Microsoft wird Anthropic und OpenAI mit eigener „Super-App“ angreifen
Microsoft hat mit den Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026 (Ende: 30. Juni) einen Rekord vorgelegt: 90 Milliarden Dollar Umsatz und 35,8 Milliarden Dollar Nettogewinn im Quartal, für das Gesamtjahr 331,8 Milliarden Dollar Umsatz bei 133,7 Milliarden Dollar Nettogewinn. Getrieben wird das Wachstum vom Cloud- und KI-Geschäft – während etwa die Xbox-Sparte um zehn Prozent zurückging.
Bemerkenswert ist aber vor allem ein Detail in den Beilagen zur Bilanz: Wie sich Microsofts Anteile an den beiden größten – und miteinander konkurrierenden – KI-Labors entwickelt haben.
Anthropic-Beteiligung mit 3,2 Milliarden Dollar Buchgewinn, Abschreibung bei OpenAI
Für das Quartal verbuchte Microsoft seine Anthropic-Beteiligung mit einem Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar, was den verwässerten Gewinn je Aktie um 33 Cent erhöhte (ausgewiesen wurden 4,81 Dollar je Aktie). Microsoft hatte im November 2025 fünf Milliarden Dollar in Anthropic investiert – Teil einer zirkulären Vereinbarung, in deren Rahmen sich das KI-Labor verpflichtete, Azure-Dienste im Volumen von 30 Milliarden Dollar zu beziehen. Anders als bei OpenAI aktualisiert Microsoft den Wert dieser Beteiligung nicht routinemäßig jedes Quartal.
Bei OpenAI, wo Microsoft rund 27 Prozent hält, fiel die Quartalsbilanz gegenteilig aus: Der Konzern schrieb die Beteiligung um etwa 600 Millionen Dollar ab, was den Gewinn je Aktie um rund sieben Cent drückte. Auf Jahressicht sieht das Bild deutlich freundlicher aus – hier steht ein Gewinn von fünf Milliarden Dollar und ein Beitrag von 0,67 Dollar je Aktie zu Buche (Jahres-EPS: 17,95 Dollar). Zusätzlich erhält Microsoft Umsatzbeteiligungen aus dem OpenAI-Deal, deren Höhe der Konzern nicht ausweist.
Gemessen an Microsofts Gesamtergebnis ist die OpenAI-Abschreibung eine Randnotiz. Auffällig bleibt dennoch, dass der Buchgewinn aus Anthropic in einem einzigen Quartal fast so hoch ausfiel wie jener aus OpenAI im gesamten Geschäftsjahr – und dass Microsoft das explizit offenlegte.
Nadellas Botschaft: Harness und Modell trennen
Inhaltlich nutzte Nadella die Analystenkonferenz, um eine Argumentationslinie zu schärfen, die er seit Monaten vorträgt: Unternehmen sollten mehrere Modelle einsetzen und die Agenten-Ebene – das „Harness“ – nicht den Modellanbietern überlassen. Auf die Frage des UBS-Analysten Karl Keirstead nach der Open-vs.-Closed-Source-Debatte antwortete er, Ziel sei, dass Unternehmen die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal behalten. Architektonisch heiße das: Harness und Modell getrennt halten, damit jedes Modell jederzeit austauschbar bleibe.
Das Argument zielt auf zwei Ängste von Enterprise-IT-Abteilungen: Datenabfluss und Vendor-Lock-in. Es zielt aber auch auf ein Geschäftsmodell – denn OpenAI und Anthropic expandieren derzeit in Applikationen und agentische Infrastruktur, also genau in jene Ebene, über die Kundenbeziehungen kontrolliert werden.
Als Beleg führte Nadella den Vorfall bei Hugging Face aus der Vorwoche an. Dabei war ein unveröffentlichtes OpenAI-Modell aus seiner Sandbox ausgebrochen und hatte – im Bestreben, einen Benchmark zu schlagen – einen Angriff auf Hugging Face durchgeführt. Bei der Aufarbeitung verweigerte zunächst ein nicht namentlich genanntes proprietäres Frontier-Modell die Mithilfe; Hugging Face griff daraufhin auf das chinesische Open-Source-Modell Z.ai GLM 5.2 zurück, um Logs zu analysieren. Man dürfe sich nicht von der Verweigerung eines einzelnen Modells abhängig machen, so Nadellas Lesart. Der Vorfall hat die Branche breit erschüttert – auch OpenAI-CEO Sam Altman spricht inzwischen davon, das Entwicklungstempo möglicherweise zu drosseln.
Eigene Modelle, eigene Chips, eine „Super App“
Parallel baut Microsoft das eigene Portfolio aus. Nadella verwies auf einen Modellkatalog mit über 11.000 Modellen – darunter jene von OpenAI, Anthropic, Mistral und xAI, aber eben auch die hauseigene MAI-Familie. Angekündigt wurden mehr als ein Dutzend neue Modelle für Bild, Sprache, Transkription, Coding und Security, inklusive des ersten Reasoning-Modells MAI Thinking One. Die Modelle würden gemeinsam mit der eigenen Silizium-Entwicklung designt; auf dem hauseigenen Chip Maya 200 nennt Microsoft eine um 40 Prozent bessere Performance pro Watt.
Direkt gegen Anthropics Top-Tier-Modellreihe Mythos stellt Microsoft das diese Woche vorgestellte MAI Cyber One Flash. Es erreiche in Kombination mit dem eigenen Multi-Agent-Security-Harness eine bessere Performance als das deutlich größere Mythos-Modell – bei der Hälfte der Kosten, so Nadella. Unabhängige Vergleichstests, die diese Angaben stützen, liegen bislang nicht vor.
Auf der Anwendungsebene bündelt Microsoft sein Angebot: Noch heuer soll eine Copilot-„Super App“ erscheinen, die Chat, Coding, Cowork und die agentischen Autopilots in einem Produkt zusammenführt – für Consumer- und Commercial-Szenarien gleichermaßen. Ein ähnliches Bündelungsmuster verfolgt OpenAI mit seiner ChatGPT-Work-App, die ChatGPT und das Coding-Tool Codex zusammenlegt.
Partner und Wettbewerber zugleich
Nadella empfiehlt Unternehmen weiterhin, Frontier-Modelle von OpenAI und Anthropic im Mix einzusetzen – Microsoft verdient an deren Cloud-Konsum ebenso wie an den Beteiligungen. Die strategische Botschaft an Enterprise-Kunden lautet aber zugleich: die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern gering halten. Für Microsoft ist das eine komfortable Position, solange beide Rollen sich nicht gegenseitig kannibalisieren. Ob das dauerhaft aufgeht, dürfte davon abhängen, wie schnell OpenAI und Anthropic ihre eigene Applikationsschicht direkt bei Kunden platzieren – und wie gut die MAI-Modelle im Praxisvergleich tatsächlich abschneiden.

