Kernkraft

Grünes Licht für das erste Mini-AKW der USA

Rendering of a BWRX-300 small modular reactor plant with a compact white reactor building surrounded by forest
Rendering of a BWRX-300 small modular reactor plant. © GE Vernova Hitachi

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Die USA bekommen ihren ersten kommerziellen Mini-Atomreaktor, zumindest auf dem Papier. Die Atomaufsichtsbehörde NRC hat soeben dem staatlichen Energieversorger Tennessee Valley Authority (TVA) die Baugenehmigung für einen Small Modular Reactor (SMR) am Standort Clinch River in Oak Ridge, Tennessee, erteilt. Die Prüfung dauerte 14 Monate, vier Monate weniger als geplant. „Vier Monate vor dem Zeitplan, so sieht die neue NRC aus“, sagt NRC-Chef Ho K. Nieh. Es ist die zweite große Reaktorgenehmigung in diesem Jahr: Im März hatte die Behörde bereits den Bau des Natrium-Reaktors von TerraPower in Wyoming freigegeben.

Was der Reaktor kann

Gebaut wird ein BWRX-300 von GE Vernova Hitachi Nuclear Energy, einem Gemeinschaftsunternehmen des US-Konzerns GE Vernova und der japanischen Hitachi. Es ist die erste Genehmigung für diesen Reaktortyp in den USA. Die wichtigsten Eckdaten laut GE Vernova:

  • Leistung: 300 Megawatt, genug für rund 300.000 Haushalte.
  • Technik: Ein Siedewasserreaktor, eine seit Jahrzehnten erprobte Bauart, in vereinfachter Form. Im Notfall soll er ohne Pumpen und ohne Eingriff des Personals passiv gekühlt werden.
  • Platzbedarf: Die Anlage passt laut Hersteller auf eine Fläche von etwa zwei Fußballfeldern.
  • Bauzeit: 24 bis 36 Monate vom ersten Beton bis zur Brennstoffbeladung, allerdings erst für spätere Serienanlagen.

In Betrieb gehen darf der Reaktor mit der Baugenehmigung noch nicht, dafür braucht TVA eine eigene Betriebserlaubnis. Einen Baubeginn hat TVA laut Washington Examiner noch nicht genannt, angepeilt ist ein kommerzieller Betrieb Anfang der 2030er-Jahre. „Diese Baugenehmigung ist mehr als ein regulatorischer Erfolg, sie ist grundlegend für Amerikas nukleare Zukunft“, sagt TVA-Interimschef Mike Skaggs.

TVA CEO Mike Skaggs and NRC director Jeremy Bowen holding the construction permit certificate for Clinch River Nuclear Unit 1
TVA CEO Mike Skaggs (left) and Jeremy Bowen, director of the NRC’s Office of Advanced Reactors, with the Clinch River construction permit. © GE Vernova

Wer dahintersteht

TVA ist ein staatliches Versorgungsunternehmen, das sieben US-Bundesstaaten mit Strom beliefert. Das US-Energieministerium unterstützt das Projekt mit 400 Millionen Dollar (rund 342 Millionen Euro). Die Entwicklung des Standarddesigns finanzieren GE Vernova Hitachi, TVA, der kanadische Versorger Ontario Power Generation (OPG) und das polnische Unternehmen Synthos Green Energy gemeinsam. Beim Bau sollen die Konzerne Bechtel und Sargent & Lundy helfen.

Was ein solcher Reaktor kostet, zeigt Kanada: OPG baut am Standort Darlington bereits den ersten BWRX-300 der Welt. Der erste Block kostet laut World Nuclear News 6,1 Milliarden kanadische Dollar (rund 3,8 Milliarden Euro), alle vier geplanten Blöcke zusammen 20,9 Milliarden (rund 13 Milliarden Euro). Er soll um 2030 ans Netz gehen. Eine offizielle Kostenschätzung für Clinch River hat TVA nicht veröffentlicht. Weitere BWRX-300 sind in Polen und in Texas geplant, wo das Unternehmen Blue Energy den Reaktor mit Gasturbinen kombinieren will.

Warum SMRs für KI-Rechenzentren interessant sind

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. KI-Rechenzentren treiben den Strombedarf in den USA nach oben. Laut dem Lawrence Berkeley National Laboratory könnten Rechenzentren bis 2030 rund 12 Prozent des US-Stroms verbrauchen, nach 4,4 Prozent im Jahr 2023, wie die aktuelle Studie schätzt. Auch in TVAs eigenem Netz wächst die Nachfrage: „Wir erwarten, dass sich das Wachstum der Rechenzentren in unserer Region bis 2030 verdoppelt“, sagte der frühere TVA-Chef Don Moul laut Utility Dive Anfang des Jahres. In TVAs Gebiet liegt auch der Supercomputer Colossus von xAI in Memphis.

SMRs versprechen, was Betreiber von Rechenzentren suchen: rund um die Uhr CO2-armen Strom, kleinere Anlagen als klassische AKW und im Idealfall Standorte direkt neben den Serverhallen. Die großen Tech-Konzerne haben sich bereits eingedeckt:

  • Google: Der Konzern kauft Strom aus Reaktoren des Startups Kairos Power. Der Testreaktor Hermes 2, ebenfalls in Oak Ridge, soll über das TVA-Netz bis zu 50 Megawatt für zwei Google-Rechenzentren liefern.
  • Amazon: Der Konzern investierte in X-energy und will bis 2039 mehr als 5 Gigawatt aus SMRs beziehen.
  • Meta: Der Konzern hat sich Anfang des Jahres bis zu 6,6 Gigawatt Atomstrom gesichert, unter anderem von TerraPower und Oklo.
  • Microsoft: Für den Konzern soll der stillgelegte Reaktor Three Mile Island 1 als Crane Clean Energy Center wieder ans Netz gehen.

Der Gas-Boom kommt schneller

Kurzfristig setzt die Branche aber vor allem auf Gas, denn neue Reaktoren liefern frühestens in einigen Jahren Strom. Laut Global Energy Monitor ist die in den USA geplante Gaskraftwerksleistung binnen sechs Monaten um 50 Prozent auf 378 Gigawatt gestiegen. Die Hälfte davon, 189 Gigawatt, ist für Rechenzentren gedacht. Die Hersteller kommen kaum nach: GE Vernova hat laut Quartalsbericht Aufträge und Reservierungen für 116 Gigawatt an Gasturbinen in den Büchern, Siemens Energy ist laut S&P Global bis 2028 ausgebucht.

Auch TVA baut parallel neue Gaskraftwerke mit zusammen 3 Gigawatt. Für Metas Rechenzentrum Hyperion in Louisiana errichtet der Versorger Entergy drei Gaskraftwerke mit 2,26 Gigawatt. Wie viel davon tatsächlich gebaut wird, ist allerdings offen. Laut Global Energy Monitor wurden historisch nur 20 bis 30 Prozent der geplanten Gaskraftwerke auch realisiert. Und laut der US-Energiebehörde EIA entfallen von den 2026 geplanten neuen Kraftwerken nur 7 Prozent der Leistung auf Gas, der Großteil auf Solar, Batteriespeicher und Wind.

Die Kritik: zu teuer, zu langsam

SMRs sind umstritten. Das bisher prominenteste Projekt, ein NuScale-Kraftwerk in Utah, wurde 2023 abgesagt, nachdem der erwartete Strompreis von 55 auf 89 Dollar (rund 76 Euro) pro Megawattstunde gestiegen war. „Ein zentrales Argument der SMR-Befürworter ist, dass die neuen Reaktoren wirtschaftlich konkurrenzfähig sein werden, aber die Erfahrungen mit den ersten SMRs, die gebaut wurden oder im Bau sind, zeigen, dass das schlicht nicht stimmt“, sagt David Schlissel vom Energiemarkt-Thinktank IEEFA. Die Kosten des ersten kanadischen BWRX-300 liegen laut dem World Nuclear Industry Status Report deutlich über dem, was der Hersteller ursprünglich in Aussicht gestellt hatte.

Die Hersteller setzen darauf, dass die Kosten mit der Serienfertigung sinken. „Der Aufbau einer Flotte ist entscheidend, um die Kernenergie in den Vereinigten Staaten zu skalieren“, sagt Jason Cooper, CEO von GE Vernova Hitachi. Ein Standarddesign erlaube es, Technologie, Genehmigungserfahrung und Lieferketten von einem Projekt auf das nächste zu übertragen.

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