KI-Sorgen schicken Asiens Chip-Aktien auf Talfahrt
Die asiatischen Aktienmärkte haben am Dienstag deutlich nachgegeben, angeführt von Südkorea und Japan. Der KOSPI stürzte um mehr als neun Prozent auf den tiefsten Stand seit Mitte April und löste im frühen Handel Volatilitätsunterbrechungen aus. Der Nikkei 225 verlor bis zu vier Prozent, der breiter gefasste TOPIX rund drei Prozent. Bei den Einzelwerten traf es die Speicher- und Ausrüsterbranche am härtesten: SK Hynix brach um bis zu 13 Prozent ein, Samsung Electronics um bis zu zehn Prozent. In Japan verloren Kioxia bis zu 18 Prozent, Tokyo Electron, Disco, Nikon und Murata jeweils mehr als neun Prozent.
Zwei Auslöser: Nvidias Deal-Volumen und ein Bericht aus China
Ausgangspunkt der Verkaufswelle waren Berichte über das schiere Volumen der jüngsten Finanzierungszusagen von Nvidia. Der Konzern arbeitet an einer neuen Runde von KI-Deals im Wert von mehr als 750 Milliarden US-Dollar; eine Partnerschaft mit der südkoreanischen SK Group soll ein Geschäftsvolumen von über 500 Milliarden Dollar umfassen, dazu laufen Gespräche über ein Backstop von bis zu 250 Milliarden Dollar, mit dem OpenAI Rechenkapazität aus einem US-Rechenzentrumsprojekt anmieten könnte. Kritiker sehen darin ein Muster zirkulärer Finanzierung: Nvidia-Kapital fließt zu Kunden, die davon Nvidia-Chips kaufen. CEO Jensen Huang weist das zurück und argumentiert, die Investitionen des Unternehmens machten nur einen kleinen Teil der Summen aus, die seine Kunden ohnehin aufbringen müssten. Die Nvidia-Aktie fiel am Montag in New York um bis zu 5,3 Prozent auf 195,92 Dollar, die Kosten für die Absicherung ihrer Anleihen gegen Ausfall stiegen auf rund 0,82 Prozentpunkte.
Verstärkt wurde der Druck durch einen Bericht von „The Information“, wonach ein staatlich gestütztes chinesisches Unternehmen mit der Massenproduktion von Immersions-DUV-Lithografieanlagen begonnen habe – ein Szenario, das japanische Ausrüster und den europäischen Marktführer ASML mittelfristig unter Wettbewerbsdruck setzen würde.
Die chinesischen und Hongkonger Tech-Werte hielten sich vergleichsweise stabil: Der Hang Seng legte 0,3 Prozent zu, während Shanghai Composite und CSI 300 um 0,6 beziehungsweise 1,2 Prozent nachgaben. Rückenwind kam vom Börsendebüt des Speicherherstellers CXMT in Shanghai, das den Optimismus über Pekings Halbleiterautarkie befeuerte.
Diese Woche: Vier Bilanzen in 48 Stunden
Der Zeitpunkt ist heikel. Microsoft und Meta legen am Mittwoch (29. Juli) nach US-Börsenschluss ihre Zahlen vor, Apple und Amazon folgen am Donnerstag (30. Juli). Bei Microsoft richtet sich der Fokus auf das Azure-Wachstum und die Frage, ob sich die KI-Investitionen in Umsatz übersetzen: Für das Kalenderjahr 2026 hat der Konzern Kapitalausgaben von rund 190 Milliarden Dollar angekündigt, das kommerzielle Auftragsvolumen (RPO) stieg zuletzt um 25 Prozent auf 627 Milliarden Dollar. Die Aktie liegt im laufenden Jahr rund 18 Prozent im Minus. Meta hatte für das zweite Quartal einen Umsatz von 58 bis 61 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, Amazon 194 bis 199 Milliarden Dollar bei einem Betriebsergebnis von 20 bis 24 Milliarden.
Apple ist in dieser Runde der Sonderfall: Der Konzern hat keinen nennenswerten Hyperscaler-Fußabdruck und keine vergleichbare Rechenzentrumsoffensive zu finanzieren. Im Zentrum stehen hier iPhone-Absatz, Services-Wachstum, das China-Geschäft und die Kommerzialisierung von Apple Intelligence.
Der Ausbau läuft zunehmend auf Pump
Was den Kursrutsch in Asien für die US-Konzerne relevant macht, ist die veränderte Finanzierungsstruktur. Nach einer Auswertung von FactSet dürften Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle im Geschäftsjahr 2026 mehr als 690 Milliarden Dollar investieren, inklusive Leasing und Vorauszahlungen im Kalenderjahr fast 800 Milliarden. Der Anteil neuer Schulden an diesen Investitionen stieg seit 2024 von neun auf 32 Prozent, die Gesamtverschuldung der fünf Unternehmen liegt bei rund 700 Milliarden Dollar. Alphabet nahm im Juni 84,75 Milliarden Dollar über neue Aktien auf. Moody’s kommt für die sechs größten Hyperscaler – zusätzlich CoreWeave – auf 785 Milliarden Dollar Kapitalausgaben im laufenden Jahr und warnt, die Investitionswelle strapaziere die Finanzen der Konzerne.
Am Anleihemarkt ist das ablesbar: Amazon hat heuer bereits rund 54 Milliarden Dollar in den USA und Europa sowie zehn Milliarden in Kanada aufgenommen, zuletzt kamen 25 Milliarden dazu; das Investitionsbudget des Konzerns liegt bei 200 Milliarden Dollar nach 131 Milliarden im Jahr 2025. Meta zapfte den Investment-Grade-Markt in diesem Jahr für 25 Milliarden Dollar an, nach 30 Milliarden im Oktober 2025. Bloomberg berichtete zudem, die Nachfrage nach Amazons jüngster Emission sei ungewöhnlich verhalten ausgefallen – ein möglicher Hinweis darauf, dass der Kapitalmarkt die wachsenden Finanzierungsbedarfe kritischer bewertet. Die Anleihen der fünf Konzerne rentieren im Schnitt rund 0,25 Prozentpunkte höher als jene vergleichbar gerateter US-Großunternehmen.
Dazu kommen Verbindlichkeiten außerhalb der Bilanz: Einer Analyse von Nikkei Asia zufolge belaufen sich die über Zweckgesellschaften strukturierten „Schatten-Schulden“ der fünf Konzerne auf rund 1,65 Billionen Dollar – zusätzlich zu knapp 1,35 Billionen offiziell bilanzierter Schulden.
Nicht alle Indikatoren zeigen nach unten
Gegen die Abschwungthese spricht die Nachfrageseite. TSMC meldete für das zweite Quartal 40,2 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 36 Prozent, und hob die Jahresprognose auf ein Wachstum von etwas über 40 Prozent an. Anleiheanalysten stufen die Hyperscaler weiterhin als Schuldner hoher Qualität ein; eine Welle an Herabstufungen wird nicht erwartet.
Entscheidend dürfte weniger die Höhe der Investitionen sein als der Zeitpunkt ihrer Amortisation. Anleger interessieren sich zunehmend dafür, wann sich die Ausgaben in Umsatz und Gewinn niederschlagen. Neben den vier Quartalsberichten stehen diese Woche auch die Zinsentscheidungen der Fed, der Bank of Japan und der Bank of England an.

