Europa hinkt bei Biotech-Investitionen hinterher
Während die USA mittlerweile mehr als die Hälfte aller weltweit führenden Forschungsinvestoren im Gesundheitsbereich stellen, kämpft Europa mit strukturellen Problemen bei Finanzierung, Regulierung und Unternehmenswachstum. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria. „Europa produziert Spitzenforschung, aber zu selten globale Champions. Das Problem liegt nicht im Labor, sondern in den Rahmenbedingungen für Wachstum, Finanzierung und Kommerzialisierung“, sagt EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna.
Österreich verfügt grundsätzlich über starke Voraussetzungen. Die Studie zählt hierzulande 1.174 Unternehmen im Life-Sciences-Sektor, die mehr als 73.000 Menschen beschäftigen und rund 40 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Pharmazeutische Produkte machen mittlerweile rund zehn Prozent der österreichischen Warenexporte aus. Doch der strukturelle Rückstand Europas zeigt sich in harten Zahlen: Von weltweit 36,5 Milliarden Euro an Venture-Capital-Investitionen in Biotechnologie entfallen 29,5 Milliarden Euro auf die USA. Die EU-Mitgliedsstaaten kommen lediglich auf 3,6 Milliarden Euro.
Viel Geld, wenig Wirkung: Europas Kapitalmarktproblem
EcoAustria schlägt eine tiefgreifende Kapitalmarktintegration mit einem einheitlichen europäischen Handelsplatz für Biotech-Unternehmen vor. Derzeit verteilen sich europäische Firmen auf 15 Börsenplätze, wodurch Liquidität und institutionelle Investoren fehlen. „Europa verfügt über enorme Kapitalreserven – sie erreichen innovative Wachstumsunternehmen aber viel zu selten. Ohne eine stärkere Beteiligung von Pensionsfonds und Versicherungen wird der Rückstand gegenüber den USA nicht aufzuholen sein“, betont Köppl-Turyna.
Während Dänemark Beitragssätze von bis zu 18 Prozent erreicht und zu den größten Investoren in europäische Wachstumsunternehmen zählt, liegt die österreichische Mitarbeitervorsorge bei lediglich 1,53 Prozent des Bruttoentgelts. Das Institut fordert eine schrittweise Umschichtung von der ersten in die zweite Säule des Pensionssystems, ohne die Gesamtbelastung von Arbeit zu erhöhen.
Europa bei Zulassungsverfahren deutlich langsamer als die USA
Auch regulatorische Hürden bremsen europäische Biotech-Firmen aus. Im Onkologiebereich benötigt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) im Median 424 Tage für die Zulassung, die US-amerikanische FDA hingegen nur 216 Tage. Rund 40 Prozent der Unternehmen geben an, dass die Kosten der EU-Medizinprodukteverordnung MDR zwischen sechs und zehn Prozent ihres Jahresumsatzes betragen. „Lange Zulassungsverfahren sind kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung. Europa kann schneller werden, ohne seine Sicherheitsstandards aufzugeben“, so Köppl-Turyna. EcoAustria empfiehlt schnellere Zulassungsverfahren, eine proportionale MDR-Reform für kleinere Unternehmen sowie eine Verdoppelung der Gutachterkapazitäten bei der EMA.
Großes Potenzial sieht das Institut in international sichtbaren Exzellenzclustern. Wien verfügt mit dem Vienna BioCenter, IMP, IMBA und dem KI-Institut AITHYRA bereits über eine starke Ausgangsbasis. EcoAustria empfiehlt, dass Österreich im nächsten Horizon-Europe-Programmzyklus gezielt ein europäisches Cluster-Mandat für Wien anstrebt. Zusätzlich spricht sich das Wirtschaftsforschungsinstitut für ein einheitliches EU-Talentvisum für hochqualifizierte Fachkräfte sowie international wettbewerbsfähige Mitarbeiterbeteiligungsmodelle aus.
„Junge Biotech-Unternehmen können im internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Österreich muss sich daher auf europäischer Ebene für moderne Mitarbeiterbeteiligungsmodelle und einen leistungsfähigeren Kapitalmarkt einsetzen“, so Köppl-Turyna abschließend.
