höhere durchschnittliche Verkaufspreise oder beides bewirken kann. Der Einstieg in den Markt für faltbare Smartphones ist besonders interessant, da er Apple die Möglichkeit bietet, eine neue Premium-Preisstufe oberhalb des Pro Max zu etablieren. Es sind nicht unbedingt riesige Stückzahlen erforderlich, damit sich dies spürbar auf den Produktmix und die durchschnittlichen Verkaufspreise auswirkt“, so Tony Wang, Portfolio Manager bei T. Rowe Price.
Zur strategischen Dimension sagt Wang: „Die größere strategische Frage bleibt jedoch die KI. Apple muss nicht unbedingt über das beste Grundmodell verfügen; sein Vorteil könnte darin liegen, das iPhone zur primären Schnittstelle und Vertriebsschicht für Verbraucher-KI zu machen. Apple kontrolliert das Gerät, die Identität, den persönlichen Kontext, die Apps und die Zahlungen über eine riesige installierte Basis hinweg. Sollten KI-Modelle zunehmend zur Massenware werden, könnte dieser Vertriebsvorteil an Wert gewinnen.“
Und mit Blick auf die Zahlen: „Letztendlich wird der Fokus der Anleger darauf liegen, was die Zahlen verändert: Austausch der Modelle, durchschnittliche Verkaufspreise und Produktmix, Bruttomargen sowie das Potenzial der KI, eine stärkere Monetarisierung von Dienstleistungen voranzutreiben.“
Morgan-Stanley-Analyst Erik Woodring argumentiert in eine ähnliche Richtung und beschreibt das iPhone als intelligenten persönlichen Hub, in dem Siri AI strategisch im Zentrum steht. JPMorgan-Analyst Samik Chatterjee erwartet, dass die Siri-Funktionen zum Umsatzwachstum beim iPhone beitragen und einen zusätzlichen Upgrade-Anreiz liefern.
Die offene Rechnung
Kurzfristig spricht vieles für Apple. Ein Premium-Preispunkt oberhalb des Pro Max hebt den durchschnittlichen Verkaufspreis, selbst wenn die Stückzahlen überschaubar bleiben, und die Aufmerksamkeit rund um das Duo ist ein Vertriebskanal für sich. Gegen die Marge sprechen steigende Speicherpreise, auf die Bank-of-America-Analyst Wamsi Mohan hinweist, und die Tatsache, dass die neuen iPhone-Preise unter seinen Schätzungen lagen.
Mittelfristig entscheidet etwas anderes. Wenn Basismodelle zur Commodity werden, verschiebt sich der Wert dorthin, wo Kund:innen tatsächlich ankommen, also auf Gerät, Identität, Kontext, Apps und Zahlungsabwicklung. Das ist genau Apples Terrain, und es ist der Grund, warum ein zugekauftes Modell die Strategie nicht automatisch untergräbt. Ob daraus Umsatz wird, zeigt sich erst, wenn die Services-Erlöse anziehen. Beim Duo liefert die Hardware die Antwort schon heute, bei der KI steht sie noch aus.

