Warum Google seinen KI-Rivalen Anthropic in Workspace lässt
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Seit dieser Woche arbeitet Claude direkt in Google Workspace, gleich neben Gemini. In diesem Gastbeitrag erklärt Ting Wasner-Lian, warum Google das zulässt, nach welcher Geschäftslogik Plattformen sich für KI-Agenten öffnen und was europäische Unternehmen vor ihrem nächsten KI-Vertrag tun sollten.
Am 6. Oktober hat Anthropic Claude direkt in Google Docs, Sheets und Slides gebracht: Claude sitzt in einer Seitenleiste neben der Datei, liest mit, was gerade geöffnet ist, und bearbeitet es direkt. Jede Änderung lässt sich freigeben, bevor sie übernommen wird, und das alles gleich neben Googles eigenem Gemini. Warum lässt Google seinen größten KI-Rivalen in das eigene Produkt?
Google verkauft den Arbeitsplatz, nicht das Tor
Google ist zwar an Anthropic beteiligt, der Hauptgrund ist das aber nicht. Google Workspace verdient Geld über Abos pro Nutzer:in und Monat, egal ob diese Person mit Gemini oder mit Claude arbeitet. Claude auszusperren, brächte wenig und würde treue Claude-Kund:innen Richtung Microsoft 365 treiben. Also öffnet Google die Tür zu den eigenen Bedingungen: Claude kommt als Marketplace-App, die Administrator:innen wieder entfernen können.
Chinas Office funktioniert genauso
Alibaba besitzt DingTalk, Chinas führende App für die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz, und entwickelt mit Qwen ein eigenes Flaggschiff-LLM. 2024 hat DingTalk seine Plattform ausdrücklich für externe Foundation Models geöffnet und offiziell direkte Konkurrenten wie MiniMax, Moonshot, Zhipu AI, 01.AI und Baichuan AI integriert.
Alibaba hat erkannt: Damit DingTalk wettbewerbsfähig bleibt, muss ein Unternehmen Zhipu fürs Programmieren und Moonshot für die Dokumentenanalyse nutzen können, wenn es das will. Schränkt Alibaba die Wahl der KI ein, wandern Unternehmen zu anderen Plattformen wie Feishu von ByteDance ab. Mit einem Ökosystem aus vielen Modellen hält DingTalk die täglichen Arbeitsabläufe und Daten der Unternehmen auf der eigenen Plattform, egal welches KI-Modell gerade vorne liegt. Chinas Super-Apps für Konsument:innen haben sich genau umgekehrt entschieden, wie ich in meiner letzten Kolumne beschrieben habe.
Europas eigener Testfall: SAP
SAP zeigt, dass diese Entscheidung nicht immer so einfach ist, selbst für ein Abo-Geschäft. Unternehmen vertrauen SAP ihre wertvollsten Betriebsdaten an, und SAP investiert massiv in einen eigenen KI-Assistenten namens Joule und eine eigene Datenschicht.
Das Münchner Unternehmen Celonis hat SAP in Kalifornien verklagt. Das Argument: Kund:innen sollten ihre eigenen Daten mit Tools von Drittanbietern teilen können, ohne dafür hohe Gebühren zu zahlen.
Meine Einschätzung: Entscheidend ist, ob sich das Tor verrechnen lässt
Plattformen öffnen das Tor, wenn sie dafür nichts verlangen können, und schließen es, sobald das Tor selbst zum Produkt wird. Google kann Claude in einem Dokument kaum verrechnen. SAP kann ERP-Daten verrechnen, weil jeder Business-Agent sie braucht.
Und das wird immer wichtiger. Bisher wurden Arbeitsabläufe rund um Menschen gestaltet. Um KI-Agenten-nativ zu werden, müssen Unternehmen ihre Abläufe rund um KI-Agenten neu aufsetzen. Dafür brauchen sie direkten Lese- und Schreibzugriff auf ihre eigenen Daten. Ich erwarte, dass mehr Anbieter SAP folgen werden als Google: grundsätzlich offen, aber mit einem Preisschild für jeden Agenten, der hereinkommt. Googles offene Tür bleibt die Ausnahme.
Was europäische Unternehmen jetzt tun sollten
- Agentenzugang schriftlich festhalten: Standardmäßiger API-Zugang bedeutet nicht automatisch kostenlosen Zugang für Agenten. Fragen Sie jeden zentralen Anbieter, ob ein KI-Agent Ihrer Wahl Ihre Daten lesen und schreiben darf, auf welchem Weg und zu welchen Kosten. Diese Bedingungen gehören direkt in den Vertrag.
- Die eigenen Tore kartieren: Halten Sie genau fest, wo Ihre für Agenten kritischen Daten liegen und wer die Zugriffsschicht technisch kontrolliert. Diese Karte ist Ihre eigentliche KI-Strategie.
- Wer KI-Agenten baut, liest zuerst das Geschäftsmodell und dann die API: Eine Plattform, die für das Tor kassieren kann, ist der Mauteintreiber von morgen.
Über die Autorin
Ting Wasner-Lian ist Gründerin von SE Incubator Consulting in Wien und hilft europäischen Entscheidungsträger:innen dabei, chinesische KI zu verstehen.