Interview

GymBeam CEO Dalibor Cicman: „Wir machen pro Mitarbeiter 357.000 Euro Umsatz“

GymBeam CEO Dalibor Cicman. © GymBeam
GymBeam CEO Dalibor Cicman. © GymBeam

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Dass die ursprünglich in der Slowakei gegründete Fitness-Marke GymBeam seinen Standort nach Wien verlegte, war 2025 eine große Meldung. Die österreichische Hauptstadt ist damit zur Drehscheibe für die nunmehr größte internationale E-Commerce-Plattform im EU-Health-&-Fitness-Segment, wie Gründer und CEO Dalibor Cicman vorrechnet: 2025 stieg der Umsatz auf 269 Millionen Euro, bei einem EBITDA von 18,7 Mio. Euro (+35%).

Im Interview spricht Cicman über seine Bestseller aus einem Sortiment von mehr als 15.000 Produkten, den Zukauf von Kaja Food aus Deutschland, sein Logistik-Spin-off Boxpi und den Einstieg in den den Markt für Longevity.

Woran genau misst sich GymBeam in seiner Position als größte internationale E-Commerce-Plattform im EU-Health-&-Fitness-Segment? Wer wäre beispielsweise die Nummer zwei?

Als Benchmark dienen die konsolidierten Umsätze des Jahres 2025, die ausschließlich auf den EU-Märkten erzielt wurden. Für das Ranking wurden ausschließlich international tätige Sporternährungsmarken berücksichtigt. Um eine faire Vergleichsbasis zu schaffen, haben wir zwei Ausschlusskriterien definiert: Marken, die mehr als 80 % ihres Umsatzes mit Ready-to-Drink-Produkten (RTD) erzielen, sowie Marken, die mehr als 80 % ihres Umsatzes in nur einem einzigen Markt erwirtschaften, wurden nicht berücksichtigt. Die Vergleichsdaten stammen aus Geschäftsberichten, öffentlichen Unternehmensregistern und Wirtschaftsdatenbanken. Gehört eine Marke zu einer größeren Unternehmensgruppe, basiert die Bewertung auf einer fundierten Schätzung ihres Umsatzanteils innerhalb des Konzerns.

Welche Produktkategorien oder konkreten Bestseller treiben aktuell den Gesamtumsatz von 269 Millionen Euro?

Das Herzstück unseres Geschäfts sind nach wie vor Sportnahrung und Proteinprodukte unter unserer Eigenmarke. Was sich 2025 verändert hat, ist die enorme Breite unseres Sortiments: Mit mittlerweile 15.939 Produkten bieten wir eines der umfangreichsten Portfolios der Branche und sprechen ganz unterschiedliche Zielgruppen an – von gesundheitsbewussten Frauen über Leistungssportler bis hin zur Gaming-Community.

Unser entscheidender Wettbewerbsvorteil ist unsere Geschwindigkeit. Wir beobachten Konsumententrends sehr genau und können sie innerhalb kurzer Zeit in marktreife Produkte übersetzen. Genau das haben wir 2025 mit zwei wichtigen Entwicklungen gezeigt: Produkten zur Unterstützung von GLP-1-Anwendungen sowie spezialisierten Nahrungsergänzungen im Bereich Longevity. Beide Kategorien befinden sich noch am Anfang, zeigen aber exemplarisch unsere Arbeitsweise: Wir analysieren Daten, testen schnell und skalieren erfolgreiche Trends konsequent in unsere eigene Produktion.

Das EBITDA ist mit 35 % deutlich stärker gewachsen als der Umsatz. Welche Skalierungseffekte haben diesen Anstieg ermöglicht?

Dafür gibt es drei wesentliche Hebel, die sich gegenseitig verstärken.

Erstens unsere automatisierte Logistik. Unser neues Fulfillment-Zentrum nahe Mailand arbeitet auf 15.300 Quadratmetern mit 85 AutoStore-Robotern und kann einzelne Artikel innerhalb von zehn Sekunden kommissionieren. Das verbessert die Wirtschaftlichkeit jeder Bestellung nach Süd- und Westeuropa erheblich.

Zweitens der Ausbau unserer Eigenproduktion. Mit der Übernahme von KAJA Food in Deutschland verlagern wir mehr als 100 Produkte in die eigene Fertigung. Jedes intern produzierte Produkt verbessert unsere Marge und verkürzt gleichzeitig den Innovationsprozess – von der Idee bis zum fertigen Produkt.

Der dritte Hebel ist die Effizienz unseres Teams. Trotz eines Umsatzwachstums von 24 % arbeiten weltweit rund 650 Mitarbeitende in 16 Ländern für GymBeam. Dass wir mit einer schlanken Organisation so stark wachsen können, ist vor allem auf den konsequenten Einsatz von KI entlang unserer internen Prozesse zurückzuführen.

In welchem Ausmaß hat der Einsatz von KI-Agenten in Bereichen wie Qualitätssicherung, Einkauf oder Customer Care den Umsatz pro Mitarbeiter messbar gesteigert?

KI-Agenten haben unsere operative Produktivität grundlegend verändert. Mit einem Team von rund 650 Mitarbeitenden haben wir 269 Millionen Euro Umsatz erzielt. Dadurch stieg der Umsatz pro Mitarbeiter um 33 % auf 357.000 Euro.

Während unser Umsatz um 24 % wuchs, reduzierte sich die Mitarbeiterzahl auf natürliche Weise von 703 auf 650 Personen. Das zeigt, dass KI es ermöglicht, Unternehmenswachstum zunehmend von der Größe des Teams zu entkoppeln. Unsere langfristige Vision sind weitgehend automatisierte, sogenannte „touchless operations“, damit sich unsere Mitarbeitenden auf strategische Aufgaben konzentrieren können, anstatt Routinetätigkeiten auszuführen.

Welche strategische Bedeutung hat die Übernahme von KAJA Food im Hinblick auf Produktionskontrolle und die „Made in Germany“-Strategie?

Die Übernahme ist ein entscheidender strategischer Schritt. KAJA Food verfügt über 4.000 Quadratmeter Produktionsfläche nahe Düsseldorf, neun Produktionslinien sowie BIO- und IFS-Zertifizierungen. Dadurch gewinnen wir die vollständige Kontrolle über einen immer größeren Teil unserer Wertschöpfungskette.

Mehr als 100 Produkte werden künftig intern produziert, mit einer geplanten Jahreskapazität von über 600.000 Einheiten.

Strategisch ergeben sich daraus zwei wesentliche Vorteile: Zum einen verkürzt sich unsere Innovationszeit erheblich – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in einem stark trendgetriebenen Markt. Zum anderen stärkt die Produktion in Deutschland das Vertrauen unserer Kundinnen und Kunden, insbesondere im Zuge unseres starken Wachstums in Österreich, Deutschland und Italien. Produktsicherheit und regulatorische Konformität haben für uns höchste Priorität. Eigene Produktion ist der beste Weg, diese Standards dauerhaft sicherzustellen.

Darüber hinaus verändert dieser Schritt unser Geschäftsmodell grundlegend. GymBeam entwickelt sich von einer Marke, die Produkte entwickelt und vertreibt, hin zu einem Hersteller mit eigener Produktion. Dadurch eröffnen sich zusätzliche Geschäftsfelder wie White-Label-Produktion und neue B2B-Partnerschaften.

Wie bewerten Sie den Erfolg von Boxpi als eigenständige B2B-Logistikplattform über die internen Anforderungen von GymBeam hinaus?

Bereits im ersten Jahr hat Boxpi knapp fünf Millionen Pakete abgewickelt. Heute verlassen täglich zwischen 80 und 350 Fahrzeuge mit Waren die Plattform und beliefern den gesamten CEE-Raum.

Im ersten Jahr des kommerziellen Betriebs 2025 erzielte Boxpi knapp 1,6 Millionen Euro Umsatz. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurde diese Marke bereits überschritten – und damit das gesamte Vorjahresergebnis innerhalb von nur sechs Monaten übertroffen.

Noch wichtiger ist jedoch das Geschäftsmodell. Boxpi entstand aus der Logistikinfrastruktur, die wir über Jahre für GymBeam aufgebaut haben. Die Plattform verbindet Onlinehändler mit freien Transportkapazitäten und lokalen Logistikpartnern – vereinfacht gesagt ein „Uber für den E-Commerce“.

Während KI den Einstieg in den Onlinehandel massiv erleichtert, bleibt Logistik der entscheidende Engpass. Genau hier setzt Boxpi an. Da das Geschäftsmodell als SaaS-Plattform ohne eigene physische Infrastruktur funktioniert, sehen wir großes Potenzial für eine internationale Skalierung – möglicherweise sogar schneller als bei GymBeam selbst.

Inwiefern stellt das Portfolio von nahezu 9.000 EU-Produktregistrierungen eine Markteintrittsbarriere für neue Wettbewerber dar?

Es ist einer der am meisten unterschätzten Wettbewerbsvorteile unserer Branche. Eine Protein-Marke mit einem Shopify-Shop aufzubauen, ist heute vergleichsweise einfach. Tausende Produkte rechtskonform in mehr als 16 regulierten europäischen Märkten zu vertreiben, ist hingegen eine völlig andere Herausforderung.

Der Aufbau unseres Portfolios mit rund 9.000 EU-Produktregistrierungen war das Ergebnis jahrelanger Investitionen in regulatorische Kompetenz.

Diese Registrierungen sind gleichzeitig ein wichtiger Qualitätsnachweis. Viele kleinere Anbieter sparen bei regulatorischen Anforderungen – entweder aus Kostengründen oder weil sie deren Bedeutung unterschätzen. Für uns ist genau das Gegenteil der Fall. Jede einzelne Registrierung bedeutet, dass ein Produkt hinsichtlich Kennzeichnung, Sicherheit und nationaler Meldepflichten geprüft wurde. Diese Sorgfalt bildet die Grundlage für das Vertrauen unserer Kundinnen und Kunden.

Nach dem Fokus auf Deutschland und Italien: Welche Prioritäten setzt GymBeam 2026 beim weiteren Ausbau in Westeuropa?

Deutschland und Italien sind für uns noch vergleichsweise junge Märkte. Deshalb investieren wir derzeit intensiv in den Markenaufbau. In Italien sind wir bereits nach nur drei Jahren Marktpräsenz der viertgrößte Anbieter unseres Segments.

Unser klares Ziel ist es, mittelfristig in Märkten wie Italien sowie der DACH-Region die Marktführerschaft zu übernehmen. Erreichen wollen wir das durch hohe Produktqualität, schnelle Innovationszyklen und eine starke Community.

Das hochautomatisierte Logistikzentrum bei Mailand sowie der Ausbau unserer Produktion in Deutschland schaffen die notwendige Infrastruktur für weiteres Wachstum.

Auch der Umzug unseres Headquarters nach Wien folgt dieser Strategie. Wien liegt im Zentrum unserer wichtigsten Wachstumsmärkte Österreich, Deutschland und Italien und stärkt gleichzeitig unsere Position gegenüber Investoren auf dem Weg zu größeren Finanzierungsrunden und langfristig einem Börsengang.

Unsere Strategie bleibt unverändert: Zunächst eine starke Marktposition aufbauen, die Wirtschaftlichkeit des Modells beweisen und anschließend Schritt für Schritt weiter nach Westen expandieren – so wie wir es zuvor bereits erfolgreich von Mittel- und Osteuropa in den DACH-Raum und nach Italien getan haben.

Mit dem geplanten Einstieg in den Longevity-Bereich (NMN, Resveratrol etc.): Welche Bedeutung wird dieses Segment bis Ende 2026 innerhalb des Gesamtportfolios haben?

Longevity zählt zu den spannendsten Entwicklungen im Consumer-Health-Markt dieses Jahrzehnts und passt hervorragend zu GymBeam. Das Thema basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und erweitert unseren Fokus von sportlicher Leistung hin zu langfristiger Gesundheit und Vitalität.

2026 erweitern wir unser Sortiment unter anderem um Produkte mit NMN, Resveratrol, Quercetin und Coenzym Q10, die auf Zellgesundheit, Regeneration und Vitalität abzielen.

Wird Longevity bis Ende 2026 die klassische Sporternährung überholen? Vermutlich nicht – unser Kerngeschäft bleibt unser Kerngeschäft.

Ich sehe dieses Segment jedoch ähnlich wie den Frauenfitness-Markt vor zehn Jahren: ein Bereich mit großem Potenzial, der von vielen etablierten Anbietern lange unterschätzt wurde. Wir testen neue Kategorien schnell, analysieren kontinuierlich die Daten und verfügen mit unserer eigenen Produktion sowie unserer regulatorischen Infrastruktur über die Voraussetzungen, erfolgreiche Innovationen schneller als andere Anbieter europaweit zu skalieren.

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