Manche Startups sind einfach zu vergessen
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Immer öfter melden sich ehemalige Gründer:innen bei uns und wollen aus unserem Archiv verschwinden. Oft kommen wir den Bitten nach. Früher waren solche Anfragen die Ausnahme, aber 2026 kommen sie fast im Wochentakt. Das hat mehr mit KI zu tun, als es auf den ersten Blick aussieht.
Die Absender:innen ähneln einander stark. Es sind oft Menschen, die im großen Startup-Hype mitgeschwommen sind, als jede Gründung eine Meldung wert war und es Bühnen, Pitches und TV-Formate im Überfluss gab. Krypto-Token, die nie ein Listing sahen. CBD-Shops, die im Regulierungsnebel steckenblieben. Fitness-Apps, Freizeit-Plattformen, Marktplätze. Die Firmen sind abgedreht, liquidiert oder in die Pleite gerutscht. Geblieben ist der Artikel. Und Google.
Grob gibt es drei Typen von Anfragen. Der erste ist juristisch durchgearbeitet: Das Projekt sei vollständig eingestellt, die Namensnennung damit für den ursprünglichen journalistischen Zweck nicht mehr erforderlich. Dazu ein Verweis auf die Monatsfrist und ein Drei-Punkte-Katalog, meist inklusive Vorschlag, den Namen durch eine Formulierung wie „eine beteiligte Person“ zu ersetzen.
Der zweite Typ argumentiert biografisch. Da geht es etwa um die Online-Nachberichterstattung zu einem TV-Auftritt, die seit über fünf Jahren im Netz steht und inzwischen Privatleben wie berufliches Fortkommen belastet. Der wichtigste Satz in so einer Mail handelt selten von Paragrafen. Er handelt davon, im Alltag ständig auf eine alte Episode reduziert zu werden.
Der dritte Typ kommt ohne Begründung aus. Zwei Zeilen, geduzt, Umzug, berufliche Neuorientierung, bitte alles weg.
Löschen müssten wir gar nicht
Was in diesen Schreiben selten vorkommt: Medien sind schwierige Adressaten für solche Anträge. Für journalistische Zwecke sieht Art. 85 DSGVO Ausnahmen vor, Österreich hat sie in § 9 DSG breit ausgestaltet (Medienprivileg). Und das vielzitierte Recht auf Vergessenwerden der EU richtete sich vor allem gegen Suchmaschinen, nicht gegen Redaktionen.
Über die Abwägung lässt sich trotzdem streiten, und zwar in beide Richtungen. Die meisten dieser Gründer:innen waren Geschäftsführer:innen. Sie haben öffentlich für Produkte und Services geworben, Interviews gegeben, auf Bühnen gepitcht, sich in TV-Formate gesetzt. Manche haben das Rampenlicht ausgesprochen lautstark gesucht. Und viele haben Geld eingeworben, bei Business Angels, bei Fonds, im Krypto-Bereich auch bei Kleinanleger:innen. Wer als Unternehmer an die Öffentlichkeit geht, um Kundschaft und Kapital zu gewinnen, kann diese Öffentlichkeit schwer wie einen Wasserhahn zudrehen, sobald das geschäft nicht mehr läuft. Das ist die Gegenposition, und sie ist gut vertretbar.
Ich entscheide von Fall zu Fall. Meistens im Sinne des Löschens.
Der Grund ist simpel: Öffentliches Interesse hat ein Ablaufdatum. Eine Seed-Runde für ein Startup, das vor Jahren aufgegeben hat, war damals eine Nachricht. Heute ist sie für uns ein Eintrag im Archiv. Für die betroffene Person ist sie das aber oft Erste, was Personalabteilungen, Vermieter und neue Geschäftspartner über sie lesen. Fünf Minuten Aufwand auf unserer Seite stehen gegen ein halbes Berufsleben auf der anderen.
Es gibt natürlich Grenzen. Wo Anleger:innen oder Kund:innen Geld verloren haben, wo Gerichte involviert waren oder sind, wo jemand weiterhin öffentlich auftritt oder erneut Kapital einsammelt, bleibt der Name stehen. Ein Archiv ist kein Selbstbedienungsladen für Reputations-Management. Meistens aber geht es um ein totes Projekt, an dem niemand mehr hängt außer der Person, die es gegründet hat.
Vergessen im Zeitalter der Totalerfassung
Diese Anfragen häufen sich in einer Zeit, in der praktisch alles mitgeschrieben wird. Jedes Meeting hat ein KI-Transkript, jeder Call eine Zusammenfassung. Und die großen Sprachmodelle haben Medienarchive wie unseres längst eingelesen. Ein Name, den wir aus dem CMS nehmen, verschwindet deshalb noch lange nicht aus KI-Chatbots, Caches oder Web-Archiven.
In Europa wird seit Jahren über Fehlerkultur geredet. Auf jeder zweiten Konferenz fällt der Satz, dass Scheitern dazugehört. Fehlerkultur heißt aber auch, dass ein gescheitertes Startup nicht bis zur Pension das erste Suchergebnis zum eigenen Namen bleiben muss.
